Gedanken- und Spaziergänge im Park: Von Berlin und Afrika

Paul F. Gaudi | In einer langen Sitzung vom 22. bis 23. August 1990 beschloss die Volkskammer vor 30 Jahren den Beitritt zur BRD mit überwältigender Mehrheit. Dagegen stimmten natürlich die Abgeordneten der PDS, einzelne Abgeordnete der SPD, aber auch die Abgeordneten der Grünen und des Bündnis 90. Nur zwei Abgeordnete des Bündnis 90 stimmten für den Beitritt, einer von ihnen war der spätere Bundespräsident Joachim Gauck. Als am 20. September zeitgleich die Volkskammer und der Bundestag über den inzwischen ausgearbeiteten Beitrittsvertrag abstimmten, waren ebenfalls die Bündnis-Grünen dagegen. Nachdem das Ergebnis des durch beide Parlamente ratifizierten Vertragswerkes bekannt wurde, erhoben sich im Bundestag die Abgeordneten der CDU, SPD und FDP und sangen die Nationalhymne, während die Abgeordneten der Grünen den Saal verließen. Diese Einstellung gegen die Wiedervereinigung Deutschlands zeigte sich übrigens schon nach den Ergebnissen der ersten demokratischen Volkskammerwahl am 18.3.1990, als die „Allianz für Deutschland“ die große Mehrheit errang. Damals hatte Otto Schily, der ein Vierteljahr vorher bei den Grünen ausgetreten war, weil er nicht in den Fraktionsvorstand gewählt wurde, einen denkwürdigen Fernsehauftritt. Auf die Frage des Moderators, was diese Volkskammerwahl bedeute, zog er wortlos eine Banane aus der Jackentasche. Welch eine überhebliche und die DDR-Bevölkerung diskreditierende Geste! Als wären nur vordergründige wirtschaftliche Vorteile die Ursache für dieses großartige Wahlergebnis gewesen. Diese negative Einstellung gegenüber der nationalen Einheit und Würde scheint bei einigen Politikern immer noch gepflegt zu werden.

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Was wäre aber wohl geworden, wenn Helmut Kohl gegenüber Modrow nicht auf einer demokratischen Neuwahl bestanden hätte? Und wenn die DDR in ihren damaligen Grenzen weiterhin als DDR existiert hätte unter einem möglichen Führungstrio namens Modrow – Markus Wolf – Gysi? Wäre dann nicht vielleicht eine Art „Putinisierung“ der DDR erfolgt, bei der sich Parteikader und hohe Stasi-Offiziere die Wirtschaft und Grundstücke unter den Nagel gerissen hätten? Ansätze dazu gab es bereits. Aber auf diese „was-wäre-wenn-Fragen“ gibt es keine Antworten. Seien wir lieber froh, dass es so gekommen ist, wie es kam, auch wenn sich viele Fragen und Kritiken ergeben. Aber in welcher Demokratie gibt es das nicht? Wäre es überhaupt eine Demokratie, wenn es keine kritischen Fragen gäbe?

Manchmal staunt man, womit sich Politik so beschäftigt. So bereitet zum Beispiel das Bundeslandwirtschaftsministerium ein Gesetz vor, das unter anderem die Hundehalter zum zweimaligen „Gassi-gehen“ verpflichten soll. Hat die Landwirtschaftsministerin nichts Wichtigeres zu tun? Man stelle sich vor, das Gesetz wird Wirklichkeit. Wie will man das kontrollieren und wer soll es kontrollieren? Bekommt vielleicht jeder Hundehalter dann eine Art „Gassigeh-Ausweis“, auf dem er sich täglich den zweimaligen Ausgang bestätigen lassen muss? Und von wem? Oder wartet man auf Nachbarn als Denunzianten, die der Polizei melden, dass Herr X oder Frau Y gestern nicht mit ihrem Hund vor der Tür waren? Man kann nur inständig hoffen, dass die AfD nicht gegen dieses Gesetz ist, denn dann würde es wohl garantiert beschlossen.

Trotz vieler internationaler Krisen nahm sich Frau Merkel die Zeit, vier Klimakämpferinnen, u. a. Greta Thunberg und Luisa Neubauer, zu empfangen. Das Ergebnis schien ausgesprochen nichtssagend zu sein, denn laut Magdeburger Tageszeitung berichtete eine der Teilnehmerinnen über die Kanzlerin danach: „Sie habe uns gesagt, dass sie es in Erwägung ziehen wird, zu versuchen, mutiger zu sein.“ Köstlich! Noch vager hätte sich Frau Merkel kaum ausdrücken können. Zweimal Konjunktiv! Sie sagt nicht, dass sie mutiger sein will. Nein, sie will nur versuchen, mutiger zu sein. Versuche klappen bekanntlich manchmal nicht. Auch dass sie es versuchen will, sagt sie nicht zu. Sondern nur, dass sie es in Erwägung ziehen wird. Wann und vor allem mit welchem Ergebnis sie es erwogen haben wird bleibt offen. Also schlimmer kann man als Bittsteller wohl kaum abgefertigt werden. Schlimmer wäre nur ein deutliches „Nein“. Wozu also die ganze Sitzung? Ich weiß es nicht. Vielleicht war es Taktik, um im Hinblick auf die kommende Bundestagswahl eine freundliche Geste in Richtung der Grünen zu senden?

