Montag, November 28, 2022

Gedanken- und Spaziergänge im Park: Grauer Frühling

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Es ist nicht so sehr das graue Wetter der letzten Woche, das die Überschrift bestimmt, sondern es sind die Seuche und der Krieg, die keine ungetrübten Frühlingsgefühle aufkommen lassen. Kaum glaubt man infolge der absinkenden Infektionszahlen aufatmen zu können, da beginnt der irre Möchtegern-Zar im Kreml den unseligen Krieg gegen die Ukraine mit höchst fadenscheinigen Begründungen. Keiner kann sagen wohin das noch führt und was es für Europa oder für die ganze Welt für Folgen haben wird. Sorgenvolle Gedanken lassen sich leider nicht so einfach verscheuchen wie die Spatzen vom Fensterbrett.

Zu Beginn unseres letzten Spaziergangs begrüßte mich Gerd mit den Worten: „Hast du schon gehört? Die Vorsitzende der Linken ist wegen des Sexskandals in Hessen zurückgetreten!“ „Ja“, antwortete ich, „das war ja wohl zu erwarten, dass die Wissler nicht zu halten war, zumal ihr Ex-Gefährte darin verwickelt sein soll.“ „Irrtum, mein Lieber! Die Wissler klebt auf ihrem Sessel. Nein, es ist die Henning-Wellsow die ihren Vorsitz aufgegeben hat, obwohl sie mit dem Skandal der hessischen Landesgruppe überhaupt nichts zu tun hatte. Aber ich hatte mir schon bei der Neuwahl der beiden nicht vorstellen können, dass die beiden ein harmonisches Team bilden könnten. Während Henning-Wellsow einigermaßen moderat erschien, hatte die eher linksradikale Wissler Verbindungen zu linksextremistischen Organisationen, die auch vom Verfassungsschutz beobachtet werden. Nun will sie die Partei vorerst alleine führen. Kein guter Entschluss! Wer weiß, wie die Partei das verkraftet.“ „Und ein schönes Beispiel dafür, dass entgegen einer weitläufig gelehrten Meinung eine weibliche Doppelspitze auch nicht besser ist als ein gemischtes Doppel.“ „Nun hat also auch die Linke ein ähnliches Problem wie die katholische Kirche! Dabei sind es doch so grundverschiedene Vereine.“ „Sind sie wirklich so grundverschieden, wenn man von dem Glauben an Gott absieht? Beide meinen, dass sie im Besitz der absoluten Wahrheit wären, neigen zur Radikalität und beide sind sehr dogmatisch. Aber das ist ein weites Feld.“

Vor wenigen Tagen sahen wir im Fernsehen das TV-Duell zwischen Macron und Le Pen. Wir bewunderten den fairen Umgang der beiden miteinander. Das war ein Lehrstück für eine demokratische Auseinandersetzung zweier weit voneinander entfernten Konkurrenten. Beide gingen zumeist sachlich aufeinander ein und argumentierten fair ohne dem anderen etwas zu schenken. Man würde sich wünschen, dass unsere Landtags- und Bundestagsabgeordneten diese Debatte gesehen hätten und daraus etwas lernen würden, wie man z. B. auch mit einem extremen politischen Gegner umgehen kann. Ich denke dabei an die regelmäßige Ablehnung eines AfD-Abgeordneten bei der Wahl zum Vizepräsidenten des Bundestages. Da spielt es überhaupt keine Rolle, ob dieser Kandidat extremis-tisch vorbelastet war oder nicht. Er oder sie gehört der AfD an und damit sind sie unwählbar! Oder, dass auf Debattenbeiträge der AfD nicht sachlich, sondern polemisch oder gar nicht geantwortet wird. Ein Paradebeispiel dafür gab Andreas Audretsch (Grünen) Mitte Februar ab. Auf eine sachliche Anfrage eines AfD-Abgeordneten antwortete er lediglich mit schnöseliger Überheblichkeit: „Ich kann es sehr kurz machen. Ich spreche mit Rechtsextremisten nicht!“ Dazu passt ein Gedanke des griechischen Philosophen Platon, der in einem kürzlich erschienenen Interview von dem Philosophen Sloterdijk zitiert wurde: „Platon betonte, dass man vor dem 50. Lebensjahr niemanden den Staat anvertrauen solle, da bis dahin noch zu viel unreife Impulsivität mitspiele.“ Diese Erkenntnis ist zwar schon zweieinhalbtausend Jahren alt – aber sie erscheint immer noch bedenkenswert.

