Dienstag, September 21, 2021
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Gelobt sei, was schräg ist

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Tokio ist vorbei. Wohin führt die olympische Reise? Anmerkungen zu einem ernsten Thema. | Von Rudi Bartlitz

So skurril und unbedeutend sie zunächst wirkte, diese Szene zeichnete ein aufschlussreiches Bild der gerade beendeten XXXII. Olympischen Sommerspiele: Im Ariake Urban Sports Park von Tokio war einer der hippen Skateboarder bei einem waghalsigen Manöver mit seinem Brett von einem Treppengeländer gestürzt, lag platt auf dem harten, rissigen Betonboden. Statt, wie eigentlich normal, den Körper nach eventuellen Schäden oder zumindest Schrammen abzutasten, scannte der Blick des Athleten als erstes den Boden ab – auf der Suche nach seinem Handy, das ihm aus einer der vielen Taschen seiner saloppen Jeans geglitten war. Ein Handy beim vielleicht wichtigsten Wettkampf des Lebens am Körper, eigentlich unvorstellbar. Jeder Old-Fashion-Trainer draußen wäre vor Wut in die Luft gegangen.

In einer der neuen Trendsportarten, die in der japanischen Metropole ihre Premiere erlebten, ist das anders. Da zählt vor alles eines, Laissez Faire und jede Menge Coolness. Kreatives Chaos schlägt penibles Regelwerk. Deshalb empfanden viele der Anwesenden die Handysuche zwar als witzig, aber doch eher als normal denn verstörend. Die olympischen Ringe, die – mehr dem Zufall entsprungen – im Hintergrund diffus zu erkennen waren, bildeten einen Teil dieses Vorganges ab. Mehr nicht.

Es sind Begebenheiten wie diese, auf die sich der geneigte, eher der 125 Jahre alten Tradition der Ringe-Spiele verhaftete Olympiafreund in Zukunft verstärkt wird einstellen müssen. Ob er nun will oder nicht. Denn das in der Regel alle vier Jahre veranstaltete Massenspektakel verdeutlichte diesmal in Fernost mehr als je zuvor, wohin die Reise in Zukunft gehen soll: zu mehr Jugendlichkeit, zu mehr hippen Sportart, zu mehr Attraktivität, mehr Urbanität, mehr Livestyle eben.

Tokio bildete in dieser Hinsicht eine Art Benchmark. Gleich fünf neue Sportarten hievte das Internationale Olympische Komitee (IOC) dafür ins Programm. Surfen, Skateboard, Sportklettern und Baseball/Softball wurden neu aufgenommen, Karate kehrte nach einer Unterbrechung wieder zurück. In anderen Sportarten gab es neue Disziplinen und mehr Mixed-Wettbewerbe. Wobei Diversität hoch im Kurs stand – die Herren der Ringe wissen eben auch den Zeitgeist zu lesen und zu deuten.

In der inter­na­tio­na­len Skate­board-Commu­ni­ty glau­ben indes nicht wenige, dass sich die reichen Funk­tio­nä­re des IOC mit ihren Aktionen ein paar coole Freun­de kaufen wollen. Sie fürch­ten, dass sich das Skaten, das sie nicht als Sport, sondern als Subkul­tur verste­hen, für immer verän­dern könnte. „Skate­boar­ding sollte niemals Teil von Olym­pia sein“, sagt zum Beispiel der US-Profi Peter Ramon­det­ta. „Scheiß auf Olym­pia!“ Und obwohl die Furcht mancher sicher nicht unbe­grün­det ist, sollte man daran erin­nern, dass das Skaten zumin­dest in der Spitze schon lange vor Tokio verän­dert worden ist. Nicht von außen, sondern von innen. Hin zum Kommerz. Durch lukrative Werbe- und TV-Verträge.

Es ist eine der großen Debat­ten des Sports, wie Tradi­ti­on und Moder­ne zusam­men­pas­sen. Mit der Zulassung der einst bei Olympia verpönten (und deshalb nicht zugelassenen) Profis fiel im Jahr 1990 eine erste große Schranke. Die Schleusen waren geöffnet. Wer jetzt nach den Corona-Spielen fragt, wo die Zukunft Olympias liegt – oder ob es langfristig überhaupt noch eine gibt, der musste in Tokio nur genau hinsehen, um sich abzeichnende Trends und Entwicklungsrichtungen zu erkennen. In der Hauptstadt Nippons versu­chten die IOC-Stra­te­gen, ihre eige­nen Antwor­ten zu finden. Man könnte sagen: Sie haben ihr Event an das Instagram-Publi­kum ange­passt. „Wir können nicht mehr erwarten, dass junge Menschen automatisch bei uns sind”, hatte der deutsche IOC-Präsident Thomas Bach schon vor längerem in einem Anflug seltener Deutlichkeit den Schritt einer Neuorientierung begründet. „Wir müssen zu ihnen kommen.”

