Gedanken und Spaziergänge im Park: Verqueres

Kürzlich schlug ich ein Buch auf, das mir geschenkt wurde. Auf der Rückseite der Titelseite stand ein längerer Text, was ungewöhnlich ist. Da stand: „Aus Verantwortung für die Umwelt hat sich der S. Fischer Verlag zu einer nachhaltigen Buchproduktion verpflichtet. Der bewusste Umgang mit unseren Ressourcen, der Schutz unseres Klimas und der Natur gehören zu unseren obersten Unternehmenszielen. Gemeinsam mit unseren Partnern und Lieferanten setzen wir uns für eine klimaneutrale Buchproduktion ein, die den Erwerb von Klimazertifikaten zur Kompensation des CO2-Ausstoßes einschließt.“ Darunter noch ein kleines Kästchen mit dem Text: „MIX – Papier aus verantwortungsvollen Quellen.“ Ich musste laut lachen. Ob man damit den Verkauf von Büchern steigern will? Unter einer nachhaltigen Buchproduktion stelle ich mit Bücher vor, die lesenswert sind, die man gerne nach einiger Zeit noch einmal liest oder Freunden empfiehlt. Die auch so stabil gebunden sind, dass sie nach mehrmaligen Gebrauch nicht auseinanderfallen. Und was ist eigentlich mit der Druckerschwärze? Davon kein Wort. Muss die auch „nachhaltig“ hergestellt werden? Ist das jetzt etwa Pflicht? Neugierig geworden, suchte ich in weiteren neuen Büchern von fünf anderen Verlagen nach ähnlichen Vorbemerkungen, aber bei denen kein Wort davon! Haben die etwa eine „klimaschädliche“ Buchproduktion? Macht der S. Fischer Verlag mit diesem Text nur eine dienstfertige Verbeugung vor dem grünen Zeitgeist um den Absatz zu fördern? Wer weiß? Ich dachte immer, zu den „obersten Unternehmenszielen“ eines Verlages gehört die Produktion und der möglichst große Verkauf guter Bücher. So kann man sich irren. Das Buch, in dem ich diesen Vortext entdeckte, ist übrigens der Roman „Artur Lanz“ von Monika Maron. Ebendiese Schriftstellerin wurde von dem gleichen Verlag nach jahrzehntelanger guter Zusammenarbeit im Oktober letzten Jahres „vor die Tür gesetzt“ aus dem einzigen Grund, weil ihr Buch „Krumme Gestalten, vom Wind gebissen“, das bei der Loschwitzer Buchhändlerin Susanne Dagen verlegt wurde, auch bei dem rechten Verlag Antaios gehandelt wird. Dabei kann man das Buch auch ohne weiteres bei Amazon, Hugendubel, Osiander oder bei einem gut sortierten Buchhändler vor Ort bestellen!

