Gedanken- und Spaziergänge im Park: Ist Geibel aktuell?

Ist Geibel aktuell?” von Paul F. Gaudi

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Ist Emanuel Geibel wieder aktuell? Das fragte Gerd mich letztens. Ich war erstaunt, denn wer kennt noch Emanuel Geibel? Er wurde 1815 in Lübeck geboren, wo er auch 1884 starb. Nach einem Theologie- und Philosophiestudium wurde er vor allem als Lyriker bekannt und war im 19. Jahrhundert ein berühmter Autor und Verfasser vieler Gedichte. Viele seiner Gedichte wurden zu Liedern von namhaften Komponisten wie Brahms, Schumann, Mendelssohn-Bartholdy und Hugo Wolf komponiert, belehrte mich Gerd. „Aber eines kennst Du ganz bestimmt: Der Mai ist gekommen, das haben wir doch immer gesungen, wenn wir am 1. Mai als Studenten auf der damaligen Wilhelm-Pieck-Allee an der Tribüne vorbeimarschieren mussten und die Beschallung mit Kampfliedern übertönen wollten.“ „Ja, na klar, aber dann hört ’s auch auf mit meiner Kenntnis. Trotzdem verstehe ich Deine Frage nicht, wieso er wieder aktuell sein sollte.“ Darauf erklärte er mir, dass Geibel 1861 auch ein siebenstrophiges Gedicht mit dem Titel „Deutschlands Beruf“ geschrieben habe, dessen letzte 2 Zeilen lauten „Und es mag am deutschen Wesen einmal noch die Welt genesen.“ So manches an der deutschen Politik und öffentlichen Informationen erinnere ihn an diese Zeilen. Und schon waren wir wieder beim Politisieren.

In der Tat hat man immer wieder den Eindruck, dass das offizielle Deutschland sich immer wieder als Besserwisser und Schulmeister für andere Völker und ihre Regierungen darstellt. Zum Beispiel gegenüber Polen. Es mag ja sein, dass wir manches anders sehen, aber das bedeutet ja nicht, dass die polnische Regierung deshalb für ihr Land schlecht oder unrecht handelt. Polen hat eine andere Geschichte, hat andere Erfahrungen gemacht und setzt daher natürlich auch andere Prioritäten. Als ob unsere Regierung oder Teile unserer Journalisten bei Fernsehen, Rundfunk und Presse tatsächlich besser wüssten, was für Polen gut sei, als die Polen selber! Gerade deutsche Besserwisserei stößt nach den schlimmen Erfahrungen der deutsch-polnischen Geschichte bestimmt nicht auf dankbare Aufnahme! Wir sollten bedenken, dass es sich um eine demokratische, von der Mehrheit der Bevölkerung gewählte Regierung handelt und nicht um eine „Lukaschenko-Institution“.

Das gleiche gilt für Ungarn. Auch dort besteht eine demokratisch gewählte Regierung. Wie haben so manche Medien und auch Personen der EU gegen die Orban-Regierung gewettert, als diese Ende März wegen Corona den Ausnahmezustand erklärte und es wurde gemutmaßt, dass das womöglich der Beginn einer Orban-Diktatur sei und ein faschistisches Gespenst wurde an die Wand gemalt. Was aber geschah tatsächlich? Wie angekündigt wurde der Notstand Ende Juni beendet, was aber in den Medien deutlich weniger Echo erzeugte. Vielleicht sollten wir auch bedenken, dass diese beiden Völker, die im Gegensatz zu uns noch über ein stolzes Nationalgefühl verfügen, jahrhundertelang unter verschiedenen Fremdherrschaften litten und daher besonders empfindlich reagieren, wenn sie den Eindruck haben, dass ihre Selbstbestimmtheit, ihre Souveränität wieder einmal verletzt werden könnte.

Ähnlich kritisch wird auch der österreichische Kanzler Kurz beäugt, der sowohl den Brüsseler, wie auch den deutschen Vorstellungen bezüglich der Migranten aus Griechenland Widerstand leistet und jetzt aus Griechenland keine Migranten aufnehmen will. Das in völliger Übereinstimmung mit der griechischen Regierung, die wohl zu Recht befürchtet, dass der Erfolg von Brandstiftung in den Lagern der Migranten Schule machen könnte. Viele andere europäische Länder denken und handeln ebenso. Nur die Deutschen, wieder einmal als das bessere „deutsche Wesen“, unterlaufen das und beginnen – wenn auch erst noch zaghaft – eine Überführung von Auswanderern nach Deutschland. Was den Emigranten natürlich entgegenkommt, denn wie häufig zu hören ist, wollen die meisten nach Deutschland. Gerd ist darüber immer wieder auf das Neue verwundert, denn wenn man verschiedenen Medien glauben würde, wimmelt es in unserem Land doch nur so von Neonazis, Faschisten, Rassisten, Ausländerfeinden und ähnlichen Übeltätern. Wie kann man da nur hin wollen?

Kanzler Kurz jedoch weigert sich weitere Migranten aus Griechenland aufzunehmen, interessanterweise sind seine Regierungspartner die Grünen! Bei Kritiken an Kurz wird Gerd immer ganz ärgerlich, denn seine liebste Phantasie ist eine Union von Österreich und Deutschland mit Wien als gemeinsamer Hauptstadt und Kurz als Kanzler. Na, jeder hat halt so seine Spinnereien, kann ich dazu nur sagen. Allerdings hat man doch bei vielen Gesprächen den Eindruck, dass viele Menschen, die nie öffentlich zu Wort kommen, die Haltung Österreichs auch für Deutschland besser fänden. Nur hat die Sache einen Haken: Dann wären wir ja nicht mehr die Besten, das Vorbild für alle Welt im Sinne Emanuel Geibels.