Einer von denen, zu dem sie im übertragenen Sinne in Tokio gekommen sind (beziehungsweise: den sie zu sich eingeladen haben), ist Nyjah Huston. Kaum jemand auf der Welt fährt erfolgreicher Skateboard als er: Der US-Amerikaner hat in seiner Karriere ein Dutzend Goldmedaillen bei den X-Games gewonnen und ist vierfacher Weltmeister. Bei Olympia versagte er nun. Trotzdem folgen ihm mehr als 4,7 Millionen Menschen auf Instagram. Zum Vergleich: Der mit 23 Goldmedaillen erfolgreichste Athlet in der olympischen Historie überhaupt, der US-amerikanische Schwimmer Michael Phelps, meldet „nur“ 3,3 Millionen Follower.

Beim IOC gehen sie vermut­lich davon aus, dass derartige Zahlen wie Huston sie vorweisen kann, mit Gewichtheben, Rudern, Kanu oder Bogenschießen nie möglich wären. Wenn man zudem verste­hen will, warum das IOC Huston und die ande­ren über­haupt einge­la­den hat, darf man nicht so sehr auf die Männer und Frauen achten, die in Tokio skateten, sondern vor allem auf die, die ihnen aus der Ferne zuschau­ten. Dort, im TV und auf den sogenannten sozialen Kanälen geht das eigentliche Rennen ab, dort wird so richtig verdient.

Und da wären wir bereits bei einem Kernproblem dieses Tokio-Events: es waren – natürlich auch wegen der Pandemie-Maßnahmen – die perfekten Fernseh-Spiele. Die Show fand aus einem einzigen Grund statt: wegen des Geldes. Nur deshalb wurde von IOC und japanischer Regierung bis zum Ende verbissen an ihrer Austragung, die von der überwiegenden Teil der Bevölkerung des Gastlandes und vielen einheimischen Ärzten und Wissenschaftlern abgelehnt worden war, festgehalten. Der amerikanische Medienkonzern Comcast zahlt Milliarden Dollar für die US-Fernsehrechte, Großsponsoren lassen es sich Millionen kosten, ihr Logo bei den Wettbewerben platzieren zu dürfen – allein der Werbevertrag mit dem Brausehersteller Coca-Cola soll dem IOC bis 2032 bis zu drei Milliarden Dollar einbringen. Geld, auf das die Organisatoren wie auch viele Weltverbände der olympischen Sportarten angewiesen sind. Also werden die Spiele durchgezogen, koste es, was es wolle.

Deshalb wurde an einem Event festgehalten, das ohne Zuschauer und unter brutal strengen Hygienevorschriften stattfand. Festgehalten an einem Fest, auf das Olympioniken aus 206 Ländern über Jahre hin trainiert hatten. Das am Ende aber keines war, sondern „ein Trauerspiel“, wie es der „Spiegel“ nennt. Mit einer Eröffnungsfeier beispielsweise, bei der die Athleten in ein leeres Stadion marschierten, um dann, wie die meisten, am anderen Ende wieder sofort durch eines der Tore zu entfleuchen. Der vielgepriesene olympische Geist sah es mit Grausen …

Aber es sind noch andere Dinge, die dunkle Wolken über den fünf Ringen aufziehen lassen. Immer mehr Menschen wenden sich weltweit von den Spielen ab. Sie halten sie, trotz (oder gerade wegen?) der krampfhaften Reformbemühungen der olympischen Gralshüter für nicht mehr zeitgemäß. Gerade in westlichen Ländern wächst die Ablehnung des Geschäftsmodells Olympia (Stichworte: Kommerzialisierung, Gigantismus, Korruption, Verschandelung ganzer Landstriche, wachsende Macht der TV-Anstalten, die sogar Einfluss auf die zeitliche Abfolge der Wettbewerbe nehmen). Ein Geschäftsmodell – zu nichts anderem ist die höchste Leis-tungsmesse des Sports in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten verkommen. In München und Hamburg scheiterten Bewerbungen an Bürgerentscheiden, Oslo, Calgary und das Schweizer Wallis ließen entsprechende Pläne völlig fallen. Generell gibt es, mit Ausnahme von autokratisch geführten Regimes (Beispiel: Winterspiele 2022 in Peking) ein zurückgehendes Interesse, Veranstalter sein zu wollen. Am IOC-Sitz in Lausanne ist man heilfroh, sich mit Paris (2024), Los Angeles (2028) und Brisbane (2032) wenigstens der nächsten Orte sicher zu sein.

