Mittwoch, August 10, 2022
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Gedanken- und Spaziergänge im Park: Vom Sammeln

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Ich spaziere den Weststrand auf dem Darß entlang, wie schon in vielen Jahren. Jetzt aber mit Bademantel und Badehose. Vor Jahrzehnten war das anders, da lief ich nackt den Weststrand entlang, wie andere auch. Doch die Zeiten haben sich geändert. Vielen neuen Ostseeurlaubern aus dem Westen war diese DDR-Freizügigkeit – eine der wenigen, die wir hatten – eher fremd oder vielleicht auch unangenehm. Jedenfalls bevölkern jetzt mehr Bekleidete als Nackte den viel voller gewordenen Weststrand. Und auch mehr Hunde. Möglicherweise ist das auch eine Generationenfrage. Unsere erwachsenen Kinder sind ebenfalls nicht mehr nackt am Strand, obwohl es in der Kindheit für sie selbstverständlich war. Von anderen Eltern höre ich ähnliches.

Das erste Mal in dieser herrlichen Gegend war ich Anfang der sechziger Jahre, als wir als Studenten zu einer vormilitärischen Ausbildung in das GST-Lager Prerow mussten. Waren es zwei oder mehr Wochen? Ich weiß es nicht mehr, aber es war eine herrliche Zeit. Die sogenannte „Ausbildung“ war lächerlich und ab Mittag waren wir an dem langen, unzivilisierten FKK-Strand. Abends gab es offiziell keinen Ausgang, doch der Maschendrahtzaun hatte große Löcher und die „Wache“ hielten wir selbst. So trafen sich viele von uns abends im Tanzsaal des Cafés Helgoland, das es heute leider nicht mehr gibt. Jeden Abend wurde dort ein Schlagerpreissingen veranstaltet und jeden Abend gewann der gleiche Einheimische mit dem Lied „Arriba, arriba Espana“! Lied und Text findet man im Internet. In dieser Zeit entstand meine unverbrüchliche Liebe zur Ostsee und dem Darß.

Heute bewundere ich am Strand den Gleitflug der Möwen, freue mich am Gezwitscher der Uferschwalben und staune über die vielen verschiedenen und manchmal riesigen Gummitiere der Kinder. Dabei fällt mir ein, dass ich früher meist gebeugt den Strand entlang gegangen bin, die Augen auf den Sand gerichtet, in der Hoffnung Bernstein zu finden. Das Glück hatte ich nur einmal, zumeist bestand die „Beute“ aus Steinen mit einem Loch, den „Hühnergöttern“. Solche Lochsteine, meist Feuersteine, galten früher in ganz Europa als Glücksbringer bzw. dienten der Abwehr böser Geis-ter. Im slawischen Volksglauben dienten sie zum Schutz des Hausgeflügels vor Hexen, daher wohl ihre Name. Jedenfalls gelten sie noch heute als Glücksbringer und manche tragen auch einen kleinen Hühnergott an einem Hals- oder Armband als Talisman. Es ist schon ein glücklicher Zufall, unter tausenden Steinen einen Hühnergott zu erspähen. War unsere früheste Zivilisationsstufe nicht die der Jäger und Sammler? Allerdings diente damals das Sammeln der Ernährung und war eine Überlebensfrage. Erst später wurde das Sammeln ein Hobby bzw. ein Steckenpferd, wie man früher dazu sagte. Bei vielen wurde es auch eine Leidenschaft, für die sie bereit waren auf manches andere zu verzichten. Für manche Menschen ist Sammeln eine Lust am Jagen, am Entdecken und am Besitzen, für andere auch die Ersatzerfüllung einer Sehnsucht. So waren für uns Nachkriegskinder Briefmarken oder Postkarten aus fernen Ländern Botschaften von Welten, die unerreichbar schienen. Sammeln kann aber auch die Kompensation eines Verlustes sein. Manche Heimatvertriebenen trugen alles zusammen, was sie an ihre alte Heimat erinnerte, jedes Buch, jedes Foto, jeden Zeitungsausschnitt. Viele Sammler betreiben ihre Leidenschaft mit wissenschaftlicher Akribie und veröffentlichen auch ihre Erkenntnisse. Doch irgendwie habe ich den Eindruck, dass Sammeln und Sammler seltener werden. Woran mag das liegen? Ist es die Folge der weisen Erkenntnis, dass auch Besitz nicht glücklicher macht oder ist es vielmehr ein Zeichen eines kulturellen Wandels, einer Verschiebung der Interessen in Zeiten des Internets, in denen man alles am Bildschirm suchen und betrachten kann? Oder ist es gar das Symptom eines kulturellen Verfalls?

