Mittwoch, September 28, 2022
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Generation XY aufgelöst

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Wenn man sich, wie ich, ein wenig der Generation X zugehörig fühlt, dann gehört unbedingt dazu, Johnny Depp zu schätzen. Dass man Teil einer Generation sein möchte, das gehört in meiner Generation wohl zum Leben dazu. Depp war der amerikanische Schauspieler, der, geradezu mythisch aufgeladen, so etwas wie ein Generationsidol darstellte. Am ehesten könnte man dieses Phänomen mit James Dean vergleichen, dem das Älterwerden erspart blieb. Das war zwar traurig, aber er musste nicht mit Maßstäben älter werden, die es nicht unbedingt leicht machten. Elvis Presley ist so ein Beispiel. Als ich ihn in den 70ern als Heranwachsender erlebte, da war er ein unförmiges Wrack, das irgendwie skurril wirkte. Ein Überbleibsel der 50er Jahre, das es nicht geschafft hatte, den Maßstäben, die man an ihn angelegt hatte, gerecht zu werden. Ich verstand seine mythischen Qualitäten nicht, weil sein Zauber verflogen war. Er war peinlich, so peinlich, wie mir meine eigenen Eltern auch erschienen, die nur drei Jahre jünger waren. Ein 14-Jähriger empfindet so, jedenfalls tat ich es. Und dann tauchte Johnny Depp auf. Es war Anfang der 80er in einer Fernsehserie namens „21 Jump Street“, in welcher es um jugendliche Undercoverermittler an einer Highschool ging. Das stellte natürlich baren Unsinn dar, welcher aber trotzdem funktionierte. Denn Depp sah wie ein aktualisierter James Dean aus, er war vielleicht der Elvis meiner Generation. Oder der Depp, ein gerne gebrauchtes Wortspiel, welches aber an der Sache vorbei geht.
„Edward mit den Scherenhänden“ funktionierte auch und vor allem wegen Depp. Der Regisseur Tim Burton würde noch öfter mit ihm zusammenarbeiten. Und die beiden brachten etwas auf den Punkt, nämlich das Gefühl, nicht dazuzugehören. Dieses arme Geschöpf mit seinen Scheren anstelle von Händen, das war Frankensteins Ungeheuer für meine Altersgruppe und zugleich fühlte ich mich gespiegelt. Und die allerschönste Frau, Winona Ryder, musste sich in ihn und damit auch mich, den Zuschauer, verlieben. Es handelte sich natürlich nur um eine Rolle, aber die Liebe zwischen den beiden war echt und wahrhaftig. Johnny Depp würde sich „Winona forever“ tätowieren lassen und so würde es damit enden, dass sie für immer glücklich zusammenlebten. Taten sie natürlich nicht und das war Verrat. Nicht ganz, denn auch Vanessa Paradis war eine zarte Kindfrau, quasi die französisch-europäische Ausgabe von Winona. Wir, die Männer in meinem Alter, würden Winona trösten und ihr über den Verlust hinweghelfen. Denn wir waren genau so unbehaust wie Johnny. Natürlich sahen wir nicht so gut aus, aber das würde sie schon verstehen, denn darauf kam es nicht an. Sie würde immer den eher erfolglosen Slacker nehmen als den geschniegelten Erfolgstypen. Sie würde uns in die Arme nehmen und alles wäre gut. Natürlich wussten wir, dass all das nicht passieren würde, aber warum sollte man sich das Träumen verbieten. Wir waren nicht dumm, also wir waren dumm, aber das wussten wir nicht, denn wir befanden uns in der Mitte der Postmoderne und nichts war ernst gemeint und gleichzeitig alles. Schroedingers Katze war unser Leben, gleichzeitig tot und quicklebendig, so lange nur keiner zu genau hinsah. Spätestens nach der Wiedervereinigung waren wir, wie es so schön hieß, am Ende der Geschichte angekommen. Damit konnte doch nichts mehr schief gehen.
Aber die Welt bewegte sich weiter, Johnny wurde älter, Winona verschwand irgendwann an den Rand der Filmgeschichte, weil sie andere Rollen wollte, aber die Filmindustrie schätzt selbstständige Frauen nicht besonders und schiebt sie dann an ebendiesen Rand. Burton drehte immer noch ganz ordentliche Filme, aber der Zauber verschwand. Und Johnny alterte, zuerst vorteilhaft und dann peinlich, meine Generation bekam einen Elvis, den sie verdiente. Sein Piratenkapitän bewegte sich anfangs so überbordend jenseits eingefahrener Normen, dass es nicht auffiel. Und natürlich spielte Keith Richards seinen Vater, der erstaunlich unpeinlich gealtert war, fast wie eine Schildkröte, faltig, 100-jährig, durch Drogen konserviert.
Aber dann kam Amber Heard, denn die gealterten Helden wollen eine junge Frau an ihrer Seite. Angeblich hatten sie sich bei irgendwelchen Dreharbeiten ineinander verliebt, dabei sah das Ganze aus wie ein typischer Hollywood-Deal. Alter Mann kriegt junge Frau, beide erweitern ihre Zielgruppen, irgendwann trennen sie sich in aller Freundschaft und neue Geschichten beginnen. Aber irgendwie hatten die beiden den Absprung verpasst, sie gaben uns Liz Taylor und Richard Burton und das passte nicht oder war vor fünfzig, sechzig Jahren möglicherweise einmal originell gewesen. Jetzt sah es peinlich aus, peinlich und traurig und selbstzerstörerisch. Da waren zwei durchgeknallte Typen mit einer bunten Mischung unterschiedlichster Drogen unterwegs. Und während um sie herum gerade die Welt unterging, ein großer Krieg und die Klimakatastrophe drohte, da redeten sie sich vor dem Gericht, welches sie selber einberufen hatten, um Kopf und Kragen. Hatte sie ihn verprügelt und in das gemeinsame Bett gekackt? Hatte er in ihrer Vagina nach versteckten Drogen gesucht? Und wollte ich das wirklich wissen? Hatten sie sich all das und mehr gegenseitig angetan, überwacht von einem Rudel Angestellter, die in der Verhandlung für und gegen sie aussagten? Da zerstörten sich zwei pathologische Fälle gegenseitig und sie entlarvten zugleich wieder einmal die bunte Scheinwelt Hollywood, die ohnehin gerade im Streaming absoff. Während in der Ukraine täglich Menschen starben, plagten sich zwei wohlstandsverwahrloste Akteure mit ihren lächerlichen Obsessionen und bekamen dafür eine Presse, die fast genau so groß darüber berichtete wie über den Krieg. Und was bleibt jetzt? Der traurige Edward mit seinen Scherenhänden sah jetzt wie das Frankensteinmonster aus den 30er-Jahren aus. Immer noch unbehaust und verloren, aber das Mitleid ist der Angst gewichen.

Lars Johansen

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