Widerstand kommt auch aus den Reihen der Sportler selbst. Sie sind nicht gegen Olympia, weil sie wissen, dass dies der einzige Ort ist, wo die meis-ten alle vier Jahre ihre sportliche Daseinsberechtigung nachweisen können. „Olympia ist das ultimative Großereignis“, sagt die achtfache deutsche Reit-Goldmedaillengewinnerin Isabell Werth. Aber viele Aktive sind dagegen, wie es sich derzeit präsentiert. Sie begehren nicht nur gegen die archaischen Strukturen innerhalb des IOC (keine Gewaltenteilung, keine Rechenschaftspflicht, Mitglieder werden ernannt statt gewählt) auf, sie verlangen auch eine finanzielle Beteiligung an den Erlösen der Spiele. Ferner setzen sie sich für das Recht ein, während der Wettkämpfe friedliche Protestaktionen abhalten zu können, etwa bei Siegerehrungen.

Wenn die Signale von Tokio nicht völlig fehlinterpretiert werden, ist der Wille im IOC weiterhin nicht besonders ausgeprägt, substantielle Änderungen am derzeitigen Kurs vorzunehmen. Zumal ihm die Tatsache, dass Olympia 2021 weder ausgefallen ist noch wegen Corona abgebrochen werden musste, einen gewissen Zeitgewinn verschafft haben dürfte. Beschwichtigen statt Verändern, könnte das genannt werden. Die Herrscher auf dem Olymp hätten die Probleme wohl erkannt, sagte der Leiter des Instituts für Pädagogik und Philosophie an der Deutschen Sporthochschule, Prof. Volker Schürmann, dem „Spiegel“, „aber sie werden versuchen, so lange wie möglich am Status quo festzuhalten“. Dass die IOC-Funktionäre mit ihrer Verweigerung, während der Spiele eine Gedenkminute für die Atombombenopfer von Hiroshima einzulegen, eine jämmerliche Rolle abgaben, rundet ihr Bild in der Öffentlichkeit mehr als ab. Es zeigt erneut: Vieles von dem, was aus den Mündern derer kommt, die allen Ernstes auf den Friedens-Nobelpreis spekulieren und wie Bach bei der Abschlussveranstaltung von „einer kraftvollen Botschaft für den Frieden“ faseln, ist Pathos. Und ein ziemlich hohles obendrein.

Wohin führt also der olympische Weg? Wir werden uns wohl auf den Vormarsch weiterer Trendsportarten (mit für viele hierzulande undurchschaubaren Regeln) und anderer neuer Disziplinen (wie diverse Mixed-Wettbewerbe und Staffeln) einzustellen haben. Breakdance steht 2024 schon auf dem Programm. Es sind Sportarten, in denen Deutschland, nur mal so ganz nebenbei, der Weltspitze weit, weit hinterherläuft (in Tokio gab es beispielsweise nicht eine Medaille bei den neuen Trendsettern). Parallel dazu droht einigen traditionellen Sportarten wie Gewichtheben und Ringen, die seit über einem Jahrhundert im Programm stehen, das völlige olympische Aus. Offiziell, weil es über Jahre Schludereien in den Verbänden gibt, inoffiziell darf davon ausgegangen werden, dass beide über zu wenig „Klick“-Zahlen verfügen, also nicht mehr attraktiv genug sind.

Es gäbe auch noch andere Ideen, um up-to-date zu sein. Vielleicht ersetzt man ja Rudern durch Stand-Up-Paddling, Gewichtheben durch Power-Pilates oder den Marathon-Lauf durch einen der farbenprächtigen spaßigen Color-Läufe. Oder wie der Satiriker Hans Zippert vor Tokio schrieb: „Auf die nicht vorhandenen Zuschauer warten großartige neue Sportarten wie 3.000-Meter-Hindernis-Testen, Liegendimpfen mit der Kleinkaliber-Impfpistole, Freistil-Desinfizieren und 10.000-Meter-Abstandhalten. Das britische Team ist der einzige Teilnehmer des neugeschaffenen Wettbewerbs ,Brexit ohne Steuermann‘.“

Kein Scherz: Für die Winterspiele 2026 in Italien steht eine weitere neue Sportart schon so gut wie fest. Ski-Bergsteigen heißt sie, oder trendiger formuliert: Ski-Mountaineering. In verschneitem Gelände, so es denn angesichts des Klimawandels dann noch derartiges gibt, muss der Delinquent eine Strecke mit Aufstiegen und Abfahrten bewältigen, deren Höhenunterschied bis zu 1900 Meter betragen kann. Also: Ski-Industrie und IOC, aufgepasst! Eispickel, Klettergurte, Seile und Steigeisen gehören zur Ausrüstung, müssen also gekauft werden. Da lockt Gewinn. Ein Vorschlag noch zur Güte: Sollte das Programm zu eng werden, könnten ja Skispringen und Langlauf gestrichen werden.

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