Mittwoch, Juli 6, 2022
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Gedanken- und Spaziergänge im Park: Missklänge

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Das Corona-Panikorchester unter seinem Dirigenten Lauterbach spielte in letzter Zeit merklich leiser und das Publikum hörte auch nicht mehr richtig zu, sondern unterhielt sich laut über alles Mögliche, nur nicht über die immer eintöniger werdende Musik, die eigentlich nur noch langweilte. Einzelne Musiker hatten schon unauffällig das Podium verlassen. Wie das auf den Dirigenten wirkte, konnte man leider nicht sehen, da er im Gegensatz zu den anderen Akteuren sein Gesicht hartnäckig hinter einem schwarzen Mund-Nasen-Schutz verbarg. Aber es schien ihm mit Sicherheit nicht zu erfreuen, denn er legte schnell eine neue Partitur auf das Pult und ließ das Orchester zwischendurch den flotten Affenpocken-Boogie anstimmen, um dann eine neue Variation des alten Stückes vorzuführen, dass die Zuhörer aus ihrem Desinteresse reißen sollte. Aber diese Variation klingt recht misstönend, da die Musiker offenbar verschiedene Notenblätter vor sich haben.

Doch Scherz beiseite. Während unser Gesundheitsminister, der fast als Einziger im Bundestag auf der Regierungsbank noch demonstrativ seine Maske trägt, immer wieder neue Horrorszenarien von gefährlicheren Corona-Varianten an die Wand wirft und eine vierte Impfung fordert, die angeblich das Risiko eines schweren Verlaufes deutlich senke, sprechen die kürzlich veröffentlichten Zahlen des Robert-Koch-Instituts eine andere Sprache. Das RKI berichtete für den Monat Mai, dass von den 1.813 Aufnahmen wegen Covid 19 auf den Intensivstationen lediglich knapp 16 Prozent ungeimpft und 7,7 Prozent unvollständig geimpft waren. Dagegen aber waren 76,6 Prozent grundimmunisiert und über die Hälfte (51,6 %) hatten auch die Boosterimpfung erhalten. Diese Zahlen lassen doch begründete Zweifel aufkommen, inwieweit der Impfstoff überhaupt bei den neuen Varianten wirkt, die meistens auch einen sehr leichten Verlauf haben. Ergänzend dazu eine aktuelle Untersuchung aus Großbritannien: Das Britische „Office for National Statistics“ (ONS) veröffentlichte Anfang April die Ergebnisse einer breit angelegten Studie aus allen Landesteilen Großbritanniens. Stichprobenartig wurde das Vorhandensein von Antikörpern gegen SARS-Cov2 bei der Bevölkerung untersucht: Es zeigte sich, dass rund 99 % der Briten Antikörper gegen Covid im Blut aufweisen. Der Nachweis von Antikörpern gegen SARS CoV2 bedeutet, dass die Personen entweder an Covid erkrankt oder geimpft waren. Ob die Antikörper aufgrund der Genesung oder durch Impfung gebildet wurden, kann aufgrund der Daten nicht gesagt werden. Dennoch fallen die Neuinfektionen aktuell hoch aus.

Eine Herdenimmunität lässt sich offensichtlich demnach auch bei nahezu 100 % Trägern von Antikörpern nicht erreichen. Das Ziel Fremdschutz durch Impfung ist folglich nicht länger haltbar. Die Argumentationslogik – die Impflücke sei schuld an der fehlenden Herdenimmunität – kann damit als widerlegt gelten. Da die Zahl der vollständig Geimpften in Großbritannien mit ca 70 Prozent deutlich unter der deutschen (77,5 %) liegt, kann man durchaus annehmen, dass auch fast alle der in Deutschland Lebenden einen ähnlich hohen Antikörpertiter haben. Leider gibt es in Deutschland keine ähnliche Studie. Es gibt aber keinen vernünftigen Grund, warum man annehmen sollte, dass eine solche Untersuchung hierzulande anders ausfallen würde. Das bedeutet, dass sich Antikörper auch dann bilden, wenn die Menschen mit dem Virus irgendwie in Berührung kamen, ohne dass sie selbst von einer Erkrankung etwas bemerkten. Das trifft offenbar sowohl für Geimpfte als auch für Ungeimpfte zu. Das heißt aber auch, dass eigentlich niemand, weder Geimpfte noch Ungeimpfte, trotz aller Schutzmaßnahmen, vor einer „Einverleibung“ des Virus wirksam geschützt werden können. Denn wie sollten Menschen, die weder geimpft noch genesen sind, sonst zu einem positiven Antikörpertiter gekommen sein?

Eigentlich ist das ein Argument dafür, dass die Verordnung für die einrichtungsbezogene Impfpflicht endlich revidiert und zurückgenommen wird. Leider ist das bis heute nicht der Fall! Auch wirft es die Frage auf, warum der Gesundheitsminister, der sich bekanntlich immer auf Studien beruft, noch eine vierte Impfung zur Auffrischung empfiehlt, obwohl man inzwischen weiß, dass der jetzt verwendete Impfstoff nur geringfügig oder sogar überhaupt nicht vor der Omikron-Variante schützt.

