Gedanken- und Spaziergänge im Park: Mehr von demselben

Hat wirklich irgendjemand geglaubt, dass der „Lockdown light“, der recht großmäulig von einigen Politikern als „Wellenbrecher“ hochstilisiert wurde, das Coronavirus in die Knie zwingen könne? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Regierung und ihre Berater es selbst geglaubt haben. Sie wollten dem Volk nur etwas Hoffnungssand in die Augen streuen, um die bittere Wahrheit scheibchenweise verkaufen zu können. Und die bittere Wahrheit lautet, dass bislang niemand etwas durchgreifend Wirksames in der Hand hat, um die Pandemie zu beenden. Der Lockdown, zu Deutsch Ausgangssperre, hat nichts gebessert. Das war auch schon in Bayern zu sehen, wo es wesentlich strengere Maßnahmen gab, die dennoch erfolglos waren. Die Regierung klebte auf das Paket ihrer Vorschriften zur Verschönerung das verniedlichende Etikett „light“. Light hat übrigens im Englischen zwei Bedeutungen, einerseits „leicht“, aber auch „Licht“. Meinte man mit „light“ vielleicht das Licht am Ende des Tunnels? Denn leicht ist der Lockdown für viele jedenfalls nicht. Man frage doch die Gastwirte, Besitzer kleiner Läden, Musiker, Theaterleute, Hoteliers, Veranstaltungsmacher, Pflegeheimbewohner und andere, ob sie diesen Lockdown für „leicht“ halten. Dann wird man vermutlich Zorn und Empörung ernten, denn für viele ist dieser Zustand existenzgefährdend.

Doch statt Erleichterung sollen die Zügel noch angezogen werden. Bei dieser Nachricht erinnerte ich mich an ein Buch mit dem schönen Titel „Anleitung zum Unglücklichsein“, geschrieben von Paul Watzlawick, einem Psychologen und Philosophen, erschienen 1983. Eines der Rezepte zum erfolgreichen Scheitern und Unglücklichsein heißt „immer mehr von demselben“. Dieses Rezept sei weit verbreitet, schreibt Watzlawick, und könne leicht von jedem Anfänger angewendet werden. Man muss beim Scheitern nur davon überzeugt sein, dass die gewählte Art ein Problem zu lösen, schon richtig gewesen sei, man aber diesbezüglich nur noch zu wenig getan habe. Folglich wendet man den gewählten Lösungsweg wieder an und erreicht aber damit nur mehr desselben Elends. Das Scheitern sei garantiert, solange sich der Unglückskandidat an zwei einfache Regeln hält. Erstens: es gibt nur eine mögliche, erlaubte, vernünftige, sinnvolle und logische Lösung des Problems. Und wenn diese Anstrengungen noch nicht zum Erfolg geführt haben, so beweist das nur, dass man immer noch zu wenig in diese Richtung unternommen habe. Zweitens: die Überzeugung, dass es nur diese einzig richtige, alternativlose Lösung gibt, darf niemals bezweifelt werden.

Wenn uns dieses „Erfolgsrezept“ irgendwie bekannt vorkommt, wäre das kein Wunder. Außer der jetzigen Pandemiesituation fallen mir dazu auf Anhieb etliche politische Beschlüsse Regierender ein.

Am 9. Dezember sprach die Kanzlerin vor dem Bundestag zum Thema und ermahnte das Volk zur Vernunft und Isolation, sowie zum Verzicht auf weihnachtliche Familienfeiern, damit niemand – sinngemäß – zum fahrlässigen Totschläger an seinen eigenen Großeltern würde! Das war ganz großes Kino. Fast schade, dass sie noch Kanzlerin ist, sonst könnte sie im öffentlich-rechtlichen Fernsehen in Familienserien locker die Rolle der Oma übernehmen, die mit gütiger Strenge die jungen Leute vor übermütigem Treiben warnt und auf Ordnung in der Familie achtet.

In ihrer Ansprache bezog sie sich auf eine Empfehlung der Leopoldina, die am Tag zuvor veröffentlicht wurde. Ist man eigentlich schon ein Verschwörungstheoretiker, wenn man sich wundert, dass diese Empfehlung passend einen Tag vor Merkels Rede erschien? Schade nur, dass die Leopoldina-Empfehlung nicht sehr gut beurteilt wurde. So schrieb die „Welt“ am 11. Dezember darüber, dass sie alles andere als ein wissenschaftliches Dokument sei, „sondern ein Sammelsurium sorgenvoller Aussagen. Der wissenschaftliche Gehalt ist so gering, dass wohl jeder aufmerksame Zeitungsleser oder jeder Tagesschau-Zuschauer (…) den Text hätte verfassen können.“

Dazu kommt noch, dass in den Diagrammen Deutschland ausgerechnet mit Irland verglichen wird. Dabei ist doch der Unterschied zwischen beiden Ländern allein schon in der Art der Besiedlung der Länder so groß, dass ein wertender Vergleich beider Staaten bezüglich des Umgehens mit der Pandemie zu keinen sinnvollen bzw. zu übernehmenden Ergebnissen führen kann.

