Gedanken- und Spaziergänge im Park: Herbstgedanken

„Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.“

Mit diesen Zeilen fängt das Gedicht „Herbsttag“ von Rainer Maria Rilke an, das mir in diesen Tagen immer wieder in den Sinn kommt. Was für wundervolle Spätsommertage waren doch die letzten Tage des Septembers und die ersten im Oktober. Ganz so, wie die zweite Strophe dieses Gedichtes es beschreibt:

„Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.“

Die Sonne schien ausgiebig, es war warm und auch in den Nächten kühlte es nicht sehr ab. Manch einer fuhr noch zu den Seen in der Umgebung von Plötzky und Pretzien um zu baden. Die Menschen genossen unseren Rotehornpark ausgiebig zum Spazierengehen oder für ein Picknick. Es war ein Nachsommer, wie ihn Kurt Tucholsky in seinem Text „Die fünfte Jahreszeit“ so eindrucksvoll schilderte. Dann aber, etwa ab der zweiten Oktoberwoche wurde der Sonnenschein spärlicher und es wurde kühler. Tucholsky beschrieb es so: „So vier, so acht Tage – und dann geht etwas vor. Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Noch ist alles wie gestern: Die Blätter, die Bäume, die Sträucher … aber nun ist alles anders… Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören.“ Ja, so war es auch in diesem Jahr wieder und auch ich wünschte mir wider besseres Wissen, dass es so bleiben solle.

Und dann, am Donnerstag, dem 22. Oktober, noch einmal solch schöner, sonniger und warmer Tag. Es war, als würde der nach dem Süden abgereiste Sommer uns von daher noch einen lieben Gruß senden mit der Zusage im nächsten Jahr wieder zurückzukommen. Viele Menschen nahmen diese Botschaft freudig und dankbar auf und erfreuten sich an der Natur.

Der Herbst hat eigentlich zwei sehr unterschiedliche Abschnitte. Der erste ist so, wie ihn Rilke in den ersten beiden Strophen seines Herbsttages beschreibt. Die Blätter sind bunt, noch blühen späte Blumen, es ist eine morbide Schönheit, eine Verklärung des Endes. Die Kinder lassen Drachen steigen, sammeln bunte Blätter und Kastanien (tun sie es heute noch?). Man erfreut sich daran und genießt es, aber ahnt, dass es nur noch von kurzer Dauer ist. Die zweite Phase des Herbstes ist meist dunkel, feucht, nass und kühl, manchmal sogar kalt. Ich gestehe, dass ich zu den Menschen gehöre, die diesen Herbst, den mit der Dunkelheit am Morgen, mit seiner Nässe und Feuchtigkeit nicht sehr mögen. Ich nehme in hin, muss ihn ertragen. Mit diesem „Geschmack“ gehöre ich wohl kaum zu einer Minderheit. Es ist sicher kein Zufall, dass die Menschen solche Feier- und Gedenktage wie Totensonntag, Buß- und Bettag oder den Volkstrauertag in den späten Herbst gelegt haben. Im Mai, wenn die Natur vor Lebenskraft und Lebenslust nahezu sprüht, wären diese Feiertage nur schwer vorstellbar. Der Herbst ist da stiller, von ungemütlichen Stürmen abgesehen, die aber oft mehr zerstörerisch als erfrischend sind.
Diese Stille des Herbstes hat aber doch etwas Schöpferisches. Vielleicht sollte ich besser sagen: diese scheinbare Stille bereitet das Schöpferische vor, sammelt die Energie, die Kraft dazu. So wie sich in der Natur die Kräfte für das Sprießen und Wachstum im Frühjahr sammeln. Es ist eine Stille, die manche Menschen melancholisch werden lässt. Auch die Melancholie ist eine Stille. Es wäre ein Fehler, Melancholie mit Traurigkeit oder gar Depressionen zu verwechseln. Depressionen sind eine psychische Krankheit, die den Kranken oft lähmt und scheinbar zu nichts fähig sein lässt. Er schleppt sich nur so durch das Leben. Eine tiefe und eigentlich anlasslose Lust- und Antriebslosigkeit beherrscht ihn. Traurigkeit dagegen hat so gut wie immer einen Anlass und ist die verständliche Reaktion auf einen schwer zu verschmerzenden Verlust im weitesten Sinne.