Das alles erscheint reichlich scheinheilig und ist eine Unterwerfung vor dem Zeitgeist. Doch das ist heute nicht unüblich. Im WDR gibt es die Sendung „Die letzte Instanz“, in der ein paar mehr oder weniger prominente Leute plaudern. Bei der letzten im November wurde auch über das Wort „Zigeunersauce“ gesprochen und niemand fand es anstößig, auch die Zuschauer nicht. Erst bei einer späteren Wiederholung brach ein sogenannter „shitstorm“ (neudeutsch) auf Facebook und Twitter los von wegen Rassismus und ähnlichem und Hunderte oder ein paar Tausend machten die Sendung und ihre Teilnehmer nieder. Aber es ist wie so oft, wir lesen in solchen Fällen immer nur von den Protestierenden; diejenigen, die wenig oder nichts an der Sendung auszusetzen hatten, melden sich nicht und werden nicht gezählt. Was sind aber ein paar Tausend gegenüber ein paar Millionen anderer? Dann sieht es doch weniger nach einem „Scheißsturm“ (altdeutsch) aus, sondern eher nach dem Windchen einiger Empörlinge, deren Lieblingsbeschäftigung es zu sein scheint, in allen möglichen Suppentöpfen anderer Leute nach vereinzelten Haaren zu suchen, um diese dann ebenso angewidert wie triumphierend in die Höhe zu halten. Nach der Internetempörung folgte bald die Presse und vereinzelte Politiker und forderten Konsequenzen. Und die Teilnehmer der Talkshow? Sie fielen reumütig in den Staub und gelobten Besserung. So etwas könnte man vielleicht auch eine gelungene Erziehung zum Chorgesang nennen? Seuchenzeiten bringen auch immer neue Bewegungen hervor. Das war schon im Mittelalter so. Eine heutige nennt sich „Zero-Covid“ und ihr Ziel heißt Null Infektionen. Das soll erreicht werden durch das maximal mögliche Einfrieren aller Tätigkeiten. Man möchte die gesellschaftlich nicht dringend erforderlichen Bereiche der Wirtschaft und der Ämter für gewisse Zeit stilllegen. Fabriken, Büros, Betriebe, Baustellen, Schulen müssten geschlossen und die Arbeitspflicht ausgesetzt werden. Und dafür soll man natürlich vom Staat bezahlt werden. Virologen findet man in der Unterzeichnerliste nicht, aber einige Menschen mit Pflegeberufen. Dafür aber reichlich Gewerkschaftsfunktionäre, Politologen, wenig bekannte Schriftsteller und Künstler, Kulturwissenschaftler und Journalisten. Einige geben auch als Beruf „Aktivist“ an. Für die älteren unter unseren Lesern: Diese Bezeichnung ist nicht zu verwechseln mit den Aktivis-ten in der frühen DDR, die sich durch besonders fleißige Ausübung eines normalen Berufes auszeichneten. Deren Berufsbezeichnung war damals auch nicht Aktivist, sondern Bergmann, Dreher, Maurer oder ähnliches. Heute ernennt man sich selbst zum Aktivisten, wenn man für oder gegen etwas ist. Meist gegen etwas. Zero-Covid will die Seuche durch weitestgehendes Nichtstun und Isolation ausrotten. Eine gespenstische Vorstellung. Hoffentlich dringt sie nicht bis in die Regierungskreise vor.

Die Kanzlerin veranstaltete einen Impfgipfel, der eigentlich nichts erbrachte. „Viel Geschrei und wenig Wolle“, würde meine Großmutter geurteilt haben. Die anschließende Pressekonferenz bestand aus viel Floskeln ohne konkrete Ergebnisse. In den Tagen danach gab es im ARD eine Sondersendung mit der Kanzlerin und auf RTL unterhielt sie sich per Video mit Familien. Offenbar bemüht man sich um Volksnähe, da das Unbehagen der Bevölkerung über den immer weiter verlängerten Lockdown spürbar wächst. Von kritischer Betrachtung des eigenen Handelns kein Wort. Ende November forderte Frau Merkel die Solidarität der Generationen, die in der Minimierung der familiären und freundschaftlichen Kontakte ihren Ausdruck finden solle. Ich weiß nicht, ob der schöne Begriff der Solidarität hier wirklich angebracht ist. Pflegeheimbewohner finden die ausbleibenden Besuche wohl kaum als solidarisch. Und ist die massive Kontakteinschränkung eigentlich auch ein Akt der Solidarität gegenüber Schauspielern, Musikern, Gastronomen, Hoteliers, Einzelhändlern, Boutique-Besitzern und vielen anderen? Ich glaube auf solche Art von Solidarität würden sie liebend gern verzichten. So manchem steht das Wasser bis zum Hals. Minister Altmaier lobte zwar, dass im Jahr 2020 die Zahl der Insolvenzen nicht wesentlich gestiegen sei, vergaß aber dabei zu erwähnen, dass die Regierung beschlossen hatte, dass Unternehmen, die in der Coronakrise mit Überschuldung zu kämpfen haben, weiterhin keine Insolvenz anmelden müssen, wie es sonst ihre Pflicht wäre. Das dicke Ende in der Wirtschaft steht erst noch bevor.

