Gedanken- und Spaziergänge im Park: Ein Feiertag?

Für mich ist der 3. Oktober kein so richtiger Feiertag, nur ein freier Tag. Und das war er in diesem Jahr auch nicht, da er auf einen Sonnabend fiel. Mir fehlen für diesen Tag die geschichtlichen Bezüge. Gab es für Deutschland an diesem Tag wichtige Ereignisse nach 1945? Als ich nachschaute, fand ich nur 1961, da startete am 3. Oktober als Folge des Mauerbaus die Aktion „Kornblume“ bei der 3.175 Menschen aus dem Sperrgebiet der deutsch-deutschen Grenze von der DDR von einem Tag auf den anderen zwangsausgesiedelt wurden. Dann gab es noch 1951 den Oberschülerprozess in Zwickau, bei dem gegen 19 Schüler aus Werdau mehrjährige Haftstrafen wegen einer Flugblattaktion verhängt wurden. Vielleicht ist es wichtig daran wieder einmal zu erinnern. Ansons-ten erfolgte an diesem Tag 1990 der Beitritt der sogenannten neuen Länder zu den „gebrauchten“ Ländern der alten Bundesrepublik. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieses Datum nur deshalb gewählt wurde, damit die auf dem Sterbebett dahinsiechende DDR am 7. Oktober nicht noch einen 41. Geburtstag feiern könnte.

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Für mich sind zwei andere Daten aus dem Verlauf der Wiedervereinigung wesentlich bedeutender, beide waren bereits 1989. Das erste ist der 9. Oktober, an dem die große friedliche Demonstration in Leipzig mit rund 70.000 Teilnehmern stattfand und nicht mit Gewalt niedergeschlagen wurde, wie es das chinesische Beispiel im Juni des gleichen Jahres befürchten ließ. Das zweite wichtige Datum für die jüngste Geschichte Deutschlands ist in meinen Augen der 9. November, der es ebenfalls verdient hätte Feiertag zu werden. An diesem Tag fiel 1989 die Berliner Mauer. Es war der Beginn der völligen Grenzöffnung und damit letztlich der des Prozesses der Wiedervereinigung. Ja, mir ist durchaus bekannt, dass es auch der Tag ist, an dem 1938 in der Reichspogromnacht Juden gequält, gedemütigt und verletzt wurden. Aber der 9. November ist ebenfalls der Tag, an dem 1918 in Berlin die Republik ausgerufen wurde. Also ein Datum, das sowohl zu ernsten wie zu freudigen Gedanken Anlass gibt und Gründe zu sowohl würdevollen als auch zuversichtlichen Feierlichkeiten geben würde.

Gerade, was die Begriffe würdevoll und Feierlichkeiten betrifft, konnte man an diesem 3. Oktober bei der Festveranstaltung in Potsdam nur den Kopf schütteln und sich abwenden. Eigentlich war sie nur peinlich. Schon der Ort, die Metropolishalle im Filmpark Babelsberg, war einer würdigen Feier nicht angemessen und eher für eine Veranstaltung des Showgeschäftes geeignet. Und so etwa lief es auch ab. Ein paar Schlagersänger traten auf, Bühne und Zuschauerraum wurden in buntes Discolicht getaucht und als Moderatoren traten die Schauspielerin Anna Loos und der Quizmaster Günter Jauch auf. Natürlich sprach der Bundespräsident. Seine Mimik und Tonfall hätten sehr gut zu einer Trauerfeier gepasst. Es war eine Rede ohne Höhepunkte, ohne Esprit und Witz. Da sehnte man sich zurück zu entsprechenden Reden seiner Vorgänger Richard von Weizsäcker oder Joachim Gauck, die wenigstens philosophischen Tiefgang besaßen und nicht mit einem fortwährend opahaft erhobenen Zeigefinger mahnten. Dazu noch seltsame Vergleiche mit der deutschen Reichseinheit von 1871, die das deutsche Kaiserreich nur als schlecht darstellten, ohne zu berücksichtigen, dass vor 150 Jahren eine völlig andere Zeit war. Die Mehrzahl der Deutschen waren damals für die Reichseinheit, ein Traum seit den Befreiungskriegen. Das war keine Zwangsvereinigung. Antisemitismus sei ein Merkmal dieses Reiches gewesen, sagte Steinmeier. Ja, es gab den Antisemitismus im Kaiserreich, ebenso wie in vielen anderen Ländern Europas. Aber Juden hatten in Deutschland die gleichen Rechte, wie jeder andere Bürger auch. Viele Juden, vor allem aus Osteuropa, kamen damals in das deutsche Kaiserreich, da sie dort bessere Chancen als in ihrer alten Heimat sahen. Hier fehlt der Platz, um alle die namhaften deutschen Juden aufzuzählen, die gerade zu dieser Zeit bedeutende Persönlichkeiten in den Wissenschaften, der Wirtschaft und den Künsten und zugleich deutsche Patrioten waren. Ich möchte fast behaupten, dass es deutschen Juden während der Zeit des Kaiserreichs besser als jemals zuvor oder danach erging. Ein flammender Appell des „Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ rief 1914 seine Mitglieder geschlossen zum Kriegsdienst auf. Etwa 100.000 deutsche Juden wurden zum Soldatendienst eingezogen, davon meldeten sich über 10.000 freiwillig zum Dienst an der Front. Übrigens war im 1. Weltkrieg der Kompaniechef Hitlers Ernst Moritz Hess (1890-1983), ein Jude, den Hitler – leider nur bis 1941 – vor Verfolgung schützte. Steinmeier beklagte ferner das damals fehlende Wahlrecht der Frauen, das ja in Deutschland erst im November 1918 eingeführt wurde. Das stimmt zwar – aber außer in drei skandinavischen Ländern gab es bis 1914 in Europa nirgends ein Frauenwahlrecht. In Schweden wurde es 1921 eingeführt, es folgten Großbritannien 1928, Spanien 1931, Frankreich 1945, Italien 1946, Belgien 1948 und die Schweiz erst 1971. Haben ihm das seine Redenschreiber nicht gesagt? Einfach mal bei Wikipedia nachschauen, kann man da nur empfehlen. Alles in allem war es halt nur eine Show und kein Festakt.

