Montag, September 26, 2022
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Gedanken- und Spaziergänge im Park: Widersprüchliches

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Es sind Zeiten der Not und der Inflation, wobei vermutlich jetzt erst der Anfang der Schwierigkeiten ist. Vieles spricht dafür, dass es wesentlich schlimmer wird, wenn die kältere Jahreszeit anbricht. Die Spitzen der Politik fordern vom Volk Sparsamkeit und das brave Hinnehmen von zu erwartenden Einschränkungen. So weit, so gut. Doch was plant das Kanzleramt? Einen zusätzlichen Anbau von ca. 23.000 Quadratmetern mit 400 neuen Büros, einer Kita und einem Hubschrauberlandeplatz! Dazu kommt noch, dass die beiden großen Gebäude – oder sollte man besser von Palästen sprechen – noch mit einem Tunnel unter der Spree miteinander verbunden werden sollen. Im Voranschlag sind dafür 600 Millionen Euro geplant. Nach allen Erfahrungen mit Neubauten wissen wir, dass diese Kosten sich immens vergrößern werden. Der Grund für diesen Bau sei Platzmangel. Bereits unter den 16 Jahren der Kanzlerschaft von Frau Merkel erhöhte sich die Zahl der Mitarbeiter im Kanzleramt von 460 auf 750. Das sind aber nur die Beamten und Angestellten im sogenannten „Kernbereich“! Auch Scholz will sein Kanzleramt noch um rund weitere 75 Planstellen vergrößern! Die Frage ist wohl nicht unberechtigt, ob sich nach dem Regierungswechsel die Aufgaben plötzlich so vermehrt haben oder ob Parteifreunde versorgt werden sollen. Wo bleibt da das Befolgen der Aufforderung nach Einschränkungen und Sparsamkeit? Auch andere Ministerien haben sich vergrößert. Dazu kommen zusätzlich noch insgesamt 39 „Beauftragte der Bundesregierung“ – beauftragt für alles Mögliche. Gibt es nicht genügend höhere Beamte beim Kanzleramt und in den Ministerien, die diese Aufgaben wahrnehmen könnten? Jedenfalls entsteht in Berlin die größte Regierungszentrale der westlichen Welt, dreimal größer als der Élysée-Palast, achtmal größer als das Weiße Haus und zehnmal größer als Downing Street 10. Und das trotz Corona-Krise, Krieg in der Ukraine, Energiekrise, Haushaltsnotstand und Rekordverschuldung. „Wir sollen die Gürtel enger schnallen, kalt duschen und im Winter weniger heizen“, klagt Gerd und fügt hinzu: „Es wäre besser, wenn die Herrschaften im Bundestag mit gutem Beispiel vorangehen würden.“ „Na, wie denn?“, fragte ich ihn. „Nun, sie könnten beispielsweise beschließen, die Zahl der Bundestagsabgeordneten von 736 auf die gesetzlich festgelegte Zahl von 598 zu verkleinern und ihre Diäten um ein Drittel zu reduzieren. Das wäre doch eine echte Tat statt vieler großer Sprüche.“ „Du bist ein unverbesserlicher Phantast! Ich bin eher gespannt darauf, ob die Abgeordneten im Winter bei den Bundestagssitzungen mit dicken Pullovern oder Wintermänteln zu sehen sind, weil der Bundestag weniger beheizt würde.“
Ich erzählte Gerd von den Bahnerfahrungen meiner Tochter, die für einige Tage aus Frankreich zu Besuch kam. Auf der Hinfahrt wunderte sie sich, dass beim Überfahren der deutschen Grenze plötzlich alle Masken tragen sollten, was sie auf französischem Gebiet nicht mussten. Offenbar wurden die Viren bei der Grenzüberschreitung um ein Vielfaches gefährlicher. Die eigentliche Katastrophe aber war die Rückfahrt von Magdeburg nach Paris. Von Magdeburg aus wollte sie wie gewöhnlich in Braunschweig in einen ICE nach Frankfurt umsteigen. Aber schon fünf Tage vor ihrer Abfahrt erschien im Internet die Meldung, dass der ICE aus Berlin an verschiedenen Bahnhöfen, u. a. auch in Braunschweig, wegen eines Bombenfundes bei Göttingen eventuell nicht halten würde. Warum kann er deshalb nicht anderswo halten? Wer weiß. Die Meldung hielt sich fünf Tage bis zum Nachmittag vor ihrer Abfahrt am 24. Juli. Aber es wurde nicht besser. Nun folgte die Nachricht, dass der IC nach Norddeich-Mole über Braunschweig am nächsten Morgen wegen Reparaturarbeiten an der Strecke ganz ausfallen würde. In ihrer Not fuhr sie also mit ihrer kleinen Tochter am Abend des 23. Juli nach Berlin, übernachtete in einem Hotel am Hauptbahnhof, um am frühen Sonntagmorgen in den ICE einsteigen zu können – der dann übrigens in Braunschweig pünktlich hielt. „Das passt doch zu den Mitteilungen, dass bei der Bahn derzeit vieles chaotisch ist. Nur knapp 60 Prozent aller Fernzüge sind noch pünktlich und Verspätungen von 45 bis 60 Minuten und mehr sind keine Seltenheit.“ Gerd sagte weiter: „Aber große Sprüche machen sie. Angeblich fahren alle Fernzüge seit 2018 mit grünem Strom. Tatsächlich sollen im Strommix der Bahn wohl 62 Prozent Ökostrom sein. Allerdings gibt es wohl nur eine Oberleitung für alle Züge, oder? Wie können da die Fernzüge speziell den Ökostrom rausziehen? Oder was anderes: Mitte Mai fuhr mit großem Tamtam ein „Female ICE“ von Berlin nach München, in dem das ganze Personal von der Lokführerin bis zur Zugchefin weiblich war. Ich will Dir mal was sagen: Mit welchem Strom der Zug fährt oder ob das Personal männlich, weiblich, trans, divers, schwul oder sonst was ist, das geht dem Fahrgast links am Gesäß vorbei. Er möchte nur, dass die Züge pünktlich sind und dass er seine Anschlüsse erreicht.“ Da konnte ich nur zustimmend nicken. Aber ob sich so schnell am desolaten Zustand der Bahn etwas ändern wird, erscheint fraglich.
Eigentlich wollten wir mal wieder auf den Brocken. Aber da brannte es im Hochharz. Nach dem Waldbrand wurde bekannt, dass die TU Dresden eine Studie erstellt über das Totholz, seinen Nutzen und seine Brennbarkeit. Ob der Auftrag dazu noch von unserer früheren grünen Umweltministerin Dalbert stammte? Das Totholz sollte eher verwittern, als möglichst zügig beräumt zu werden. Dabei weiß jeder Förster, jeder Kleingärtner, jeder Osterfeuerfreund um die gute Brennbarkeit von Totholz. Doch was nützen schon Wissen und Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit festsitzenden Ideologien?
Unser lauteres Bächlein plätschert und plappert schon wieder geräuschvoll trotz stetig sinkender Inzidenzen von seiner nächsten Coronawelle. Wieder werden Maskenvorschriften ab 1. Oktober, 1-2-3-G-Regeln und Zugangsbeschränkungen für alle möglichen Örtlichkeiten entworfen. Natürlich wird eine weitere Impfung empfohlen, schon nach einem Vierteljahr. Wie oft eigentlich noch? Kennt der Herr Minister eigentlich die letzte Statistik des Robert-Koch-Institutes, wonach in den Kalenderwochen 28 bis 31 von den Coronakranken auf den Intensivstationen lediglich 16 Prozent ungeimpft waren, aber rund 69 Prozent drei- bzw. viermal geimpft waren? Über 11 Prozent hatten zwei und über 3 Prozent nur eine Impfung. Solche Zahlen erwecken doch einige Zweifel an dem Beharren für weitere Auffrischungen. Statt immer neuer und eventuell noch schärferer Vorschriften wäre es an der Zeit, das unselige Gesetz zur einrichtungsbezogenen Impflicht in Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen wieder rückgängig zu machen und es auf dem Müllhaufen für sinnlose Gesetze zu entsorgen. Schwestern, Pfleger, Ärztinnen und Ärzte, die sich nicht impfen lassen wollten, haben stets ihre Pflicht und oft mehr als das getan, wie die Geimpften auch. Ihnen mit Geldbußen oder gar Entlassung zu drohen, ist dumm und falsch und würde die bestehende Personalnot noch unnötig vergrößern. Offenbar sehen das die meisten Gesundheitsämter und Leiter großer Einrichtungen genauso, es wurden anscheinend nur sehr wenige Kündigungen ausgesprochen. Gerd erinnerte mich daran, dass Lauterbach am 23. Juni bei einer Demonstration von Mitarbeitern des Gesundheitswesens anlässlich der Konferenz der Gesundheitsminister in Magdeburg arg entgleiste, als er der Gruppe der Mitarbeiter, die gegen Impfzwang demonstrierten, vorwarf, dass sie keinen Anteil an der aufopferungsvollen Arbeit hätten und ihnen das Recht zu demonstrieren absprach! „Das war daneben, aber vor allem ungerecht“, urteilte Gerd darüber.

