Samstag, Oktober 16, 2021
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Gedanken- und Spaziergänge im Park: Häme, Wahl und Trauer

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Hast du in unserer Tageszeitung den Artikel über den neuen österreichischen Dokumentarfilm Eine andere Freiheit, der die Coronaschutzimpfung hauptsächlich für Kinder betrifft, gelesen?“, fragte Gerd mich gleich zu Beginn unseres Spaziergangs. „Ja, warum?“, erwiderte ich. „Na, ich wundere und freue mich über den Ton dieses Artikels“, sagte er und erklärte mir, warum. Dieser Dokumentarfilm gehe sehr kritisch mit der Coronaschutzimpfung für Kinder zu Gericht. Auch Til Schweiger äußert sich zu diesem Problem, soweit man es in einem Trailer sehen konnte. Das Besondere an diesem Artikel, findet Gerd, sei sein fairer Ton. Er berichte rein sachlich über den Inhalt des Filmes und gibt ein paar der dort geäußerten Meinungen von Fachleuten und anderen Menschen zur Kenntnis. Er wertet dabei nicht auf und wertet auch nicht ab. Und das, sagt Gerd, wäre heute schon etwas Besonderes. Denn bei seinen Internet-Recherchen fand er allerlei hämische und abwertende Bemerkungen zu der Person Til Schweigers, diesen Film betreffend. Manchmal habe er den Eindruck, dass es in manchen Dingen, besonders im Falle Corona, nur eine richtige Meinung geben dürfe – eben die, die die Regierung vertritt. Dabei gäbe es doch auch eine ganze Reihe von Wissenschaftlern, die dazu eine abweichende, manchmal sogar eine konträre Auffassung hätten. Allerdings stünden diese bei den öffentlich-rechtlichen Medien nicht so sehr in der Gunst. Diesbezüglich sei Herr Lauterbach sowieso unschlagbar.

Ein gutes Beispiel dafür sei auch der Umgang der Virologen miteinander. Kürzlich wurde darüber berichtet, dass für eine Corona-Studie des Bundesgesundheitsministeriums mehrere Wissenschaftler gesucht worden waren. Auch Prof. Dr. Streeck (Direktor des Instituts für Virologie am Universitätsklinikum Bonn) sei einem internen E-Mail-Verkehr zufolge in der Auswahl gewesen. In einer E-Mail vom 26. September aber soll der Charité-Virologe Drosten in Bezug auf Streeck geschrieben haben, er (Drosten) gebe „im Sinne des Konsortiums zu bedenken, dass dessen Äußerungen sich mit dem Gedankenspektrum von ‚Querdenkern‘ überschneiden“ und das sei in der Öffentlichkeit bekannt. „Deshalb hätte seine Teilnahme Auswirkungen auf das Ansehen des Projekts.“ Diese Bemerkung hatte anscheinend gereicht, dass daraufhin Professor Streeck an dieser Studie nicht beteiligt wurde, obwohl er zu den führenden deutschen Virologen, auch was Corona betrifft, gehört. Es scheint also bei Wissenschaftlern nicht nur um Wissenschaft zu gehen, sondern auch um Macht und Einfluss.

Das ist keine neue Erkenntnis. Aber ist der Wettstreit unterschiedlicher, manchmal sogar konträrerer Auffassungen nicht genau das, was die Entwicklung der Wissenschaften immer vorangetrieben hat und weiter vorantreiben wird? In dem Moment, wo es nur eine richtige Meinung zu einem komplexen Prozess gibt, wie es z. B. die Pandemie ist, tritt der Stillstand der Wissenschaften ein. Erst der Widerspruch gegen eine bestehende Auffassung führt zu weiterer Forschung und zu entsprechenden Gegenbeweisen oder auch Beweisen für die neue Behauptung. Die Parole „glaubt der Wissenschaft!“, die oft von den Funktionärinnen der Bewegung „Friday for Future“ Thunberg oder Neubauer im Mund geführt wird, ist zu einfach. Wäre die Menschheit diesem Dogma schon im Mittelalter gefolgt, dann würden wir heute noch glauben, dass die Erde eine Scheibe ist und die Sonne sich um die Erde dreht. Es waren meist die Zweifler, die neue Anstöße gaben und die Entwicklung vorangebracht haben. Manche mussten es sogar mit ihrem Leben bezahlen.

Ein trauriges Beispiel für den hämischen Umgang mit Andersdenkenden ist auch ein neuer Beitrag bei Spiegel-TV. Da wird ein Professor Müller mit vollem Namen und vollem Bild gezeigt, der auf einer Coronastation liegt und mit Sauerstoff versorgt – nicht beatmet (!) – wird. Er ist deshalb Thema des Beitrages, weil er bei Querdenker-Demonstrationen dabei war, dort wohl auch das Wort ergriffen habe und sich nicht impfen ließ. Die hämische Genugtuung, fast Schadenfreude, dass er nun erkrankt und auf einer Corona-Station liegt, ist nicht zu überhören. Man fragt sich, was die Autoren da geritten hat. Nebenbei bemerkt: Das in einer Zeit, wo bei jedem Massenmörder oder Vergewaltiger das Gesicht unkenntlich gemacht und der Nachname nur mit dem Anfangsbuchstaben angedeutet wird. Irgendwie ist es nicht zu fassen!