Wie ganz anders in Dresden! Da hielt der frühere Bürgerrechtler und spätere sächsische Minister Arnold Vaatz im Landtag eine leidenschaftliche Rede als Zeitzeuge und Mitgestalter des wiedergeborenen Freistaates Sachsen. Man merkte bei ihm das persönliche Erleben und das Herzblut des Tätigen, der kein Blatt vor den Mund nimmt und der durchaus zum Widerspruch reizen kann. Den Widerspruch aber gab es nicht, denn die, die vielleicht hier und da hätten widersprechen wollen, die Abgeordneten der SPD, der Grünen und der Linken, boykottierten den Vortrag und erschienen nicht. Was für ein demokratisches Armutszeugnis! Wozu Ministerpräsident Kretschmer sinngemäß passend bemerkte, dass 1989 umsonst gewesen wäre, wenn sich diejenigen durchsetzen würden, die nicht zuhören wollen. Dass die Linke nicht gern hört, wie sich ihr Luftschloss von dem angeblich besseren sozialistischen Deutschland vor 30 Jahren in Luft auflöste, kann man verstehen. Dass aber auch die SPD und die Grünen, die in Sachsen die Koalitionspartner der CDU sind, den Boykott mitmachten – das ist schmählich. Vielleicht sollten die Grünen aus ihrem Namen das „Bündnis 90“ endgültig streichen, denn die durch die früheren Achtundsechziger Joschka Fischer, Jürgen Trittin, Ströbele oder Otto Schily nach links geformten Grünen standen mit der Wiedervereinigung Deutschlands immer auf Kriegsfuß. Die damalige Bürgerbewegung „Bündnis 90“ in der DDR wurde sehr bald weitestgehend von ihnen besetzt und hat kaum noch etwas mit der früheren DDR-Opposition zu tun. Und die SPD in Sachsen? Warum beteiligten sich ihre Abgeordneten an diesem Boykott? In der Tat gab es ja einige führende Genossen, die 1989, ja sogar noch 1990 gegen die Wiedervereinigung argumentiert hatten. Insofern spiegelt der melancholische und zum Teil klagende Tonfall der präsidialen Rede in Potsdam vielleicht die unterschwelligen Befindlichkeiten dieser SPD-Genossen wider. Der schöne und viel zitierte Satz Willy Brandts zum Mauerfall 1989 „jetzt wächst zusammen, was zusammengehört“ soll nun nach archivalischen Untersuchungen gar nicht gesagt worden sein und würde weder im Manuskript noch in den Aufzeichnungen zu lesen oder zu hören sein. Und doch ist dieser Satz schön und er wurde und wird wahr. Doch: „Was ist Wahrheit?“, das fragte schon Pontius Pilatus, als er über Jesus zu Gericht saß.

In der folgenden Woche stimmte der Bundestag über die „Geschenke“ ab, die die Regierung vorbereitet hatte. Das eine betrifft die weitere Größe des über die Jahre monströs gewucherten Bundestages. Wie zu erwarten, wird sich nichts außer einer geringfügigen Kosmetik daran ändern. Man verschiebt die Lösung auf die nächste Wahlperiode! Wer’s glaubt wird selig, pflegte meine Mutter in solchen Fällen zu bemerken. Da befällt einen die alte Sehnsucht Goethes nach Italien. Dort wurde per Volksabstimmung beschlossen, dass sich die beiden Häuser des Parlamentes um je ein Drittel zu verkleinern hätten. Leider wird es solch ein lümmelhaftes Begehren des Volkes bei uns nicht geben. Das zweite „Geschenk“ ist die Erhöhung des CO2-Preises auf 25 Euro pro Tonne. Das zieht eine Preiserhöhung für Benzin und Diesel um 7 bis 8 Cent pro Liter nach sich sowie eine Steigerung der Heizkosten für Öl- und Gasheizungen und für Elektrizität bei derzeit im Weltmaßstab eher sinkenden Öl- und Erdgaspreisen! Es ist eine rein ideologisch begründete Steuer, die jeden, besonders aber die weniger Verdienenden trifft. Bis 2025 soll die CO2-Bepreisung noch auf 55 Euro steigen. Der Bewegung Friday for Futures ist das natürlich noch viel zu wenig. Sie möchten etwa 180 Euro pro Tonne CO2. Umgerechnet wäre das eine Benzinpreiserhöhung um etwa 50 Cent pro Liter! Könnte diese Wunschvorstellung vielleicht daran liegen, dass diese Bewegung vor allem von Töchtern und Söhnen recht wohlhabender Eltern dirigiert wird und nicht von Menschen, die fünfmal in der Woche zu einem vielleicht auch weiter entfernten Arbeitsplatz fahren müssen?

Die Kolumnen Nr. 1 bis 54 von Paul F. Gaudi sind Ende 2019 als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ erschienen. Das Buch kann online auf unserer Internetseite www.kompakt.media bestellt werden.

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