Dienstag, September 21, 2021
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Gedanken- und Spaziergänge im Park: Pro und Kontra

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Seit Januar gibt es in unserer Stadt eine Unterschriftensammlung und auch Sichtwerbungen um unseren Oberbürgermeister von seinem eventuellen Rücktritt abzubringen. Mitte März tauchte plötzlich eine Kampagne dagegen auf, die die Meinung vertritt, dass er bei seinem Vorsatz bleiben und zurücktreten solle. Diese Gegenbewegung ist anonym unterzeichnet mit „Die Magdeburger Kinder“. Für den gewünschten Rücktritt wurden u. a. Gründe genannt, die zum Teil lächerlich sind, wie z. B. der Vorwurf, dass er bei der Verleihung des Kaiser-Otto-Preises keine Schutzmaske getragen hätte. Auch das Absterben der Kneipenszene im Bereich des Hasselbachplatzes kann man ihm wahrlich nicht anlasten. Dafür gibt es andere Gründe, an denen auch die völlig überflüssigen „Hasselmanagerinnen” gescheitert sind. Zu meiner Verwunderung werfen die Unterzeichner ihm aber auch mangelnde Unterstützung für den Aktionstag Christopher-Street-Day der homosexuellen und queeren Gemeinschaft vor. Das erstaunt nun aber wirklich. Inzwischen sind in Magdeburg aus dem traditionellen Christopher-Street-Day zwei ganze Aktionswochen mit diversen Veranstaltungen geworden und über die ganze Zeit flatterten im letzten Jahr mehrere Regenbogenfahnen dieser Bewegung vor dem Rathaus. Ich kann mich nicht erinnern, dass bei irgendwelchen anderen größeren Veranstaltungen von Gewerkschaften und Parteien oder Kirchentagen ein Ereignis dieses Privileg hatte. So erinnert diese Beschwerde an das Märchen „vom Fischer un syner Fru“, in dem die Frau des Fischers immer noch mehr wollte, je mehr sie bekam.

Diese Anti-Trümper-Petition startete übrigens auf einer Internetplattform namens Campact, die mir bislang unbekannt war. Daher schaute ich sie mir einmal an. Laut Wikipedia ist Campact eine deutsche Kampagnen-Organisation, die bei einer Vielzahl von Themen politischen Druck in Richtung einer „progressiven Politik“ ausüben möchte. Leiter dieser Plattform ist Christoph Bautz, Gründer und Geschäftsführer von Campact. Vor gut zwanzig Jahren baute er auch die Geschäftsstelle von Attac-Deutschland auf, ein Verein, der 2019 den Status der Gemeinnützigkeit verlor. Sowohl Attac, wie auch Campact vertreten vor allem grün-linke Themen und Anliegen. Daher weht also der Wind, der unseren Oberbürgermeister aus dem Amt pusten möchte.

Wesentlich gefährlichere Stürme und dunkle Wolken ziehen in der Atmosphäre zwischen den Großmächten auf. Von dem neuen amerikanischen Präsidenten Joe Biden, dessen Amtsantritt unsere Politiker und die Presse mit großen Vorschusslorbeeren feierten, hört man seltsame Dinge. Donald Trump war auf dem diplomatischem Parkett gewiss ein rechtes Trampeltier, aber Biden scheint ihn noch übertreffen zu wollen. In einem Fernsehinterview der letzten Woche wurde Biden von dem Journalisten gefragt, ob er Putin für einen Mörder hielte und er antwortete: „Ja, das tue ich!“ Man möchte es kaum glauben. Ob Putin Mordaufträge erteilt oder befürwortet hat – das ist eine andere Frage. Man könnte es bei seinem Werdegang durchaus für möglich halten. Aber hier geht es um Diplomatie und um die Beziehungen zwischen zwei hochgerüsteten Weltmächten! Und Biden saß nicht an irgendeinem privaten Stammtisch, sondern bei einem großen Fernsehsender, dessen Meldungen sofort um die Welt gehen. „Einen entflohenen Vogel kann man eher wieder einfangen als ein entflohenes Wort“, sagt ein altes chinesisches Sprichwort. Nun kann man sich fragen, ob es Senilität war – die Biden im Wahlkampf manchmal bösartig unterstellt wurde – oder Dummheit. Das letztere wäre schlimmer. Für die USA und die Welt.

Nicht ganz so schlimm, aber sehr hart ging es bei dem Außenministertreffen zwischen China und den USA zu. Man hat das Gefühl, dass sich die Situation zwischen den drei weltbeherrschenden atomaren Mächten derzeit zuspitzt. Europa, bzw. die Europäische Union spielt dabei keine Rolle. Die großen Drei nehmen die EU anscheinend nicht sehr ernst und das aus gutem Grund. Europa ist schon lange kein Zentrum der Wissenschaft, der Technik und der Macht mehr. Die Pleite bei der Impfstoffbesorgung ist dafür nur ein letztes kleines Beispiel. Europa spielt bestenfalls die Rolle als lästiger moralischer Besserwisser, der ständig neue Pläne ausheckt um die Welt zu retten. Viel heiße Luft. Es ist kaum anzunehmen, dass die EU in Peking, Moskau oder Washington als gleichwertiger Verhandlungspartner angesehen wird, bestenfalls als Handelspartner, als Abnehmer und Produzent von Waren. In einer konfliktfreien Welt würde das völlig ausreichen, aber leider leben wir nicht in solcher Welt.