Die Europäische Union scheint die wirtschaftlichen Krisen infolge der Corona-Seuche ebenfalls missbräuchlich für sich nutzen zu wollen, um widerspens-tige Mitglieder zu zähmen. So wurde mitgeteilt, dass die Milliarden der Coronahilfen für Polen und Ungarn durch den zuständigen EU-Kommissar aufgehalten würden, obwohl sie den beiden Ländern rechtmäßig zusteht. Angeblich ginge es um den möglichen Missbrauch der Gelder. Ach so. Und wie sieht es diesbezüglich in manchen Balkanländern aus, aus denen immer mal wieder von großen Korruptionsskandalen berichtet wurde? Will man die durch die Seuche entstandenen Nöte ausnutzen um die beiden Nationen zu disziplinieren? Das dürfte die Spaltung der EU eher vergrößern, statt sie zu mindern. Die EU ist ein Staatenbund und kein Bundesstaat, wie z. B. Deutschland oder die USA. Das scheinen die EU-Funktionäre oft und gerne zu verwechseln. Da wundert es nicht, dass Großbritannien von der EU genug hatte und die wohlhabenden Nationen Schweiz und Norwegen nicht das geringste Interesse an einer Mitgliedschaft in dieser bevormundenden Superbürokratie haben.
Die Wahlen stehen bevor. Die namhafte Schriftstellerin Juli Zeh meinte dazu, dass sie derzeit mit allen Parteien ziemlich unglücklich sei. „Der Wahlkampf scheint mir an den Problemlagen recht weit vorbeizugehen.“ Statt des Streitens verschiedener sozialer Schichten um einen fairen Ausgleich würde ein „Kulturkampf“ geführt und es gehe darum, was man denken soll, wie man reden soll und wie man leben soll, meint sie. Können das unsere Wahlkämpfer nicht sehen oder begreifen sie es nicht? Die Genderei z. B., mit der die schöne deutsche Sprache verhunzt wird, geht den allermeisten Menschen – milde ausgedrückt – am Gesäß vorbei. Sie finden es meist nur lächerlich und als ein „Problem“ einer abgehobenen, gutverdienenden Schicht. Die wahren Sorgen sind doch wohl eher wirtschaftlicher Natur. Die EZB hat kürzlich eine Inflation um die 2 Prozent als Ziel angegeben. Tatsächlich beträgt sie in Deutschland jetzt schon 3,9 Prozent und ist damit die höchs-te seit 25 Jahren! Die Strompreise steigen stetig, in ihnen sind über 50 Prozent Steuern enthalten! Die rein ideologisch begründete CO2-Steuer erhöht die Kraftstoffpreise beträchtlich. Das betrifft aber nicht nur die Autofahrer, sondern alle, denn die dadurch gestiegenen Produktions- und Transportkosten werden natürlich durch den Handel auf den Verbraucher abgewälzt. So werden auch die Waren immer teurer. Das Dumme an der Sache ist nur, dass nicht der Wähler über die Einführung und Höhe der CO2-Steuer entscheiden darf, sondern Leute, die über 10.000 Euro im Monat verdienen, zuzüglich Aufwandsentschädigungen und anderer Vergünstigungen. Es sind die Volksvertreter, unsere Bundestagsabgeordneten, die unter ihren eigenen Beschlüssen nicht groß zu leiden haben. Die Bundesregierung scheint aber noch reichlich finanzielle Mittel übrig zu haben, wenn wir daran denken, dass sehr, sehr viele Stiftungen oder politische Vereine Hunderte von Millionen an Fördermitteln kassieren. Nehmen wir nur einmal die parteinahen Stiftungen der politischen Parteien. Der Bund der Steuerzahler berichtet, dass 2020 542 Millionen Euro an die parteinahen Stiftungen von CDU, SPD, FDP, Grüne und Linke gegangen wären. Er beklagt, dass keine Gesetzgebung den Umfang, die Verwendung und die Kontrolle dieser Steuermittel regelt. So haben fast alle dieser Stiftungen auch diverse Vertretungen im Ausland in allen Erdteilen. Warum eigentlich? Es gibt die Botschaften der BRD einschließlich ihrer Konsulate und Kultur-Attachés. Außerdem noch die Goethe-Gesellschaft, die die kulturelle Botschaft unseres Landes in der Welt wahrnimmt. Wenn deutsche Parteien im Ausland für ihre eigenen ideologischen Vorstellungen tätig sein wollen, dann sollten sie doch das bitte auf eigene Kosten tun.

Als ich nach Hause kam, sah ich die Trauerfeier für den verstorbenen Schauspieler Jean-Paul Belmondo (Spitzname Bébel). Die Feierlichkeit war eines großen Staatsmannes würdig und Präsident Macron hielt eine bewegende und persönliche Rede ohne Betroffenheitsphrasen. Er endete mit den Worten: „Adieu Bébel! Vive la République! Vive la France!“ „Ach“, sagte ich zu meiner Frau, „wann hat je ein deutscher Politiker eine Rede mit: es lebe die Bundesrepublik, es lebe Deutschland, beendet? Ich beneide die Franzosen!“

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