Es wird auch auf die höchst angespannte Situation auf den Intensivstationen hingewiesen. Und das mit Recht. Aber das liegt nicht an einer nicht vorhandenen technischen Ausrüstung oder an fehlenden Intensivbetten. Die sind vorhanden. Die deutsche Vereinigung der Intensiv- und Notfallmediziner (DIVI) führt ein Intensivregister (www.intensivregister.de), in dem man die aktuellste Statistik sehen kann. Mit Stand vom 13. Dezember gibt es in Deutschland 24.295 Intensivbetten, dazu noch eine Notfallreserve von 11.096 Betten, die innerhalb einer Woche aktiviert werden könnten. Von den Betten sind 20.028 belegt und noch 4.267 frei. 4.544 der Intensivbetten sind mit Covid-19-Patienten belegt, also nicht mal ein Viertel der über 20.000 Betten, in Sachsen-Anhalt sind es lediglich ein Achtel. Die übergroße Zahl der Betten ist mit Patienten mit anderen schweren Erkrankungen belegt. Nein, an der Zahl der Betten liegt der Versorgungsnotstand nicht, sondern an dem Mangel an Fachpersonal. Hier rächt sich eine seit Jahren fehlerhafte Gesundheitspolitik, die viele Kliniken und Krankenhäuser privatisierte und sie zu gewinn abwerfenden Einrichtungen machen wollte. Wenn das Gesundheitswesen merkantil ausgerichtet wird und Geld verdient werden soll, dann wird wie bei Fabriken nicht an den Maschinen gespart, sondern bei dem Personal.

Letztendlich aber laufen die meisten Politikerreden darauf hinaus, dass das dumme Volk sich verantwortungslos benimmt, uneinsichtig ist und daher die Zügel straffer angezogen werden müssten. Da fällt mir ein, dass am 21. Oktober der Gesundheitsminister wenige Stunden nach einer Kabinettssitzung positiv auf Corona getestet wurde und sich mit den Symptomen einer leichten (!) Erkältung krankmeldete. Die übrigen Minister gingen dennoch nicht in Quarantäne, denn man hätte ja genügend Abstand gehabt.

Nun gibt es aber Störenfriede, die darüber anders denken und die Maßnahmen des „mehr von demselben“ kritisch hinterfragen, richtige Quertreiber! Sie gehen auf die Straße, hinterfragen die Maßnahmen der Regierenden und haben durchaus berechtigte Angst vor den Folgen der Verordnungen. Solch Widerspruch wird weder gern gesehen noch gehört. Der Psychoanalytiker Achim Maaz beschrieb, wie Regierende im Allgemeinen gegen unliebsame Kritiker in drei Schritten vorgehen: Erst stigmatisieren, dann diffamieren und schließlich kriminalisieren. Am Beispiel der sogenannten Querdenker lässt sich das gut darstellen. Zuerst wurden sie als Verschwörungstheoretiker, „Aluhelme“, oder sogar „Covidioten“ (Frau Eskens) stigmatisiert und lächerlich gemacht. Darauf folgte die Diffamierung, indem man die Demonstranten immer wieder als Reichsbürger, Rechtsextreme und sogar als Antisemiten einstufte, schlechthin also als Demokratiefeinde. Im Fernsehen wurden zumeist nur die Bilder gezeigt, die das bekräftigen sollten, aber eigentlich eine ganz kleine Minderheit betraf. Wie falsch das ist, zeigt eine Studie der Universität Basel unter der Leitung des Soziologen Oliver Nachtwey bei der 1000 „Querdenker“ befragt wurden, über die die FAZ am 4. Dezember berichtete. Überraschendes stellte sich heraus: Bei der letzten Bundestagswahl haben nach der Befragung 21 Prozent die Grünen und 17 Prozent die Linke gewählt. Der AfD hatten 14 Prozent ihre Stimme gegeben. Charakteristisch für die neue Bewegung sei eine Entfremdung von den Institutionen des politischen Systems, den etablierten Medien und den alten Volksparteien. Es sei eine Bewegung, die mehr von links kommt, aber sich nach rechts bewegt, sie sei enorm widersprüchlich. Autoritäres Denken, Fremdenfeindlichkeit oder die Verharmlosung des Nationalsozialismus sei unter den Anhängern der Bewegung allerdings weniger verbreitet, sagte Nachtwey, ganz im Gegensatz offizieller Verlautbarungen. Dennoch werden ihre Demonstrationen aus „hygienischen Gründen“ verboten, während die der „Friday for Future“ am letzten Freitag stattfinden durften. Die dritte Stufe, die Kriminalisierung, wird anscheinend schon vorbereitet, da der baden-württembergische Verfassungsschutz die Corona-Protest-Bewegung ins Visier nimmt. Laut dem letzten „Spiegel“ beobachtet das Stuttgarter Landesamt die Gruppe »Querdenken 711« samt ihrer Ableger im Südwesten. Nun ja, der dortige Innenminister erwägt ja sogar die Zwangseinweisung solcher unbotsamer Protestierer. Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz prüft eine mögliche Beobachtung der „Querdenker“.

Wohin soll all das noch führen? Es könnte schlimmer kommen, sagt der Optimist und der Pessimist denkt, dass der Optimist recht hat. Aber übrigens: Wo ist eigentlich die für diese Jahreszeit übliche Grippe geblieben? Vom Coronavirus aufgefressen? | Paul F. Gaudi

Die Kolumnen Nr. 1 bis 54 von Paul F. Gaudi sind Ende 2019 als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ erschienen. Das Buch kann online auf unserer Internetseite www.kompakt.media bestellt werden.

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