Jüngst hat Frau von der Leyen die Idee eines elektronischen Impfausweises ausgeheckt. Wieder horrende Entwicklungskosten bei zweifelhaftem Nutzen. Es gibt seit langem den gelben internationalen Impfausweis. Warum nach erfolgter Impfung nicht einfach in diesen Stempel und Unterschrift einsetzen? Das wäre wohl zu einfach, damit kann man kein Presse-Tamtam veranstalten. Ähnliche bürokratische Umstände betreffen die Impfverordnungen hierzulande und ihre praktische Umsetzung. Warum verschiebt man das Impfen durch die Hausärzte immer weiter? Die kennen die Risiken ihrer Patienten und müssen nicht belehrt werden, wie man das macht. So warten Menschen vor und in Impfzentren, werden belehrt und müssen unterschreiben, nachdem sie im Internet einen Termin gefunden haben. Gerd hat für alle diese Umständlichkeiten wie immer eine schlichte Erklärung. Seiner Meinung nach liegt es auch an der Fachfremdheit der Ressortchefs. „Weißt Du“, sagte er kürzlich, „ich wünsche mir einen Mediziner als Gesundheitsminister statt eines Bankkaufmanns und einen General oder langgedienten Offizier als Verteidigungsminister. Aber einige dieser Amtsträger hatten ja nicht einmal gedient. Als Wirtschaftsminister haben wir einen Juristen, die Umweltministerin ist Germanistin und keine Biologin, die Bildungsministerin war Bank- und Hotelfachfrau und keine Lehrerin und der Außenminister war nie im diplomatischen Dienst, sondern ist Jurist. Kein Wunder, dass die Gelder, die für außenstehende Beraterfirmen ausgegeben werden in den letzten Jahren um ein Vielfaches gestiegen sind. 430 Millionen Euro allein 2020, fast 50 Prozent mehr als im Vorjahr. Wozu die vielen Beamten, wenn sie nicht über die erforderliche Sachkenntnis verfügen?“ „Ja, die Pannen und großangelegten Betrügereien bei der Beantragung, Überprüfung und Auszahlung der Coronahilfen sind dafür ein Beispiel. Man hätte das alles über die Finanzämter laufen lassen können, die haben die Steuernummern der Antragssteller und den Überblick über deren Verdienste und Ausgaben der Vorjahre.“, antwortete ich.

Immer wieder erstaunt es, wie Kritiker der Coronamaßnahmen als Covidioten bezeichnet, in die rechte Ecke geschoben werden und zum Teil bei ihren Demonstrationen von der Polizei – übrigens nicht in Magdeburg! – recht handgreiflich (um es milde auszudrücken) behandelt werden, zuletzt in Dresden und in Kassel. Dabei sind die sogenannten Querdenkerdemonstrationen eher ausgesprochen friedlich. Von diesen Demonstranten wurden und werden keine Schaufenster eingeschlagen und Läden geplündert, keine Autos angezündet und auch keine Böller und Flaschen nach Polizisten geworfen. Das würde auch nicht zu ihnen passen. Ein Professor Nachtwey von der Universität Basel hat im Dezember 2020 erstmalig eine soziologische Studie über die „Querdenker“ in Süddeutschland vorgestellt. Diese Demonstranten verfügen über gute Schulbildung, z. T. auch Fach- und Hochschulniveau und sind zu gut 70 Prozent noch erwerbstätig, ein Viertel davon selbstständig. Knapp 70 Prozent sind der Mittelschicht zuzurechnen. Interessant ist, dass 23 Prozent bei der letzten Bundestagswahl die Grünen, 18 Prozent die Linke und nur 15 Prozent die AfD gewählt hätten. Ausländerskeptische Auffassungen und autoritäre Meinungen werden von ihnen größtenteils abgelehnt. Realistisch begründete Existenzsorgen bestimmten das Denken. Diese Studie kann jeder im Internet nachlesen. Es ist demnach grundfalsch, diese regierungsskeptischen Demonstranten als Faschisten oder Nazis zu diffamieren, wie es einige Gegendemonstranten in ihrem vereinfachten Weltbild tun.

Manche behaupten, dass diese Querdenker Antisemiten wären. Gerd erklärte mir, dass manche behaupten würden, dass Bill Gates mit dieser Seuche viel Geld verdienen würde. „Nun ja, wo die einen ärmer werden, werden andere reicher. Das war immer so. Geld ist ja nicht weg, sondern nur woanders“, sagte ich. „Wieso soll das antisemitisch sein?“ „Manche behaupten, dass er Jude ist“. „Das wusste ich nicht, wäre mir egal. Aber war es nicht immer ein sozialistischer oder kommunistischer Grundsatz, gegen Reiche zu sein? Waren das dann alles Antisemiten? Das ist doch Unsinn.“ „Ist es“, erwiderte Gerd und führte weiter aus, dass es jetzt richtig spannend würde, denn Bill Gates hat sich im Sinne des Weltklimas und der Energiestabilität für einen vermehrten Einsatz der Atomenergie und für einen neuen Typ von Kernkraftwerken eingesetzt. Das hat natürlich zu gegensätzlichen Meinungen und Protesten vor allem bei den grünen Politikern geführt. Nun sind wir beide sehr gespannt darauf, ob diesen Gates-Gegnern nun auch der Vorwurf des Antisemitismus gemacht wird. Wir glauben es eher nicht, denn die Erfahrung hat uns oft genug gelehrt, dass es noch lange nicht dasselbe ist, wenn zwei dasselbe tun oder sagen.

Die Kolumnen Nr. 1 bis 54 von Paul F. Gaudi sind Ende 2019 als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ erschienen. Das Buch kann online auf unserer Internetseite www.kompakt.media bestellt werden.

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