Gerda Pöggel feiert in diesem Jahr zum 93. Mal den 17. Juni

Gerda Pöggel feiert in diesem Jahr zum 93. Mal den 17. Juni – ihren Geburtstag. Geboren 1927, war ihr Geburtstag zunächst ein Feiertag wie für viele andere Menschen auch. Im Jahr 1953 änderte sich die Bedeutung dieses Datums, für die Bürger im Westen Deutschlands, in der Bundesrepublik wurde er 1954 offiziell „Tag der deutschen Einheit“ –
und für die gebürtige Brandenburgerin, die seit den 1990er Jahren in Magdeburg lebt, ganz persönlich. Bis heute.

Der Juni im Jahr 1953 war ziemlich kühl. Seit Tagen regnete es, und während der Vorbereitungen auf meinen Geburtstag machte ich mir wenig Hoffnung auf schönes Wetter. Dann nämlich hätten wir im Grünen hinterm Haus feiern können. Wegen des Regens jedoch mussten wir im Haus feiern, wo ich Stube und Küche hatte. Das war keine Wohnung wie heute. Die beiden Räume wa-ren durch den Hausflur getrennt. Ein Bad gab es nicht, zur Toilette ging es über die Treppe auf den Hof.

Für meinen Geburtstag am 17. Juni hatte ich mir von der Arbeit in der Kammgarnspinnerei frei genommen. Den Vormittag verbrachte ich damit, Kuchen zu backen. Das war 1953 eine organisatorische Herausforderung. Eigentlich war angekündigt worden, dass die Lebensmittelrationierungen beendet werden. Es gab einiges in den Geschäften zu kaufen, auch wenn man keine Lebensmittelkarten hatte. Doch in den letzten Monaten wurde es zunehmend wieder schlimmer. Gerade Butter zu besorgen, war ein großes Problem. Bückware. Da ich selbst eine Ausbildung zur Verkäuferin gemacht hatte, war eine ehemalige Kollegin so nett gewesen, mir etwas zurückzulegen, für meinen Geburtstagskuchen. Zudem hat meine Freundin Hannelore mir einen Teil ihres Butterkontingents von ihren Lebensmittelkarten spendiert. Mehl ließ sich relativ einfach besorgen, mit Zucker sah es schon schlechter aus. Im freien Handel zu kaufen war teuer: Bei der HO kostete ein Pfund Butter 10 Mark, das kann man sich heute kaum noch vorstellen.

Einige Tage zuvor hatte unsere Mutter Eier organisiert. Mit dem Fahrrad war sie über Land geradelt, um dort beim Bauern einzutauschen, was sie zuvor an Handarbeiten gefertigt hatte. Sie strickte und häkeln damals fleißig – Pullover, Strümpfe, Mützen, sogar Kleider oder was sonst gefragt war. Im Tausch dafür erhielt sie von den Bauern Kartoffeln, Gemüse oder eben Eier. Nicht nur zum Backen, sondern
auch für die Herstellung von Eierlikör haben wir diese gebraucht. Mein Eierlikör war legendär und ich wusste, dass sich meine Gäste darauf freuen. Wie ich mich auf meine Gäste freute. Voran Freundin Hannelore, meine Schwester Helga und ihr Mann Günter, der beim Feiern gern mal zur Gitarre griff und sang oder Mundharmonika spielte. Ach was haben wir gesungen! Und getanzt. Ich liebte diese Feiern! Geburtstag war immer etwas Besonderes. Für mich der Höhepunkt im Jahr.

So verbrachte ich also den Vormittag mit den restlichen Vorbereitungen. Früh am Morgen hatte ich den Kuchen vorbereitet, er schmeckt am besten, wenn er noch frisch ist. Streuselkuchen und Bienenstich. Einen eigenen Backofen hatten wir allerdings nicht. Ich habe den Teig angerührt, auf die Kuchenbleche verteilt und dann zum Bäcker getragen, der sie im großen Ofen buk. Die Bäckerei befand sich in unserer Straße, im Haus schräg gegenüber. Gegen Mittag konnte ich die fertigen Kuchen abholen, einen nach dem anderen.

Die Küche war in der Zwischenzeit schnell aufgeräumt und geputzt. Also begann ich, die kleine Stube vorzubereiten. Das gute Tischtuch „von Muttern“ war frisch gewaschen, gebleicht und sorgfältig gebügelt. Das gute Geschirr bekam seinen Platz auf dem Tisch. Die Gäste konnten kommen! Voller Vorfreude ging ich zum Fenster und hielt nach ihnen Ausschau.

