Donnerstag, Januar 20, 2022
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Geht die Epoche der Freiheit zu Ende?

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Ohne apokalyptische Prophezeiungen kommt die Menschheit offenbar nicht aus. Allerdings scheinen sich Untergangsszenarien in jüngerer Vergangenheit vermehrt zu haben. Wollten wir vermeiden, was orakelt wird, müssten wir der Freiheit für individuelle Selbstverwirklichung abschwören. | Von Thomas Wischnewski

Libertas ist das lateinische Wort für Freiheit. Ganz allgemein verstehen wir darunter, ohne Zwang zwischen unterschiedlichen Möglichkeiten auszuwählen und entscheiden zu können. Ganze Heerscharen an Philosophen, Theologen und Rechtswissenschaftler haben sich am Freiheitsphänomen abgearbeitet. Trotz mehrerer Tausend Jahre Kulturgeschichte der Menschheit können wir an die Freiheit als Begriff keine Messlatte anlegen, an der irgendetwas Objektives abzulesen ist. Die Moderne fügte der Freiheit die Vorstellung von Autonomiezuständen eines Subjekts zu.

Insbesondere die Epoche der Aufklärung mit dem Einzug bürgerlicher Freiheiten mit Meinungsfreiheit und Wahlrecht haben das Wort Freiheit beflügelt. Inzwischen wird Freiheit vor allem mit Bedürfnisbefriedigung verknüpft. Reisen, Konsumauswahl, Freizeitmöglichkeiten und Selbstverwirklichung werden eng mit persönlichen Freiheiten verbunden. Mit dem Finger zeigt man aus westlichen Demokratien auf Länder, in denen der westliche Maßstab vor allem an Meinungs- und Autonomiefreiheiten nicht in derselben Qualität verwirklicht wird. Nun brechen über uns zunehmend apokalyptische Untergangsszenarien herein. Der menschenverursachte Klimawandel ist das Szenario der Stunde. Der Rohstoffrausch zur Sicherung von Lebensmitteln und Konsumgütern mit einhergehender Lebensraumzerstörung eine weitere. Die Lösungen, die für die großen Probleme vorgeschlagen werden, beinhalten aufgrund eines gigantischen geforderten technologischen Systemwandels möglicherweise neue Gefahren für Ressourcenraubbau, Lebensraumvernichtung und können dem Sterben von Arten wenig entgegensetzen.

Von daher gibt es viele Kritiken – beispielsweise an der Elektromobilität –, die im Bereich der Mobilität nur den Austausch von Apparaten sehen, aber keinen grundsätzlichen Wandel. Bei dem einen oder anderen Grundübel unserer Zeit stehen sich Befürworter und Gegner stets antagonistisch gegenüber. Die eigentliche Explosion, die Vermehrung der Menschen auf unserem Planeten, aus der die Bedürfniskraft allen Wirtschaftens, Konsums und aller Freizeitbeschäftigungen resultierten, wird in den Auseinandersetzungen nicht besprochen (Anm. der Red.: Lesen Sie dazu auf Seite 8 von Paul F. Gaudi „Geld spielt keine Rolle“).