Vermutlich wird man erst in ein paar Jahren genauer wissen, was in der Seuchenzeit richtig und was falsch war, was man hätte anders oder besser machen können. Das ist auch in Ordnung so, denn hinterher ist man immer klüger. Schlimm ist nur, dass Regierung und maßgebliche Teile der Presse den Eindruck erwecken, als wüssten sie ganz genau, was richtig ist und dass Fachleute, die andere Auffassungen vertreten, weniger in den Medien zu Worte kommen oder sogar auch diskreditiert werden. Es ist der Meinungsstreit, der die Wissenschaften und auch die Demokratie lebendig hält, nicht die Erziehung zum Chorgesang!

Es ist kein gutes Zeichen, wenn Menschen, die Maßnahmen der Regierung diesbezüglich kritisch sehen, als Corona-Leugner diffamiert werden. Denn sie bestreiten nicht die Existenz der Viren und die damit zusammenhängenden Erkrankungen, sondern sie haben Zweifel daran, ob alle Maßnahmen der Regierung angebracht und zweckmäßig sind. Dabei können sie auf Vorgehensweisen anderer Staaten, wie z. B. Schweden, verweisen. Das müsste in einer Demokratie eigentlich selbstverständlich sein, auch dass man seine kritischen Auffassungen auf Kundgebungen oder Demonstrationen kundtut. Stattdessen wurde ein neues Beobachtungfeld des Verfassungsschutzes eröffnet mit der eigentümlichen Bezeichnung „Verfassungsschutzrelevante Delegitimierung des Staates“. In Gerd und mir wurden ungute Erinnerungen wach, denn wir sind, bzw. waren beide gelernte DDR-Bürger. Da gab es im Strafgesetzbuch der DDR doch den §106 „Staatsfeindliche Hetze“ und die „Staatsverleumdung“ im §220. Wir hätten nie gedacht, an so etwas wieder erinnert zu werden. Und wie schwach muss sich eigentlich ein demokratischer Staat fühlen, der von irgendwelchen Demonstranten eine „Delegitimierung“ befürchtet! Ja, in Russland oder China mag das so sein – aber bei uns? Schwer vorstellbar, dass es in den anderen Demokratien Westeuropas einen solchen Beobachtungs- oder Bestrafungsgrund gibt.

Ein anderer Aspekt der Folgen dieser Seuchenzeit klingt jetzt des Öfteren an: die psychologischen Folgen. Es wird von nachlassenden Schülerleistungen berichtet, von allgemeiner Verunsicherung und von Vereinsamung. Wie viele Menschen lagen mit einer schweren Erkrankung, z. B. Krebs oder einem Schlaganfall, stationär und mussten auf die tröstenden Besuche ihrer Angehörigen verzichten? Wie viele alte Menschen in Altersheimen sehnten sich verzweifelt nach den Besuchen von Kindern, Enkeln oder Freunden und dem Ausgang mit ihnen? Wie viele mussten einsam ohne Begleitung vertrauter Menschen sterben? Über diese Folgen und Auswirkungen für die Familien wird noch viel zu reden sein.

Gerd wundert sich immer wieder darüber, dass anscheinend längst nicht alle erleichtert sind, keine Maske mehr tragen zu müssen. „Nicht bei älteren Menschen erstaunt mich das“, sagte er, „die haben vielleicht irgendeine chronische Erkrankung und sind anfälliger. Nein, ich wundere mich über junge sportliche Burschen, die vom Sportrad steigen und sich dann eine Maske aufsetzen, bevor sie den Laden oder ein Café betreten. Ich verstehe das nicht, was hat sie so ängstlich gemacht?“ „Ja, das frage ich mich auch. Manche vermeiden auch immer noch den Händedruck. Bei der letzten großen Grippewelle 2018 mit über 25.000 Toten in Deutschland, gab es keinerlei Maskierung und keine Schließungen.“ Dazu meinte Gerd abschließend noch. „Ich denke manchmal, die Gesellschaft ist durch die ständige Berichterstattung neurotisiert und verängstigt. Täglich in den Nachrichten an vorderer Stelle die Zahl der Erkrankten und die Zahlen der „mit oder an“ Corona Verstorbenen. Nach dem einige Zeit im Fernsehen darauf verzichtet wurde, fängt das jetzt wieder an!“ „Ja, das Panikorchester stimmt wieder die Instrumente. Übrigens hat der bekannte Psychotherapeut Dr. Hans-Joachim Maaz aus Halle dazu ein neues Buch geschrieben mit dem Titel „Angstgesellschaft“. Eine Kapitelüberschrift lautet: Pandemie oder Panikdemie. Lies es mal. Du wirst manches darin wiedererkennen“.

Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“
Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100) erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

Paul F. Gaudi

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