Ganz ähnlich verhält es sich mit der Klimapolitik. Auch hier wollen wir die Welt durch deutsches Wesen genesen lassen. Das Problem ist nur, dass andere Staaten sich durchaus nicht als behandlungsbedürftige Patienten oder als zu belehrende Schüler empfinden. Abgasfreie Atomkraftwerke werden hier stillgelegt, Kohlekraftwerke möglichst auch bald. Rund um Deutschland aber laufen die Kernkraftwerke weiter und weitere sind in Bau! Von da können wir ja dann den dringend benötigten Strom importieren. Eine Deutsche musste Präsidentin der EU-Kommission werden, um Klimaziele für ca. 1 Billion Euro zu verkünden, die sie – milde ausgedrückt –vollmundig mit der Mondlandung verglich. Kürzlich setzte sie noch eins drauf, in dem sie forderte, die Senkung des CO2-Ausstoßes bis 2030 nicht nur um 40 %, sondern nun sogar um 55 % zu senken. Die Frage ist nur, wie und auf wessen Kosten. Dazu kommt noch, dass ganz Europa lediglich 9 % des weltweiten CO2-Ausstoßes verursacht! Aber wieder sind wir die Größten. Ja, ja, am deutschen Wesen soll die Welt genesen – geht’ s nicht mal eine Nummer kleiner? Immer müssen wir die Größten sein: Mal die größten Verbrecher und dann wieder die größten Heilsbringer, Hauptsache groß. Diese Hybris ist schwer zu ertragen.

Vielleicht sollten wir mal andere als Vorbild für das eigene Handeln erkennen, zum Beispiel die Italiener. Die haben es bei der kürzlich erfolgten Volksabstimmung doch tatsächlich geschafft, dass sich ihr Parlament, das aus dem Senat und der Abgeordnetenkammer besteht und zusammen etwa 945 Abgeordnete umfasst, sich um ein Drittel, auf rund 600 Parlamentarier verkleinern muss. Wäre das nicht ein Vorbild für unseren maßlos gewucherten Bundestag? „Ja“, meinte Gerd, „von Italien lernen, heißt siegen lernen! Aber das wird bei uns nicht klappen.“ „Und warum nicht?“ „Weil bei uns nicht das Volk da-rüber entscheiden darf, sondern die Abgeordneten selber. Und glaubst Du etwa, dass die sich selbst ihre bequemen und einträglichen Drehsessel unter dem Hintern wegziehen würden?“ Dem konnte ich nichts entgegensetzen.

Aber dann hingen wir unseren Erinnerungen nach, Erinnerungen an die französische Chansonnière Juliette Greco, die am 23. September mit 93 Jahren gestorben ist. Wir hatten sie beide 1963 im Hygienemuseum in Dresden erlebt. Es war wundervoll, fast eine Erweckung, die Liebe zu Frankreich und Paris wurde dort geboren. Die Langspielplatte von Amiga 1967, wie oft wurde sie abends aufgelegt. Die Greco war eine Ikone des Chansons und sie blieb sich über die Jahrzehnte gleich. Sie folgte keinen wechselnden Moden und keiner grellen Kostümierung. Sie im langen, engen und langärmeligen schwarzen Kleid, das helle, von schwarzen Haaren umrahmte Gesicht und ihre beweglichen Hände. Sie sang auch mit den Händen. Sie wirkte unnahbar und ganz nah erotisch zugleich. Sie wurde und ist eine Legende, die bis in ihr hohes Alter hinein in immer vollen Sälen noch auftrat. Die drei ganz großen Chansonnièren, Edith Piaf, Barbara und die Greco sind nun tot. Gibt es wenigstens eine ebenbürtige Nachfolgerin? Und ihre herrlichen Lieder: Accordéon oder ihr Parlez-moi d’amour – unvergeßlich. Auch das freche „Déshabillez-moi“ – „Ziehen Sie mich aus!“:

„Ziehen Sie mich aus, ziehen Sie mich aus.
Ja, aber nicht gleich, nicht zu schnell.
Begehren Sie mich, ersehnen Sie mich, erobern Sie mich.
Ziehen Sie mich aus, ziehen Sie mich aus.
Aber machen Sie es nicht wie alle Männer.
Nichts überstürzen,
Zuerst ein Blick,
Während des ganzen Vorspiels
Darf er weder grob sein noch schüchtern,
Verschlingen Sie mich mit den Augen…“

Wir waren uns einig: Wie gut, dass dieses Lied schon vor Jahren entstand. In unserer heutigen politisch korrekten und feministisch angehauchten Welt würde vermutlich sofort eine Protestkampagne einiger sogenannter „Aktivistinnen“ losgetreten, unterstützt von entsprechenden Politikern und Politikerinnen, die sagen würden: „Das geht gar nicht!“ Von wegen, und wie das geht! Hieran mag die Welt genesen.

Die Kolumnen Nr. 1 bis 54 von Paul F. Gaudi sind Ende 2019 als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ erschienen. Das Buch kann online auf unserer Internetseite www.kompakt.media bestellt werden.

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