14 Uhr. Wolken ziehen über die Häuser, ab und zu fällt leichter Regen. Sonst ist nichts zu sehen. Das war ungewöhnlich, normalerweise erscheinen die ersten Gäste bereits kurz vor der vereinbarten Zeit. Spätestens aber kurz danach. Doch nichts passiert. Ich gehe zur Tür. Vielleicht klemmt die Klingel? Weit und breit ist niemand zu sehen. Ich teste die Klingel – funktioniert. Erst denke ich an einen Scherz, schaue die Straße entlang, ob sich jemand hinter den Bäumen versteckt. Nichts. Wieder in der Wohnung, laufe ich hin und her, zupfte hier und dort ein wenig. Noch heute erinnere ich mich an diese Situation. Wie ich unruhig werde. Langsam verging die gute Laune. Da habe ich so viel Mühe in die Vorbereitung gesteckt und die Gäste lassen mich warten! Je mehr die Zeit vergeht, desto mehr hatte ich ein mulmiges Gefühl. Konnte etwas passiert sein?

Es wurde schon langsam dunkel, als die ersten Eingeladenen eintrafen. Sie erzählten von der Demonstration, von Straßensperren in der Stadt, von Panzern und Schüssen, von bewaffneten Patrouillen. Ich konnte es kaum glauben. Den ganzen Tag war ich mit Backen, Kochen und Putzen beschäftigt. Ein Fernsehgerät hatten wir nicht, auch kein Radio. So hatte ich nichts davon mitbekommen, welcher Aufruhr sich an jenem 17. Juni 1953 entwickelte und mit welcher (Staats-)Macht der Aufstand niedergeknüppelt wurde.

Bereits an den beiden Vortagen hatte es Protestaktionen auf Großbaustellen in Berlin gegeben, wurde erzählt. Die Unzufriedenheit mit der Situation im Land war kein Geheimnis. Wirtschaftlich wie politisch. So waren höhere Löhne angekündigt worden, stattdessen stiegen die Arbeitsvorgaben, die sogenannte „Arbeitsnorm“. Das bedeutete für viele Werktätige nun sogar weniger Lohn. Statt des angepriesenen guten Lebens im Staat des Volkes, wurde es immer schwerer, das tägliche Leben zu bestreiten. Hinzu kam das Gefühl, bevormundet und ausspioniert zu werden, es gab Angst vor Repressalien. (1950 war das Ministerium für Staatssicherheit gegründet worden, um im Land „Spione, Saboteure und Agenten“ zu entlarven.) Die indirekte Lohnkürzung brachte das Fass schließlich zum Überlaufen. Am 17. Juni wurde in rund 600 Betrieben in der DDR die Arbeit niedergelegt, voran in Berlin, in dessen Nähe ich damals wohnte, aber auch in Magdeburg, wo ich heute lebe. Rund eine Million Menschen sollen es gewesen sein. Aus den ersten Protesten und ruhigen Demonstrationen hatte sich ein Volksaufstand entwickelt. Da zeigte sich die „Macht des Staates“ mit massivem Einsatz von Militär, Volkspolizei, Staatssicherheit und Hilfe der Panzer des „sowjetischen Bruders“ – gegen das Volk und dessen Aufbegehren. Die Demonstranten wurden niedergeschlagen, im wahrsten Sinne. Die Geschichtsschreiber berichten später von mehr als 50 Toten und 15.000 Festnahmen. 1.526 Angeklagte wurden verurteilt, habe ich später gelesen.

Aus meinem Bekanntenkreis war zum Glück niemand betroffen. Der Tag jedoch blieb für uns eingebrannt im Gedächtnis. Unbeschwert an meinen Geburtstag denken konnte ich lange nicht. Noch Jahre später blieb das seltsame Gefühl, gleich könnte jemand an die Tür klopfen und fragen, warum wir ausgerechnet am 17. Juni feiern. Zumal im westlichen Deutschland dieses Datum zum Tag der deutschen Einheit erklärt worden war.

Später, als ich 60-jährig offiziell als Rentnerin über die Grenze nach Westdeutschland reisen durfte, besuchte ich meine Cousine Loni in Köln. Es war wieder ein 17. Juni und wir wollten eine Dampferfahrt auf dem Rhein machen. Als die Schiffsbetreiber hörten, dass ich an diesem besonderen Tag Geburtstag feiere, luden sie mich kostenfrei ein. Anderenorts bekam ich Glückwünsche von fremden Menschen. Einfach, weil dieser Tag etwas ganz Besonderes war. Er wurde es dann auch wieder für mich. Und als in Magdeburg der Platz zwischen Innenministerium und Glacis zum Platz des 17. Juni ernannt wurde, bekam ich leichtes Herzrasen. Der 17. Juni 1953 brannte sich in meine Erinnerung ein, die ich nie vergessen werde. Auch wenn ich damals nicht auf der Straße stand, um zu demonstrieren, hat er mein weiteres Leben verändert.

In diesem Jahr werde ich 93. Und wieder ist es eine besondere Zeit. Denn durch dieses verflixte Corona-Virus weiß ich nicht, wie ich meinen Geburtstag feiern soll. Ich fühle mich zurückversetzt zum Jahr 53, an dem ich lange vergeblich auf meine Gäste wartete. Ich hoffe, jetzt meine Familie bei mir haben zu können. Das wäre das schönste Geschenk.
(Die Erinnerungen wurden nach Gesprächen aufgeschrieben von Birgit Ahlert)

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