Ganz anders die Melancholie. Sie wird von verschiedenen klugen Menschen auch sehr verschieden beurteilt. Der Simplicissimus in dem Schelmenroman von Grimmelshausen aus dem dreißigjährigen Krieg übersetzte das fremde Wort für sich als „Maulhenkuley“ – die hängenden Mundwinkel als Zeichen der Traurigkeit. Für Siegmund Freud war sie etwas Negatives. Sie ist für ihn durch Herabsetzung des Selbstgefühls gekennzeichnet. Er schreibt in seiner Arbeit „Trauer und Melancholie“, dass „die Melancholie seelisch ausgezeichnet ist durch eine tiefe schmerzliche Verstimmung, eine Aufhebung des Interesses für die Außenwelt, durch den Verlust der Liebesfähigkeit, durch die Hemmung jeder Leistung und die Herabsetzung des Selbstgefühls, die sich in Selbstvorwürfen und Selbstbeschimpfungen äußert und bis zur wahnhaften Erwartung der Strafe steigert.“ Dazu kann man durchaus anderer Meinung sein. Ich finde diese Beschreibung als zu negativ, sie trifft auf die Depression eher zu.

Für seine vielleicht beste und kreativste Schülerin, Lou Andreas-Salomé, ist Melancholie das Bewusstsein der verlorenen Einheit der Dinge, also ein Punkt, den wir eigentlich alle schon in der Kindheit durchlebt und durchlitten haben, aber vielleicht nie reflektierten. In dem rätselhaften Kupferstich Albrecht Dürers Melencolia I sehen wir eine versonnen in die Ferne (oder ins Leere?) blickende Figur, umgeben von Gegenständen des Handwerks, der Kunst, der Wissenschaft und der Religion. Der Kunstwissenschaftler Erwin Panowsky sieht in dem Bild einen Ausdruck für die Melencolia Artificialis, eine Künstlermelancholie, die nicht depressiv, sondern genial ist. Auch in der Renaissance fand der Humanist Ficino, dass die Melancholie das einzige zum Schöpfertum befähigte der vier menschlichen Temperamente sei. Melancholie – eine Schwangerschaft des Geistes? Vielleicht.

Auch der Umgang mit dem Melancholiker sollte ein anderer sein als der mit einem Leidenden. Der oder die Depressive braucht Therapie, sei es Psychotherapie oder Medikamente, um aus der Depression heraus zu kommen. Die Trauernden benötigen Beistand und Solidarität, der Melancholische will aber oft für sich sein, er ist eingesponnen in seine Gedanken und Gefühle. Als ich einen guten Freund in solcher Phase einmal fragte, was ihm fehle, antwortete er mir: „Ich bin wunschlos unglücklich.“ Das sollte man sich auf der Zunge zergehen lassen und darüber nachdenken, was es bedeutet, sowohl wunschlos als auch unglücklich zu sein. Nach solch einer Phase tauchen die Melancholiker plötzlich aber wieder auf wie aus einem erholsamen Bad, manchmal mit einem Gedicht oder einer neuen Idee. Viktor Hugo definierte: „Melancholie ist das Vergnügen traurig zu sein“. Und ein anderer Franzose, Nicolas Chamfort, sagte: „Es gibt eine Melancholie, die mit der Größe des Geistes zusammenhängt.“ „Alle Veränderungen, sogar die meistersehnten, haben ihre Melancholie. Denn was wir hinter uns lassen, ist ein Teil unserer selbst. Wir müssen einem Leben Lebewohl sagen, bevor wir in ein anderes eintreten können“, schrieb Anatole France. Es gäbe noch viele verschiedene Bemerkungen kluger Leute zur Melancholie, aber die meisten sehen in ihr eine Chance zum Schöpferischen und zur Selbstfindung und nicht etwas, was man vermeiden müsste oder gar als eine Krankheit behandeln sollte!

Doch zurück zum Herbst in Verbindung mit der Melancholie und zu dem zu Beginn zitierten Gedicht von Rilke. Die dritte und letzte Strophe lautet:

„Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.“

Ach ja, lange Briefe schreiben. Aber wer tut das noch im Zeitalter von Twitter, Facebook und WhatsApp?

Anmerkung: Die Worte „laß“ und „gieb“ in dem Gedicht von Rilke entsprechen der damaligen Rechtschreibung.

Die Kolumnen Nr. 1 bis 54 von Paul F. Gaudi sind Ende 2019 als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ erschienen. Das Buch kann online auf unserer Internetseite www.kompakt.media bestellt werden.

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