Am Ende unseres Weges kamen wir noch einmal auf die „Beauftragten“ der Regierung zurück und zwar auf Frau Ferda Ataman, die neue Antidiskriminierungsbeauftragte, die den Jahresbericht für 2021 vorstellte. Er ist sehr bunt, niedlich bebildert, enthält einige Politikerinterviews, aber relativ wenig Zahlen. Am Morgen des gleichen Tages sprach sie im Fernsehen noch davon, dass jeder Sechste laut Studien schon eine Diskriminierung erfahren hätte – aber in dem Bericht sieht es dann ganz anders aus. Manche Studien sind mit Vorsicht zu genießen, denn einige Verfasser sind nicht ergebnisoffen, sondern wollen ein bestimmtes Ergebnis erzielen. Die Ergebnisse solcher Befragungen hängen eher davon ab, wie die Fragen formuliert und wie die Antworten bewertet werden. Da gibt es viel Spielraum für Interpretationen. Der Bericht von Frau Ataman dagegen gibt nur eine Zahl von 5.617 Fällen an; das sind sogar noch 10 Prozent weniger als 2020. Und bei 83 Millionen Menschen in Deutschland sind das nur 0,007 Prozent. Natürlich kann man sagen, dass jeder Fall einer zu viel ist und dass es eine gewisse Dunkelziffer gibt. Zusätzlich kommt es noch auf die persönlichen Empfindlichkeiten eines Menschen oder einer Menschin an, ob sie sich diskriminiert fühlen oder nicht. „Bei manchem der in diesem 64-seitigen Bericht geschilderten Fälle hat man da so seine Zweifel“, meinte Gerd. „Naja“, erwiderte ich, „du ärgerst dich ja auch immer und fühlst dich auf die Schippe genommen und diskriminiert, wenn eine Verkäuferin dich alten Graukopf mit „junger Mann“ anredet!“ „Ja, ich mag es nun mal nicht, wenn man mich veräppelt“, knurrte er und ging seines Weges.

Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“
Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100) erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online unter www.kompakt.media bestellt werden.

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