Gedanken- und Spaziergänge im Park mit Drei Könige und ein Kaiser

Die heiligen drei Könige gingen nun gesangs- und klanglos, aber auch spendenlos an uns vorüber. Gerd und ich waren darüber nicht traurig, denn wir hätten uns vermutlich über diese politisch korrekten Dreierbrigaden nur geärgert. Auf den Fotos waren immer nur drei weiße Kinder zu sehen, da neuerdings das schwarze oder braune Schminken des Gesichts des einen Königs eine rassistische Handlung sein soll. Gerd bringt diese Behauptung immer wieder auf die Palme. „Umgekehrt ist es! Dass sie sich nicht dunkelhäutig anmalen dürfen ist der wahre Rassismus, getarnt als politische Korrektheit.“ Dabei sei es egal, ob es Könige seien, laut Bibel wären es nämlich Sterndeuter (Lukas 2, 4-7). Doch was noch wichtiger dabei ist: Symbolisch sind die drei nämlich die Vertreter der im Altertum und bis zum frühen Mittelalter bekannten drei Kontinente des Erdkreises – Asien, Afrika und Europa. Damit würde auch die Prophezeiung des Alten Testamentes erfüllt: „Und alle Könige des Erdkreises sollen ihn bewundern …“ (Psalm 71). Es sei also in Wahrheit eine Missachtung der Afrikaner, wenn sie von diesen Heiligen ausgeschlossen würden. Soweit Gerd. Ich musste ihm Recht geben und dachte an die Faschinge unserer Schulzeit. Wenn wir uns verkleideten, so doch immer als Figuren, die wir verehrten: Indianer, Trapper, Prinzen oder Prinzessinnen, Ritter, Afrikaner, Sultane oder Kapitäne. Wir konnten uns nicht an einen erinnern, der sich als jemand verkleidet hätte, der ihm verachtenswert gewesen wäre.

Doch dann beschäftigte uns wieder der „Lockdown“, auf gut Deutsch die Ausgangssperre. Der im November führte nicht zum Ziel, er soll ein leichter gewesen sein. Man frage mal die Händler, Schausteller, Musiker oder Schauspieler, ob sie diese Maßnahmen als „leicht“ empfanden. Da er die gewünschten Ergebnisse, die Senkung der Zahlen der Infizierten und der „an oder mit Corona“ Verstorbenen nicht brachte, wurden diese Maßnahmen ab Anfang Dezember verschärft. Mit dem gleichen Ergebnis: das erwünschte und schon fast versprochene Resultat blieb aus, es starben mehr Menschen und die Zahl der Infizierten stieg weiter. Wobei wieder einmal die Frage aufgeworfen werden muss, wie hoch eigentlich die nie genannte Zahl der wirklich an Corona Erkrankten ist. Denn nach glaubhaften Nachrichten haben die meisten der fast 2 Millionen positiv Getesteten keine oder nur eine geringe Symptomatik. Die hohe Zahl der Testergebnisse wirkt natürlich angsterzeugend, was bei der Zahl der tatsächlich ernsthaft Erkrankten wohl kaum der Fall wäre. Wie dem auch sei: Gemäß dem Prinzip „mehr von demselben“ (wir beschrieben es im letzten Dezemberheft dieser Zeitung) werden alle Maßnahmen nun noch einmal verschärft. Was wird wohl dann das Ergebnis sein? Wir sind gespannt. Ein negatives Beispiel ist der Kreis Berchtesgadener Land. Im schon strengen Bayern gibt es dort die schärfsten Lockdown-Regeln mit dem Erfolg, dass nichts besser wurde!


Wenn ich jetzt hier durch die Straßen gehe, vorbei an geschlossenen Läden, Gaststätten, Theatern und Kinos – dann wirkt die „Magdeburger Lichterwelt“ nur noch lächerlich und wie ein Potemkin’sches Dorf. Es wird uns etwas vorgespielt, was in Wirklichkeit nicht vorhanden ist. Diese Stromkosten könnte sich die Stadt sparen. Manche der Anordnungen sind auch nicht verständlich. Fußball darf gespielt werden, obwohl es dort viele Körperkontakte gibt. Im Handball ist die körperliche Nähe noch viel ausgeprägter, aber es darf sein. Im Gegensatz zu diesen beiden Ballspielen können Schauspieler auf der Bühne oder Orchestermusiker genügend Abstand halten – aber sie dürfen nicht auftreten. Gottesdienste werden unter Einhaltung bestimmter Regeln abgehalten – aber Theater und Kinos bleiben geschlossen, obwohl sie gute Hygieneregeln hatten und Distanz hielten. Das verstehe, wer will.

Im Gegensatz zu Mitte Dezember hat sich die Lage auf den Intensivstationen kaum verändert. Nach wie vor sind etwa ein Viertel der ca. 21.000 Intensivbetten von Corona-Patienten belegt, nach wie vor gibt es noch knapp 3.900 freie Betten bei einer Notfallreserve von über 10.000 Betten. Der Notfall betrifft das Personal auf den Intensivstationen – nicht das Material oder die Bettenzahl. Und das ist eine Folge falscher Gesundheitspolitik. Ebenso eine Folge der Politik ist der schleppende Beginn der Impfaktion. Jetzt rächt sich, dass man die Beschaffung des Impfstoffs und seine Verteilung der Europa-Bürokratie und nicht dem nationalen Gesundheitsministerium überlassen hat. Alle acht Länder, die zügiger als Deutschland sind, sind Länder, die ihr Vorgehen selbst entschieden haben.