Wir müssen das jedoch sehr genau benennen, weil die Bevölkerungsexplosion weitreichende Konsequenzen für unser Leben haben wird. Einerseits wird dies weltweit zur treibenden Kraft beim Kampf um die Ressourcen, bei Wasser und Energie. Andererseits wird der Rohstoff-Hunger vor allem auf den Kontinenten Afrika und Asien, möglicherweise auch in Süd- und Lateinamerika aufgrund der dortigen Bevölkerungsentwicklung enorm steigen. Klimawandel und Ressourcenverteilung können deshalb weiterhin die Migration anheizen, neben den religiösen und gesellschaftlichen Konflikten vor Ort. Die CO2-Vermeidung, mit der wir uns derzeit in politischen Debatten vorrangig beschäftigen, ist unter der vorhersehbaren Schubkraft für die Bevölkerungsdynamik eigentlich nur ein marginales Trostpflästerchen. Der geforderte Technologiewandel hin zu ökologischen Lösungen mag geboten erscheinen, wird jedoch Rohstoffe möglicherweise genauso schnell wegfressen, wie es bei herkömmlichen Industrien der Fall ist.
Aus diesem Teufelskreis ist noch keine Erleuchtung erschienen. Der Ruf nach Digitalisierung, die Forcierung von Weltraumreisen kommt manches Mal wie ein psychologischer Verdrängungsmechanismus des Einzelnen vor. Wollte man vor der Menschheitsentwicklung nicht die Augen verschließen, findet man gar keine andere Antwort, als Einschränkungen, Verbote und Zwang. Glauben wir tatsächlich, wir wären in der Lage, für alle Individuen auf der Erde eine angemessene Verteilungsgerechtigkeit auszuhandeln? Man möchte sich das wünschen, um heraufziehenden Konflikten aus dem Weg zu gehen, allein die Realität sieht wohl anders aus. Selbst wenn es möglich wäre – und natürlich muss man es irgendwie versuchen – den Pro-Kopf-Verbrauch an Energie und Rohstoffen in Deutschland und den anderen großen Industrienationen mit Freiwilligkeit zu begrenzen, muss dies noch zu keinem freiwilligen Handeln in anderen, aufstrebenden Nationen führen.

Der Leitsatz „Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit” geht auf den deutschen Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel zurück und wurde danach von den kommunistischen Vordenkern Karl Marx und Friedrich Engels weitergetragen. Überträgt man die Maxime auf die heutige Zeit müssten wir gleichsam auf die Selbstverwirklichungsideen und unsere Träume für das Leben verzichten. Wie wollen wir künftig mit den Weltentdeckungswünschen für Reisen zu anderen Kulturen und Nationen weltweit umgehen. Fakt ist, dass wachsende Freizeitpotenziale auf der einen Seite zusätzliche Treiber für Ressourcenverbrauch sind und auf der anderen Millionen Menschen weltweit ihre Existenz auf die Tourismusbranche bauen.

Die Tendenzen des gesellschaftlichen Auseinanderdriftens in Deutschland und Europa fußen ebenso auf den konträren Vorstellungen von ökologischen Zielvorstellungen und dem Beharrungswunsch nach geliebten Privilegien beim Wohnen, bei der Mobilität oder für Freizeitwünsche. Und seien wir mal ehrlich, wie oft hört man einen Satz wie: Warum soll ich verzichten, die anderen machen es doch auch nicht.

Wir werden uns dem Druck der gesamten Menschheitsentwicklung nicht entziehen können. Wir werden die Probleme nicht mit Schuldzuweisungen oder Selbstbezichtigung für die eigenen destruktiven Kräfte lösen können. Genau solche Debatten werden nur zur Verschärfung gesellschaftlicher Widersprüche führen. Ebenso wenig wird der Ausweg in einer politischen Rechts-links-Arithmetik zu finden sein. Allerdings forcieren wir dies gerade. Genau darin zeigt sich die kulturgeschichtliche Quelle unseres Freiheitsdenkens aus der Zeit der Aufklärung. Sozialistische Forderungen zur Überwindung des kapitalistischen Wirtschaftens speisen sich genau aus der zerstörerischen Kraft der gesamten Menschheit. Allerdings werden sie dennoch keine Alternative bieten, weil sie im Kern keine Antwort zur Eindämmung der Bevölkerungszunahme geben.

Wann man ein Ende der Epoche der Freiheit setzen könnte, bleibt reine Spekulation. Nur der Weg dahin erscheint unausweichlich. Ein paar Generationen haben sich mit einhergehender Industrialisierung, Mobilisierung und Freizeitmöglichkeiten auf dem Planeten Erde richtig gut ausgelebt. Spätere werden dies kaum noch in derselben Quantität können. Ein Ende der Freiheiten, wie wir sie heute noch erleben und kennen, wird unausweichlich sein.

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