Bundeskanzler Olaf Scholz sowie die sozialistischen Ministerpräsidenten Spaniens und Portugals haben die Franzosen zur Wahl von Amtsinhaber Emmanuel Macron bei der Stichwahl aufgerufen. In einem am letzten Donnerstag von der französischen Tageszeitung „Le Monde“ veröffentlichten Gastbeitrag sprachen sich die drei Regierungschefs gegen die rechtspopulistische Kandidatin Marine Le Pen aus – ohne jedoch ihren Namen zu nennen. Die Franzosen hätten die Wahl zwischen einem demokratischen Kandidaten und einer Rechtsaußen-Kandidatin. Sie hofften, dass die Franzosen „ein Frankreich wählen, das unsere gemeinsamen Werte verteidigt“, hieß es in dem Beitrag. Ich weiß nicht, ob das eine besonders gute Idee war, denn die Franzosen lassen sich nicht gerne von außen in ihre Politik und in ihre Wahlentscheidungen hineinreden. Es könnte kontraproduktiv gewesen sein. Bemerkenswert erscheint mir auch, dass von allen Verfechterinnen der Idee, dass Frauen eine bessere Politik machen würden, kein Wort für Le Pen fiel. Dabei wäre sie doch die erste Präsidentin in der Geschichte Frankreichs! Es ist falsch, Madame Le Pen als eine Europagegnerin zu bezeichnen. Das ist sie sicher nicht. Aber sie hat eine andere Vorstellung von einem Europa. Die entspricht mehr der alten Vorstellung von de Gaulle, der von einem Europa der Vaterländer sprach. Es ist die Frage, um die immer noch gerungen wird, ob man sich die europäische Union als einen Staatenbund oder als einen Bundesstaat wünscht. Viele gute Europäer und einige europäische Regierungen wünschen sich eher einen Staatenbund, der den nationalen Interessen noch genügend Spielraum bietet und in dem eine überbordende Bürokratie aus Brüssel nicht in jede nationale Gesetzgebung hineinregiert. Das war sicher u. a. auch ein Grund, warum Großbritannien die EU wieder verlassen hat. Es erscheint sehr fraglich, ob Frau Le Pen wirklich eine Chance hat, da die Zahl ihrer Gegner groß ist. Und so kam es auch, Macron wurde Sieger und bleibt Präsident.

In den Wochen der russischen Aggression gegen die Ukraine machte der ukrainische Botschafter Melnik oft Schlagzeilen. Vor allem wegen seinen direkten Äußerungen bezüglich deutscher Politiker wurde er sehr kritisiert. Es stimmt schon, diplomatisch waren seine Äußerungen nicht. Aber was wichtiger ist: sie waren ehrlich und aufrüttelnd, auch was die Rolle führender deutscher Politiker im Verhältnis zu Russland betriff! Ein Botschafter, der für sein Land spricht, dem bildlich gesprochen das Wasser bis zum Hals steht und das dringend Hilfe braucht – ein solcher Botschafter braucht keine diplomatischen Floskeln, sondern klare, ehrliche Worte.

Was uns die Ukraine-Krise noch bescheren wird, steht in den Sternen. Die meisten Menschen denken mit großer Sorge an diesen Konflikt und manche haben die schlimmsten Befürchtungen. Sie wirkt sich sogar manchmal auf Familien und Freundschaften aus, je nachdem, wie man die Rolle Russlands und Putins bewertet. Die einen sehen die russische Aggression als eine Notwehr gegen eine Umzingelung durch die NATO an, die andern sprechen von einer großrussischen und faschistischen Aggression eines Pseudo-Zaren. Da gibt es oft keine Brücke. Manche Diskussionen verlaufen folgendermaßen: der eine beklagt die russische Aggression, worauf der andere oft mit dem Beispiel vergangener amerikanischer Aggressionen im Irak, in Vietnam oder anderswo antwortet. Also nach dem Motto: der eine ist genauso schlimm wie der andere. Darin ist ein wahrer Kern, doch ein früheres Unrecht der einen Seite kann nie eine Rechtfertigung für neues Unrecht der anderen Seite sein! Mich erinnert das immer noch an den alten Witz aus DDR-Zeiten: Zurzeit Breschnews sitzt ein Amerikaner seit einer Dreiviertelstunde in einer Moskauer Metrostation und wartet auf die U-Bahn. Als ein Metroangestellter vorbeikommt, sagt er: „Was ist hier los, laut Reiseführer soll alle 5 Minuten ein Zug fahren! Und ich warte schon seit über einer halben Stunde.“ Worauf der Schaffner antwortet: „Und was machen Sie mit den Schwarzen?“ Nach diesem Prinzip laufen manche solcher Gespräche über Schuld und Unschuld in der Ukrainekrise. Sehr stabile und über Jahrzehnte sich bewährt habende Freundschaften behelfen sich manchmal damit, dass sie das Thema einfach vermeiden. Vielleicht ist das sogar die beste Lösung, denn ändern an der politischen Situation, die uns alle bedrückt, können wir durch unsere Streitgespräche auch nichts. Wir nutzen weder den Ukrainern noch den Russen damit, wenn wir uns in den Diskussionen zu Anwälten der beiden Kriegsparteien machen. Im schlimmsten Fall aber beschädigen wir vielleicht unsere vertrauensvollen, freundschaftlichen und bewährten Beziehungen. Und dieser Preis für einen nutzlosen Streit ist viel zu hoch!
Als sich am Steubendenkmal unsere Wege trennten, sagte Gerd zu mir: „Schau, diese herrliche Blumenwiese aus Osterglocken und Tulpen! Es gibt doch noch Erfreuliches und nicht nur Graues!“

Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“
Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100) erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

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