Doch was ist, wenn auch die neuen Maßnahmen keinen durchschlagenden Erfolg haben? Nun, die Schuldigen sind schon ausgemacht. Es sind nicht die Regierenden, natürlich nicht. Schuld ist das undisziplinierte und unvernünftige Volk, das im Winter in‘s Freie drängt, wandert und Wintersport betreibt, statt sich zu Hause zu isolieren. „Ja“, sagt Gerd, „man kann Frau Merkel gar nicht genug dafür danken, dass sie diese ungeheure Last auf sich nimmt, ein solch unvernünftiges, uneinsichtiges und undankbares Volk zu regieren. Was für ein Opfer sie uns bringt! Wie gut hätte sie es, wenn sie auch einfach zu Hause bleiben würde.“ Ich schaute Gerd überrascht an und sagte: „Wahrlich ein Jammer, dass Du nicht Regierungssprecher bist. Du hättest das Zeug dazu!“
Aus der Gegenwart zurück in die Vergangenheit. Vor 150 Jahren, am 18. Januar 1871 wurde in Versailles das Deutsche Reich aus der Taufe gehoben. Ob man es wahrhaben will oder nicht – unsere heutige Bundesrepublik Deutschland hat ihre Wurzel letztlich in diesem Akt. Ohne diese Reichseinigung von 22 Fürstentümern und 3 reichsfreien Städten gäbe es kein Deutschland im politischen Sinne. Es ist zwar üblich von einer Einigung von oben zu sprechen, aber es war doch der Wunsch vieler, vielleicht der meisten Deutschen, in geeintem Deutschland zu leben. Schon Lessing, der 1767 als Dramaturg nach Hamburg an das dortige Nationaltheater ging, schrieb damals, er wolle „den Deutschen ein National-Theater verschaffen, da wir Deutsche noch keine Nation sind“. Aber der Wunsch danach bestand und wurde in den Freiheitskriegen gegen Napoleon zu einer treibenden Kraft. Die machtvolle Demonstration auf dem Hambacher Fest 1832 war ein Ausdruck dieses Willens. Nach der Revolution 1848 gründete sich in der Frankfurter Paulskirche die erste deutsche Nationalversammlung, die ein Jahr lang bestand und ein einiges Deutschland verwirklichen wollte. Damals scheiterte es noch an dem feudalen Partikularismus der Einzelstaaten. Aber der Traum, die Idee eines Deutschlands, blieb und wurde dann unter Preußens Führung nach dem deutsch-französischen Krieg 1871 verwirklicht. Dabei blieben gewisse föderalistische Strukturen erhalten, ebenso wie in der heutigen Bundesrepublik. Das hatte den Vorteil einer multizentrischen Verteilung von Universitäten und namhafter kultureller Institutionen wie Theater und Museen, im Gegensatz zu mehr zentralis-tisch regierten Staaten wie z. B. Frankreich.
Es wird diesem Deutschland immer Nationalismus vorgeworfen, aber ein starkes Nationalgefühl war damals in allen europäischen Staaten selbstverständlich und es existiert in vielen Staaten auch noch heute.

Dieses Deutsche Reich war ein Erfolg. Es herrschte über 40 Jahre Frieden in Europa, wenn man vom Balkan einmal absieht. Wirtschaftlich wurde Deutschland stark. Maschinenbau und chemische Industrie waren führend. Die Marke „Made in Germany“ wurde eine Qualitätsbezeichnung. Auch in der Wissenschaft spielte Deutschland eine bedeutende Rolle. Von den in den Jahren 1901 bis 1918 in Stockholm verliehenen ersten 71 Nobelpreisen erhielten ihn zwanzig Deutsche, davon drei den für Literatur. Das sind immerhin 28 Prozent der Preisträger! Die Wissenschaften wurden großzügig gefördert. Die heutige Max-Planck-Gesellschaft wurde 1911 als Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften gegründet. Die Sozialgesetzgebung von 1883 war beispielgebend in Europa. Die Künste konnten sich frei entwickeln. So entstand der Expressionismus bald nach 1900 vor allem in Dresden und München. Er stieß nicht gleich auf Gegenliebe, aber so geht es den meisten neuen Kunstströmungen. Vierzig Jahre zuvor erging es dem Impressionismus in Frankreich nicht anders.

Beklagt wird auch immer ein Antisemitismus des Kaiserreiches. Den gab es in dieser Zeit leider ebenso wie in vielen anderen Ländern Europas. Man denke nur an die Dreyfus-Affäre in Frankreich oder daran, dass es zu dieser Zeit in Österreich eine antisemitische Bewegung gab, deren Vorsitzender Karl Lueger war, ein hochgeehrter Bürgermeister Wiens. Es dürfte positiv zu bewerten sein, dass viele Juden vor den Pogromen aus dem damaligen „Russisch-Polen“ nach Deutschland flohen. Wilhelm II. hatte einige jüdische Freunde, wie z. B. Albert Ballin, der die Schiffslinie Hamburg-Amerika besaß, oder Emil Rathenau. Viele jüdische Wissenschaftler wurden zu seiner Zeit zu Professoren ernannt.
Nicht nur Menschen, sondern auch Staaten sollte man im Rahmen der Zeit betrachten, in denen sie existierten und nicht heutige Maßstäbe anlegen, die es damals nicht gab!

Es ergibt schon Sinn, dass der Bundestag im Reichstag tagt, der in der Kaiserzeit erbaut wurde. | Paul F. Gaudi

Die Kolumnen Nr. 1 bis 54 von Paul F. Gaudi sind Ende 2019 als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ erschienen. Das Buch kann online auf unserer Internetseite www.kompakt.media bestellt werden.