In Berlin hat die Bezirksverordnetenversammlung Mitte mit den Stimmen der Grünen und der SPD beschlossen, die Mohrenstraße in Anton-Wilhelm-Amo-Straße umzubenennen. Eine Bevölkerungsbeteiligung ist nicht vorgesehen und es können auch keine alternativen Umbenennungsvorschläge eingereicht werden. In dem Beschluss heißt es, das Bezirksamt werde ersucht, „unverzüglich den Vorgang zur Umbenennung zu starten“. Ist das ein Beispiel für wahre Demokratie? Angeblich sei „der rassistische Kern des Namens belastend und schade dem nationalen und internationalen Ansehen Berlins“. Mit Verlaub, ich glaube dem Ansehen Berlins schaden ganz andere Dinge! Aber wenigstens wird die Mohrenstraße wieder nach einem „Mohren“ (dieses angebliche Unwort sei in diesem Zusammenhang gestattet) benannt. Anton Wilhelm Amo wurde etwa um 1700 in Ghana geboren und als Kind an die Holländer als Sklave verkauft. Von Holland aus wurde er dem Braunschweiger Fürstenhaus als „Kammermohr“ geschenkt. 1707 wurde er dort evangelisch getauft, sein Taufpate war der Braunschweiger Herzog Anton Ulrich. Amo erhielt eine hervorragende Bildung. Von 1717 bis 1721 besuchte er die Ritterakademie in Wolfenbüttel und von 1721 bis 1727 die protestantische Universität Helmstedt. Neben Deutsch erlernte er Französisch, Griechisch, Hebräisch, Niederländisch und Latein. Ab 1727 studierte er in Halle Philosophie und Rechtswissenschaften. Der Leser bedenke: ausgerechnet in Halle, der preußischen Universität! Und auch noch zur Zeit des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I (1713 – 1740). Wo doch Preußen mit seinen Königen derzeit als das Reaktionärste angesehen wird, was es in Europa jemals gab! Dort verfasste er 1729 seine erste Disputation, wie damals üblich in lateinischer Sprache, mit dem Titel – und jetzt kommt es ganz furchtbar schlimm – „De iure Maurorum in Europa“ („Über die Rechtsstellung der Mohren in Europa“). Mit solch einem Titel würde heutzutage seine Arbeit an einer deutschen Universität wegen Verstoß gegen die „political correctness“ nicht angenommen werden; vielleicht würde man ihm sogar empfehlen die Bildungsstätte schleunigst zu verlassen. Und bei der öffentlichen Disputation würde er vermutlich von verschiedenen menschheitsverbessernden Gruppen an dem Betreten des Hörsaales gehindert oder sein Vortrag würde durch ständiges Buh-Rufen und Trillerpfeifen gestört und verhindert. So ist das heute. Damals im reaktionären Preußen des 18. Jahrhunderts ging das glatt über die Bühne.

1730 ging er für ein paar Jahre nach Wittenberg, wo er Magister wurde und das Recht erwarb Vorlesungen zu halten. Dort promovierte er auch 1734 mit einer Arbeit zum Leib-Seele-Problem mit dem Titel „De humanae mentis apatheia“ („Über die Empfindungslosigkeit des menschlichen Geistes“). Im Gegensatz zum Körper sei die Seele ungreifbar, meint er, sie könne keinen Schmerz empfinden: Damit stellt sich Amo gegen Descartes, bei dem die Seele mit dem Körper vereint ist und mit ihm handelt und leidet. Amo denkt als deutscher Metaphysiker. Die von ihm postulierte Leib-Seele-Trennung erscheint wie ein aus eigener Leiderfahrung geborenes Konzept. Was er als (schwarzer) Mensch erdulden muss, kann der Seele nichts anhaben. Immerhin: Er ist die erste Person aus dem subsaharischen Afrika, die an einer europäischen Universität studierte, und der erste Afrikaner, der einen Doktortitel einer europäischen Universität erhielt.

1736 wechselte er wieder an die philosophische Fakultät der Universität Halle, wo er als Privatdozent tätig wurde. Halle war damals in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts als wissenschaftliches Zentrum der Frühaufklärung in Deutschland weithin anerkannt. Vorlesungen hat er auch an der Universität zu Jena angeboten. Ab 1740 ist fast nichts mehr über ihn erhalten, außer dass es zu rassistischen Spottgedichten eines Hallenser Rhetorikprofessors gegen ihn kam. 1747 verließ er Deutschland in Richtung Ghana. Wenig ist darüber bekannt, was er dort tat und wie er dort lebte. Der Schiffsarzt Gallandat traf ihn 1752 in seiner Heimatstadt Axim. Hatte in Europa bisher sein afrikanisches Aussehen für Probleme gesorgt, so war dort seine europäische Sozialisation sicher eher ein Hindernis. So wohnte er zuletzt in der holländischen Festung San Sebastian in Shama. Dort beschließt er seine Tage, vielleicht irgendwann um 1760. Auf dem dortigen, recht neuen Grabstein, wird allerdings das fragliche Todesjahr 1784 angegeben.

In der DDR erschien übrigens 1976 von Burchard Brentjes ein Buch über ihn: „Anton Wilhelm Amo. Der schwarze Philosoph aus Halle“.

Die Kolumnen Nr. 1 bis 54 von Paul F. Gaudi sind Ende 2019 als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“ erschienen. Das Buch kann online auf unserer Internetseite www.kompakt.media bestellt werden.

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