Ein Freund von mir möchte seit längerem seine ansehnliche Briefmarkensammlung veräußern und klagte darüber, dass das fast unmöglich sei. „Alle Interessenten waren berufsmäßige oder heimliche Händler. Die einen würden zwar die gesamte Sammlung übernehmen, aber quasi – etwas übertrieben – zum Altpapierpreis und die anderen wollten nur die Rosinen rauspicken, die paar besonderen, seltenen Marken. Sammler im eigentlichen Sinne waren sie alle nicht.“ Aber welcher echte Sammler würde auch eine komplette Sammlung übernehmen? Dann wäre er ja schon am Ziel und die ganze Spannung des Suchens, Entdeckens und Erwerbens, die ja die Freuden des Sammelns ausmachen, hätte er übersprungen. Übrig bliebe nur noch die kurze Befriedigung durch den Besitz. Das macht eigentlich keinen Spaß. Sammeln ist doch viel mehr als nur Besitzen. Vielleicht ist es das größte Unglück für einen Sammler, wenn seine Sammlung vollständig wäre. Was bliebe dann noch zu wünschen und zu suchen übrig?

Es gibt wohl nichts, was nicht gesammelt wird. Als Kinder sammelten wir verschieden eingepackte Zuckerstücke, Bierdeckel, gepresste Blätter der Laubbäume oder die seit Omas Zeiten beliebten Glanzbilder, die aus mir unbekanntem Grund „Stampersblumen“ genannt wurden. Sie klebte man in oder auf Briefe oder in Poesiealben. Einen Blick in die weite Welt gaben zu Zeiten der Großeltern auch die oft prächtig gebundenen Postkartenalben, die sorgsam aufgehoben wurden. Gibt es solche Alben heute eigentlich noch? Heute schickt man als Urlaubsgruß ein Foto vom Handy über whatsapp oder über facebook und „gesammelt“ wird die Zahl der positiven (Daumen hoch) Zeichen oder die Zahl der „Follower“, also die Menge derer, die diese facebook-Seite ansehen. Das ist aber etwas Immaterielles, nichts zum Anfassen. Es dürfte ein Trugschluss sein zu glauben, dass eine große Zahl unbekannter Follower irgendetwas mit Beliebtheit zu tun hätte!

Was haben uns in der Kindheit allein die Briefmarken alles gelehrt! Landschaften, Städtebilder und Denkmäler aus aller Welt, Politiker, Wissenschaftler, Künstler, Sportler, die fremden Namen der Nationen und Höhepunkte ihrer Geschichte lernten wir sammelnd und nahezu spielerisch kennen. Ein früher Wissensquell waren auch Liebigbilder, die in vielen 100 Serien á sechs Bilder über Jahrzehnte seit 1870 erschienen und wohl kein Thema ausließen. Ich habe in früher Schulzeit viel aus den Liebigalben meiner Großmutter gelernt. Heute kennt sie kaum noch jemand. Als Student suchte ich in Antiquariaten nach thematischen Zigarettenbilderalben. Malerei des Barock, der Renaissance, Flaggen oder Wappen der Welt, Olympische Spiele, alte Uniformen oder Orden, berühmte Persönlichkeiten, Tiere und Pflanzen der heimatlichen Natur und vieles mehr. In der DDR-Zeit war keines dieser Alben unter 50 Mark zu bekommen, oft viel teurer. Heute werden sie fast verschenkt. Alles kann man besser im Internet nachschauen. Ist das nun ein Gewinn oder ein Verlust? Vermutlich denkt jede Generation anders darüber.

Es könnte noch viel über die Unzahl verschiedener Sammelgebiete gesagt werden. Das würde Bücher füllen und hier ist nicht Raum dafür. Ich denke z. B. auch an die Unzahl von Büchern, die in vielen Wohnungen gesammelt, oft nur einmal gelesen, millionenfach in den Regalen stehen. Dienen volle Bücherregale vielleicht auch der Repräsentation zum Beeindrucken der Gäste? Sammler möchten auch ihre Mitmenschen beeindrucken. Im Feudalismus z. B. konkurrierten die Fürsten untereinander mit großen Kunstsammlungen. Das hatte sein Gutes: die Bestände vieler Museen haben private Sammlungen zur Grundlage. Sammeln hat auch einen sozialen Aspekt. In den Sammlervereinen kommen Alte und Junge zusammen, Männer und Frauen, Wohlhabende und Ärmere, Akademiker und Arbeiter und alle eint das gleiche Interesse: die Leidenschaft für ihr Sammelobjekt. Da wird gefachsimpelt und fair getauscht. Der Sammlerverein ist eine über Klassengrenzen hinweg soziale und freundschaftsstiftende Institution. Oder muss man schreiben: War eine soziale Institution? Denn viele der Vereine klagen über Mitgliederschwund und Überalterung. Die Jugend habe kaum noch Inte-resse für all die vielen Sammelmöglichkeiten. Die Zeit ist schnelllebig und hektisch, jagt von einer Sensation zur anderen. Sammeln aber heißt nicht nur jagen, sondern vor allem auch ruhiges Betrachten und sich erfreuen. Der Sammler kann durchaus für sich allein seine Sammlung still genießen, taucht in seine Welt ein und lässt den Lärm der Welt an sich vorbeirauschen. Und vielleicht stellen sich sogar beim Betrachten oder Befühlen eines Hühnergottes schöne Erinnerungen ein. Bei mir ist das jedenfalls so.

Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“
Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100) erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

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