Gedanken- und Spaziergänge im Park: Fragen eines Lesenden

Nach der großen Corona-Demonstration am 1. August in Berlin äußerten viele Politiker ihre Empörung darüber, dass diese Demonstration überhaupt stattfinden konnte. Die Demo wäre von Unvernunft gesteuert und eine riesige Infektionsquelle. Selbst unser Bundespräsident fand dazu mahnende Worte, übrigens nachdem er sich zuvor in Südtirol mit Musikern eng beieinander stehend und ohne Maske fotografieren ließ. Nun ja, alle Menschen sind gleich, aber einige sind eben gleicher. Die vielen Kritiken – auch in der Presse – machen misstrauisch. Denn die Demonstration war friedlich und die Demonstranten vertraten verschiedene politische Anschauungen. Meist wurden in der Presse wenige sogenannte „Reichskriegsfahnen“ genannt, während die in der Mehrzahl vorhandenen Regenbogenfahnen und die blauen Friedensfahnen kaum Erwähnung fanden oder abgebildet wurden. Interessanterweise stellte auch der Verfassungsschutz fest, dass Rechtsextremisten keinen nennenswerten Einfluss auf die Demonstration gehabt hätten, laut „Neue Züricher Zeitung“ (NZZ) vom 7. August. Was stutzig macht ist die überaus negative Bewertung über angeblich schlechtes hygienisches Verhalten. So eng war es auf der Straße des 17. Juni wohl nicht. Die Straße ist rund 20 Meter breit und vom Brandenburger Tor bis zur Siegessäule rund zwei Kilometer lang. Das sind knapp 40.000 Quadratmeter, so dass von den offiziell genannten 20.000 Teilnehmern jeder im Schnitt zwei Quadratmeter für sich hätte. Gut, viele standen enger.

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Sieht man sich dagegen Aufnahmen von der „Black lives matter“-Demo auf dem Alexanderplatz am 6. Juni an, an der etwa 17.000 Menschen teilgenommen haben, so sehen wir dicht gedrängt stehende Menschen, teilweise ebenfalls ohne Mundschutz. Auf diese Demonstration erfolgten keine kritischen Berichte in der Presse oder Mahnungen von Politikern. Ich finde das eigenartig, denn Hygieneregeln oder Infektiosität von Viren richten sich meiner Kenntnis nach nicht nach einer politischen Ausrichtung von Demonstranten. Wobei manche Kritiken tief unter die Gürtellinie gehen und somit die Kritiker selbst disqualifizieren. So nannte Frau Saskia Eskens (SPD) die Demonstranten vom 1. August „Covidioten“! Ein Politiker sollte den Bürgern gegenüber, auch oder gerade wenn sie anderer Meinung sind, den Diskurs und das Gespräch suchen. Sie zu beschimpfen und zu diffamieren zeigt nur, dass die Dame für den politischen Beruf eher ungeeignet ist. Leider gibt es heutzutage einige solcher „Volksvertreter“. Um einem Missverständnis an dieser Stelle vorzubeugen: eine offene und auch in Worten harte Debatte in einem Parlament ist etwas anderes und nicht zu verwechseln mit der Diffamierung von Bürgern. Im Parlament kann der Angegriffene sich verbal wehren, Demonstranten können das nicht. Leider scheint es in Mode zu kommen politisch Andersdenkende in drei Schritten mundtot zu machen: erst stigmatisieren, dann diffamieren und schließlich kriminalisieren.

Ebenso dumm wie falsch ist es, diese Demons-tranten als Coronaleugner zu diffamieren. Wohl kaum einer leugnet die Existenz und die Infektiosität der Coronaviren, aber sie hegen Zweifel an offiziellen Verkündigungen und an verschiedenen, verordneten Maßnahmen. Sind kritische Fragen zu dieser Pandemie etwa nicht berechtigt? Es ist längst nicht alles so klar und eindeutig, wie uns im Fernsehen suggeriert wird. Die Auffassungen der Fachleute widersprechen sich nicht selten. Täglich wird die Zahl der Infizierten genannt, über 200.000. Aber waren bzw. sind diese Infizierten überhaupt auch alle krank, hatten sie Symp-tome? Ein aktuelles Beispiel: Kürzlich wurde berichtet, dass im Städtischem Klinikum 19 Personen positiv getestet wurden – aber keiner von denen hatte Symp-tome oder fühlte sich krank. Ähnliches wurde auch aus Österreich, aus Ischgl bekannt, dem Ort, der als einer der ersten als Ausbruchsort in Europa bekannt wurde. Hier wurden im Juni große Untersuchungen vorgenommen. Danach hatten 42 Prozent der Untersuchten Corona-Antikörper, waren also infiziert. Aber 85 Prozent dieser Infizierten waren nicht erkrankt! Was ist denn das für eine Krankheit, die offenbar bei vielen symptomlos verläuft?

Was ist eigentlich aus Jessen, dem Ort im Landkreis Wittenberg, geworden? Nach einem Coronaausbruch in einem Pflegeheim im März wurde der Ort für einige Tage total von der Umgebung abgeriegelt. Sogar die Bundesstraße B 187, die durch den Ort führt, wurde gesperrt. Welches Ergebnis? Wenig wurde darüber berichtet, dass und warum die Totalquarantäne des ganzen Ortes wieder aufgehoben wurde.

