Mittwoch, September 28, 2022
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Gedanken- und Spaziergänge im Park: Zwei Jubiläen

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In der katholischen Kirche schlagen derzeit die Wellen hoch. Es geht dabei um den sexuellen Missbrauch, der durch kirchliche Amtsträger an Kindern und Jugendlichen verübt und seit Jahrzehnten durch hohe kirchliche Würdenträger vertuscht wurde. Natürlich gibt es solche missbräuchlichen Handlungen an Abhängigen und Minderjährigen auch in verschiedenen anderen Berufsgruppen, doch kaum eine vertritt einen solchen hohen moralischen Anspruch wie die Priesterschaft. Auch bei kaum einer anderen Profession wurde von den Vorgesetzten so viel und so lange unter der Decke des Schweigens verborgen gehalten. In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder die Frage diskutiert, ob der Zölibat solche kriminellen Handlungen eher fördert als verhindert. Mit der Verpflichtung zu einem Zölibat hören bei einem jungen Priester die Sexualhormone doch nicht schlagartig auf zu wirken! Als Laie könnte ich mir vorstellen, dass es für manchen, der diesen Beruf erwählte, eine Reihe von schweren inneren Prüfungen und Versuchungen mit sich bringt. Der Zölibat, lateinisch caelibatus „Ehelosigkeit“, ist die Verpflichtung ehelos zu leben und besteht als generelle Forderung für die katholischen Pries-ter seit 1022, also seit nunmehr 1.000 Jahren. Wichtig ist hier die Unterscheidung zwischen einem Ehelosigkeitszölibat und einem Enthaltsamkeitszölibat. Das war keineswegs immer ein und dasselbe. Im ersten Jahrtausend des Chris-tentums gab es durchaus verheiratete Priester. In verschiedenen Synoden wurde aber für sie angeordnet, dass sie in der Ehe enthaltsam leben sollten. Inwieweit sie das eingehalten haben – wer weiß es. Für die Ostkirchen war das überhaupt kein Thema. Ihre Priester durften immer verheiratet sein, wenn sie das wollten. Einen freiwilligen Zölibat gab es im Christentum, wie bei anderen Religionen auch, allerdings schon seit Anfang an, wenn wir an die Einsiedler, die Eremiten oder an die Mönche und Nonnen denken.

Allmählich wurde es strenger und die Westkirche vollzog den Übergang vom Enthaltsamkeitszölibat zum allgemein verbindlichen Ehelosigkeitszölibat der Priester. Auf der Synode von Pavia im Jahre 1022 ordnete Papst Benedikt VIII. gemeinsam mit Kaiser Heinrich II. an, dass Geistliche künftig nicht mehr heiraten durften. Bei Verstößen gab es Kirchenstrafen und schon verheirateten Priestern sollte Amt und Besitz entzogen werden. Dabei ging es vielleicht nicht nur um eine „kultische Reinheit“ der Priester, sondern wohl auch um handfeste materielle Interessen der Kirche, da verheiratete Kleriker möglicherweise Kirchenbesitz an ihre Kinder vererben konnten. Anfangs gab es in Deutschland auch vom Klerus noch einige Widerstände dagegen, die aber erfolglos waren. Auf dem 2. Konzil in Rom 1139 wurden die Regeln noch verschärft und auch Priester ausdrücklich erwähnt, die sich eine „Konkubine hielten“ _ also eine festere sexuelle Partnerschaft hatten. Das Treiben mancher Bischöfe und Päpste in der Renaissance zeigte aber, dass auch dieses Verbot wenig nützte. Heute nun, nach 1000 Jahren wird der Zölibat selbst von Bischöfen in Frage gestellt.

„Aber womit hat die katholische Kirche eigentlich den Zölibat begründet? Lautete der göttliche Auftrag laut dem 1. Buch Mose nicht „seid fruchtbar und mehret euch?“ Das ist ja ohne Sexualität kaum machbar“, fragte ich Gerd. Gerd, der wesentlich bibelfester als ich ist, sagte: „Mit Matthäus 19, Vers 12, wo Jesus sich zu Ehe und Ehelosigkeit äußert. Da steht: Denn einige sind von Geburt an zur Ehe unfähig; andere sind von Menschen zur Ehe unfähig gemacht (kastriert – würden wir heute sagen); und wieder andere haben sich selbst zur Ehe unfähig gemacht um des Himmelreichs willen. Wer es fassen kann, der fasse es.“ „Also, ich kann daraus keine Begründung für den Zölibat erkennen.“ Gerd grins-te und erwiderte, dass darum Jesus in dem vorhergehenden Satz (11) auch gesagt habe: „Dieses Wort fassen nicht alle, sondern nur die, denen es gegeben ist.“ Und dir wurde es offenbar nicht gegeben!“ „Den orthodoxen Christen und den Protestanten anscheinend aber auch nicht“, meinte ich darauf hin. „So sieht es aus. Jedenfalls aus römisch-katholischer Sicht.“