Ist man eigentlich ein Verschwörungstheoretiker, wenn man sich fragt, ob es auch Gewinner dieser Krise gibt? Es ist doch gemeinhin so, dass es immer auch Gewinner gibt, wo es Verlierer gibt. Siehe zum Beispiel die großen Versandhandelsfirmen. Kleine Reisebüros gehen pleite und große treten an ihre Stelle, weil sie den längeren Atem haben. Schon jetzt wird von einer Verödung der Innenstädte und der Fußgängerzonen in so mancher großen Stadt gesprochen, da Einzelhändler und Gaststätten diesen Zustand nicht auf Dauer durchhalten können.

Aber der Aktienmarkt boomt, der Dax steigt stetig. Otto Normalverbraucher kann sein Geld nicht in Aktien anlegen und schon gar nicht damit spekulieren. Er hat meist ein mehr oder weniger großes Sparkonto. Doch das Ersparte bringt ihm keinen Cent Zinsen mehr, im Gegenteil, er läuft Gefahr Minuszinsen zahlen zu müssen. Wer werden die Gewinner dieser schleichenden Enteignung sein?
Alle Hoffnungen richten sich nun auf das Impfen. Hier macht Deutschland, ja die ganze EU eine schlechte Figur. Es war ein Fehler, die Impfstoffverhandlungen der EU zu überlassen und ein eventuelles nationales Vorgehen als „Impfnationalismus“ zu diffamieren. Ungarn war mit der selbstständigen Bestellung des russischen Impfstoffs wohl klüger. Die EU-Kommission mit der ewig lächelnden Frau von der Leyen an der Spitze hat versagt, wie jetzt auch die Presse offen urteilt.
Kürzlich wurde man von Herrn Wieler, dem Chef des Robert-Koch-Institutes verunsichert, da er am 28. Januar sagte, dass es desto mehr Mutanten geben würde, je mehr wir impfen! Wie ist denn das zu verstehen? Lieber nicht impfen? Das kann doch wohl nicht damit gemeint sein. Überhaupt diese Virusmutationen: Man tut jetzt so, als wären sie die nächste Katastrophe. Aber mutierten die Viren nicht immer? Das wissen wir doch von den Grippeviren schon lange. Lächerlich auch der Glaube, dass man sich durch Grenzschließungen vor den mutierten Viren schützen könne. Für Viren gibt es keine Grenzen. Und selbst wenn das gelänge: glaubt tatsächlich jemand, dass die hiesigen Viren nicht mutieren würden? So als gäbe es noch einen geheimen Führerbefehl: „ein deutscher Virus mutiert nicht!“ Lächerlich. Und noch eine Frage: In der Corona-Statistik wird oft auch die Zahl der Genesenen genannt, die jetzt fast zwei Millionen beträgt. Wenn man aber bedenkt, dass etwa 85 % der positiv Getesteten keine oder nur leichte Symptome hatten, sich oft nicht krank fühlten – kann man da überhaupt von einer Genesung sprechen? Nur weil sich ein Testergebnis verändert hat?
Ehrlich: Mir hängt das Thema Corona zum Halse heraus. Aber der Kopf ist nicht frei. Die ständigen und Ängste erzeugenden Nachrichten über die Pandemie ergreifen Besitz von einem, auch wenn man nicht erkrankt ist. Das ist wirklich gefährlich. | Paul F. Gaudi

Die Kolumnen Nr. 1 bis 54 von Paul F. Gaudi sind Ende 2019 als Buch unter dem Titel
„Der Spaziergänger“ erschienen. Das Buch kann online auf unserer Internetseite www.kompakt.media bestellt werden.