Gleiches im Unterschied

Wir glauben vielleicht, die Corona-Pandemie würde das Leben in einem noch nie dagewesenen Maße bewegen. Das ist eine zu kurze Sicht. Nun steht der
Jahrestag zu 30 Jahren Deutscher Einheit bevor. Daran zeigt sich die viel größere Kraft historischer Ereignisse.

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Von einer neuen Normalität ist unter den Folgen der ausgerufenen Corona-Pandemie die Rede. Man müsse lernen, mit dem Virus SARs-CoV-2 zu leben. Die Menschheit lebt schon immer mit Viren. Und welche davon sind mal gefährlicher für bestimmte Menschen, für andere wiederum nicht. Als 1831 im damaligen Preußen erstmals die Cholera auftrat, galt sie als erste Pandemie der Neuzeit. In sechs Wellen soll sie die Welt umkreist haben und dreizehnmal Preußen heimgesucht haben, besonders heftig 1848/49, 1866 und 1873. Nun wird Cholera durch ein Bakterium ausgelöst und Covid-19 ist ein Virus. Doch trotz der biologischen Unterschiede gibt es Analogien zum Heute. So wurde beispielsweise das Militär eingesetzt, um nach Osten einen Grenzwall von der Ostsee bis zur österreichischen Grenze aufzuziehen. Auf einer Länge von 6.000 Kilometern war nun an wenigen Stellen ein Grenzübertritt möglich, und die Grenzgänger mussten mehrere Tage in Quarantäne, bevor sie weiterreisen durften.

Reisebeschränkungen sind also nichts Neues, die vielen Einschränkungen im Kultur-, Sport- und Freizeitleben schon. Nun gab es im 19. Jahrhundert solche Betätigungsvielfalt gar nicht. Aber was haben die Pandemiemaßnahmen mit dem 30. Jahrestag der Deutschen Einheit zu tun? Die damaligen Cholera-Bedingungen sind weitestgehend aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein verschwunden. Historische Resultate sind dagegen präsent. In der Schule wird der rote Faden internationaler und nationaler Historie vermittelt. Jeder hat irgendwann von Bismarcks Bestreben gehört, den Kleinstaatenzustand deutscher Fürsten- und Herzogtümer zu überwinden. Jeder den 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit im Gedächtnis, weil er als Feiertag jedes Jahr im Kalender steht. Die Schrecken des „Tausendjährigen Reichs“ in zwölf Jahren Nazi-Herrschaft bleiben wegen ihre fürchterlichen Dimension unvergessen. Am geschichtlichen Werdegang können wir vielmehr Aspekte unserer Entwicklung ablesen, als am verengten Blick auf ein aktuelles Geschehen. Wie stark die Auswirkungen durch Covid-19 auf einzelne Menschen auch sein mögen, im Rückblick künftiger Jahrzehnte oder Jahrhunderte werden sie nur als Fußnote auftauchen.

Je mehr sich Politik, Medien und Öffentlichkeit mit Corona beschäftigten, umso mehr scheint der Einheitsjahrestag in den Hintergrund zu rücken. Auch wenn nach 1990 Geborene mit einem geteilten Deutschland kein Erleben verbinden können, beeinflusst der damals begonnene Einheitsprozess nach wie vor die gesamte deutsche Gesellschaft. Bei den Einkommen existiert weiterhin ein Gefälle zwischen Ost und West. Dabei ist schwer vermittelbar, wie nach 30 Jahren gesamtwirtschaftlicher Entwicklung Ostdeutsche in vielen Bereichen Abschläge hinnehmen müssen. Für die geringere Produktivität einer 40-jährigen Planwirtschaft können Menschen heute eigentlich nicht mehr verantwortlich gemacht werden. Dass in den fünf ostdeutschen Ländern gegenüber westdeutschen Standorten weniger Produktion und Großbetriebe existieren, kann ebenfalls den Menschen hierzulande nicht als Defizit angelastet werden. Aber die Kennzahlen zur Wirtschaftskraft oder zum Steueraufkommen schreiben die Unterschiede weiter, obwohl wir uns als Gleiches begreifen wollen und dies stets politisch verkündet wird.

Die Folgen der Pandemieeinschränkungen werden deshalb Regionen und Menschen Ostdeutschland stärker als westdeutsche Gebiete treffen. Bei Eigentums- und Vermögensbildungen hinkt der Osten dem Westen hinterher. Existenzielle Einschnitte werden zwischen Ostsee und Erzgebirge bei vielen schwerer verkraftet als in südwestlichen Regionen Deutschlands.

Es mag historisch spitzfindig klingen, wenn man den Osten Deutschlands als historisch einflussreicher bezeichnet als den Westen. Doch die nationale Einheit, die Bismarck vorantrieb, ist auf die damalige preußische Dominanz zurückzuführen. Deshalb wird das preußische Junkertum auch als maßgeblicher Kriegstreiber für zwei Weltkriege angesehen. Einheit, Krieg und Einheit – diese Abfolge zwischen Ausklang des 19. und 20. Jahrhunderts findet ihre Wurzeln im Osten und hat den Westen im Lauf seiner Geschichte mehr beeinträchtigt als es die Regionen aus eigener Kraft wahrscheinlich hätten leisten wollen. Im Übrigen wird die Entscheidung vom 20. Juni 1991, dass Berlin wieder die deutsche Hauptstadt sein sollte, noch heute von manchem Bayern kritisch gesehen. Berlin wird nämlich gern ein gewisser preußischer Stallgeruch unterstellt. Ganz von der Hand zu weisen sind solche Argumente nicht, obschon man für einen möglichen historischen Ostkitt keine Messlatte besitzt.

Wie steht es nach 30 Jahren Einheit um die deutsche Demokratie? Unter dem Einfluss der Corona-Einschränkungen wird vielfach kolportiert, dass Bundes- und Landesregierung teils diktatorisch agierten. Eine Folge von lebensbeschneidenden Vorschriften erscheint wie ein Diktat. Allerdings gibt es heute weniger gesundheitlich von Covid-19 beeinträchtige Menschen als solche, deren Existenz auf dem Spiel steht. Schon deshalb haben genau solche Betroffenen das Recht, die Maßnahmen der Regierung zu kritisieren und dagegen zu demons-trieren – egal welches Stigma den Demonstranten aufgedrückt wird. Wer solchen Menschen das untersagen möchte, muss das eigene demokratische Verständnis auf den Prüfstand stellen.

Werden weiterhin täglich Infektionszahlen verkündet, die nicht aufzeigen, wie viele Infizierte davon Krankheitssymptome haben, wie viele gar nicht erkranken, welche möglicherweise positiv falsch getestet wurden und wie hoch der Anteil derer ist, die einen schweren Krankheitsverlauf durchmachen müssen, haben solche Angaben keinerlei Aussagekraft über tatsächliche Folgen der Corona-Pandemie. Insofern gleicht der Mechanismus in der Betrachtung von SARS-CoV-2 den Wahrnehmungen über die unterschiedliche Entwicklung zwischen Ost und West. Wer ständig die Unterschiede in einer allgemeinen Statistik fassbar machen möchte, trägt gleichzeitig zur Stabilisierung solcher Unterschiede bei. 30 Jahre Deutsche Einheit am 3. Oktober sollten eigentlich ein Grund zum Feiern sein. Feierliche Reden und Erfolgsberichte wird es sicher vielfach geben, aber wegen Corona wird bei vielen keine feierliche Stimmung aufkommen und die Einheit eher unterschiedlich denn gleich erlebt werden.