Was wissen wir darüber, wie uns irgendwelche in Jahren zuvor durch Grippeepidemien erworbene Antikörper vielleicht auch jetzt vor Corona schützen? Wir wissen es nicht, aber es ist nicht ausgeschlossen. Ja, wir wissen nicht einmal, wie groß die „Durchseuchung“ der Bevölkerung mit Coronaviren wirklich ist und wieviel der Infizierten überhaupt erkrankt waren oder sind. So berichtete die DAK, dass der Krankenstand im ersten Halbjahr 2020 nicht höher war als 2019. Hätte man infolge der Pandemie eigentlich nicht etwas anderes erwartet, einen rasanten Anstieg der Krankmeldungen? Ein Indikator ist auch der r-Wert, der aussagt, wie viele andere Menschen ein Infizierter im Durchschnitt etwa ansteckt. Seinen Höhepunkt hatte er mit 2,86 Ende Juni. Seit zwei Wochen schwankt er zwischen 1,22 und 0,99.

Manche Politiker fordern ja, dass alle die Abstands- und Hygienemaßnahmen bestehen bleiben sollten, bis ein Impfstoff existiert. Aber wird es denn überhaupt einen wirksamen Impfstoff geben? Zurzeit wird an ein paar Dutzend verschiedenen Impfstoffen geforscht. Wenn es so viele verschiedene geben soll – heißt das dann nicht auch, dass es den einen Richtigen nicht gibt? Der Generaldirektor der WHO jedenfalls meinte kürzlich, dass es auch möglich sein könne, dass es nie einen voll wirksamen geben würde. Bekanntlich wird seit über 40 Jahren nach einem Impfstoff gegen AIDS geforscht – bislang ohne Erfolg! Oder nehmen wir die Grippeschutzimpfungen: Warum sollen sie denn jährlich wiederholt werden? Weil die Viren sich verändern und die Schutzimpfung des letzten Jahres nicht oder nur wenig vor dem kommenden Grippevirus schützt. Selbst wenn es einen Impfstoff gegen Covid-SARS-2 geben sollte – was nützt er dann gegen einen Covid-SARS-3-Virus und weitere Mutationen? Bekanntlich gab es ja bereits die Variante Covid-SARS-1, die hierzulande glimpflich ablief und gegen den es immer noch keinen Impfstoff gibt.

Ich frage mich manchmal, ob die Anordnung des Maskentragens nicht nur ein Ausdruck der Hilflosigkeit ist und ob der Kult um die Maske nicht die wirklich schlimmeren Probleme verdecken soll. Zum Beispiel die der Wirtschaft. Große Zulieferbetriebe künden Entlassungen an, auch die staatlich gestützte Lufthansa z. B. plant 22.000 Entlassungen. Und das ist doch nur die Spitze des Eisberges. Denken wir mal an die Messen- und Veranstaltungsausstatter. Oder an die vielen Gewerbetreibenden, Gaststätten und Hotels. Hier auf dem Breiten Weg haben schon ein paar Läden geschlossen. Eine der wenigen, noch urigen Bierkneipen, das „Einstein“ in der Einsteinstraße ist Geschichte. Jeder, der sich umschaut, findet genug andere Beispiele. Und was bedeutet das für die Kommunen, die dringend die jetzt einbrechenden Gewerbesteuereinnahmen brauchen? Ich halte die Frage durchaus für berechtigt, ob der umstrittene schwedische Weg nicht doch der klügere war. Jetzt scheint Schweden über dem Berg zu sein und die wirtschaftlichen Einbrüche halten sich ohne „lockdown“ in Grenzen. In ein paar Jahren werden wir wissen, was wirklich besser war.

Vom Bildungswesen ganz zu schweigen. Digitaler Unterricht und Schule von zu Hause aus kann Schule nicht ersetzen, wenn es überhaupt gut durchgeführt werden könnte, was nach allen Untersuchungen nicht der Fall ist. Die psychischen Folgen und die Folgen für die geistige Entwicklung von Kindern dürften bedenklich sein. Erste Untersuchungen deuten das an. Und da helfen keine Masken! Durch „homeschooling“ lässt sich bestenfalls Faktenwissen vermitteln, niemals aber dringend benötigte Bildung!

Zum Schluss zu etwas anderem, worüber man lachen könnte, wenn es nicht zum Heulen wäre. Ein Michael Hametmer wollte in der Zeitschrift „der Freitag“ vom 30. Juli auf Seite 13 eine ganzseitige Bresche für in der DDR geborene Schriftstellerinnen und Schriftsteller schlagen, die seiner Auffassung nach zu wenig erwähnt würden, womit er nicht ganz Unrecht hat. Und das, obwohl in diesem Jahr drei Frauen bedeutende Literaturpreise bekommen hätten. Er zählt auf: Uwe-Johnson-Preis für Irina Liebmann, Elke Erb den Büchnerpreis und – jetzt kommt’s – Helga Schütz den Bachmann-Preis. Alle diese Autorinnen sind mit großen Porträts auch abgebildet. Aber: Nicht Helga Schütz hat den Bachmannwettbewerb gewonnen, sondern Helga Schubert! Und diesen Schnitzer leistet sich jemand, der sich als Kenner der DDR-Literatur ausgibt. Dem verantwortlichen Kulturredakteur, wie auch dem Chefredakteur der Zeitschrift fiel nichts auf. Ob von diesen auch nur einer den Bachmannwettbewerb im Fernsehen verfolgt hat, ist zu bezweifeln. Und das in einer Wochenzeitung, die sich zu DDR-Zeiten, als sie noch „Der Sonntag“ hieß und noch nicht Herrn Augstein gehörte, der Kultur verpflichtet fühlte.

Die Kolumnen Nr. 1 bis 54 von Paul F. Gaudi sind Ende 2019 als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ erschienen. Das Buch kann online auf unserer Internetseite www.kompakt.media bestellt werden.

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