Gerd in seiner etwas ketzerischen Art dachte laut darüber nach, ob Jesus nicht vielleicht doch eine Partnerin gehabt hätte oder gar verheiratet gewesen wäre? Da ist die herausgehobene Figur der Maria Magdalena. Laut Neuem Testament war sie neben Mutter Maria und Johannes auch bei der Kreuzigung anwesend. Sie war die erste die entdeckte, dass das Grab Jesu leer war und der der Auferstandene auch begegnete und zu ihr sprach. Ferner: Es gibt ja wesentlich mehr Evangelien als die vier kanonischen im Neuen Testament! Zum Teil sind diese allerdings nur bruchstückweise erhalten. Im Philippusevangelium wird Maria Magdalena mehrfach als die „Gefährtin“ Jesu bezeichnet. Könnte das nicht auf eine Partnerschaft schließen lassen? Oder sein erstes Wunder auf der Hochzeit von Kana, auf der er, seine Jünger und seine Mutter weilten (Joh. 2). Seine Mutter macht ihn darauf aufmerksam, dass der Wein alle sei. Darauf erwidert er ihr erst etwas grob, handelt aber doch und lässt die Diener sechs große steinerne Gefäße mit Wasser füllen, das sich in Wein verwandelt. Warum sollte er das getan haben, wenn es nicht seine eigene Hochzeit gewesen wäre? Allerdings kommt in den darauffolgenden Versen ein anderer Bräutigam zu Wort. „Fragen über Fragen“, schloss Gerd seine Mutmaßungen.

„Fragen eines lesenden Gläubigen“, erwiderte ich in Anlehnung an ein Gedicht von Brecht und machte ihn darauf aufmerksam, dass es noch ein anderes Jubiläum gäbe, nämlich 20 Jahre Euro. Ist der Euro nun eine Erfolgsgeschichte oder nicht? Da waren wir doch sehr zwiespältig. Für die Import- und Exportwirtschaft macht der Euro natürlich vieles einfacher, wenn man nicht dauernd in andere Währungen umrechnen muss. Auch für die Touristen ist in den meisten Ländern Europas das Beurteilen der Preise übersichtlich und einfacher vergleichbar geworden. Aber es gibt auch einen großen Haken dabei: Geht eine gemeinsame Währung eigentlich bei Ländern mit recht unterschiedlichen Sozial- und Steuersystemen überhaupt? Deutschland hatte seit 1870 drei Währungsunionen erlebt: Im Dezember 1871 wurde die Reichsmark als Einheitswährung eingeführt, die Krankenkassen und Rentenversicherungen wurden erst nach 1880 begründet, also problemlos. Die zweite Währungsunion erfolgte nach der Wiedervereinigung und die westdeutschen Sozial- und Rentensys-teme wurden übernommen, so dass auch diesbezüglich ein einheitliches System vorhanden ist. Das alles ist aber bei der dritten Währungsunion, der Einführung des Euro 2002, nicht gegeben. Jedes Mitgliedsland hat unterschiedliche Renten- und Sozialordnungen und auch verschiedene Steuersätze. So ist das Renteneintrittsalter in Deutschland bei 65,5 Jahren und soll auf 67 Jahre angehoben werden. Franzosen erhalten schon mit 63 Rente, Slowenen, Griechen und Luxemburger mit 62 Jahren. Deutsche und Belgier haben ein Durchschnittseinkommen von 3700 €, Dänen von etwa 5000 €. Die durchschnittlichen Steuer- und Sozialabgaben betragen hier fast 40% des Einkommens, in Italien 31%, in Frankreich 28% und in Spanien nur 21%! Große Unterschiede auch bei der Höhe der Renten: In Deutschland etwa 51% des vorherigen Einkommens, in Italien fast 90%. Die übrigen EU-Länder liegen dazwischen. Diese wenigen Zahlen zeigen die enorme Ungleichheit in Europa trotz einer Einheitswährung. Und da ist die Frage berechtigt, ob diese dann überhaupt sinnvoll ist? Dazu kommt noch, dass manche Staatsoberhäupter eine Schuldenunion anstreben. Das hieße dann, dass die besser Wirtschaftenden für die Schuldenmacher aufkommen sollen. Ist das gerecht und macht es die Lage stabiler? Kaum anzunehmen.

Abschließend fragte ich Gerd zur neuen Regierung. Er winkte nur ab und verwies auf die letzten Umfragen, bei denen die CDU die SPD überholt, seit Merz der neue CDU-Vorsitzende ist. „Das zeigt doch nur, dass für einen Teil der Wähler der letzte Urnengang eigentlich keine SPD-Wahl, sondern eine Anti-Merkel-Wahl war. Und jetzt haben wir den Salat“, sprach er und ging.

Die Kolumnen von Paul F. Gaudi sind als Buch unter dem Titel „Der Spaziergänger“
Teil I (Nr. 1 bis 54) und Teil II (Nr. 55 bis 100) erhältlich. Die Bücher können im KOMPAKT Medienzentrum erworben oder online im Shop bestellt werden.

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