Glückshormone und Diskurs

Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln. Wer in diesen Zeiten planen will, hat schlechte Karten. Erst recht, wenn es um Kultur geht. Eine Veranstaltung lässt sich eben nicht von jetzt auf sofort durchführen. Und so haben seit rund zwei Monaten Kreative der Stadt Magdeburg eine (ganz neue Worterfindung!) Modellwoche der Kultur vorbereitet. Es gibt Hygienekonzepte, Testvorgaben, Maskenpflicht. Künstler proben, Technik ist zum Teil schon aufgebaut – da kommt das Veranstaltungsverbot. Erneut wird die Kultur auf Null gefahren. Vielleicht war es absehbar, mit Blick auf steigende Infektionszahlen, doch die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Zumal der Blick in andere Städte Lichtblicke bot: In Berlin beispielsweise öffnete am 9. April eine Ausstellung, die mehr als diese Bezeichnung bietet: „Van Gogh ­– The Immersive Experience“. Neben dem puren Betrachten von Bildern des berühmten niederländischen Malers können die Besucher in seine Werke, vor allem Landschaften, eintauchen. In einem hohen Saal ergreifen Lichtinstallationen und Projektionen die Wände, Decken und Böden, lassen die Bilder überdimensional groß erscheinen und miteinander verschmelzen. Sphärische Klänge verstärken das Gefühl, Bestandteil dieser Kunst zu werden. In einem anderen Raum ist das sogar fast körperlich möglich: Die „Virtual Reality Experience“ macht es möglich, nach dem Aufsetzen einer VR-Brille durch die lebendig gewordenen Werke van Goghs zu wandeln. Erlebniswelt Kunst! Sie bietet nicht nur eine Auszeit von allem, was der Lockdown hierzulande beschert. Sie erzeugt Euphorie, setzt eine unglaubliche Menge an Glückshormonen frei und macht fast körperlich-schmerzhaft spürbar, wie sehr Kunst fehlt! Leider wurde auch diese Ausstellung durch die neuen Gesetzesvorgaben zum Pausieren gezwungen, obgleich kein Krankheitsfall bekannt wurde. Groß waren die Vorsichtsmaßnahmen, mit Hygienekonzept, Vorab-Test, Maskenpflicht … Rein theoretisch wird Van Gogh bis August besuchbar sein.

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Generell ist bisher nicht bekannt, dass Kultureinrichtungen Viren-Hotspots sind und sich von dort aus die Pandemie ausbreitet. Im Gegenteil: An einem „Test-Konzert“ in Barcelona nahmen 5.000 (!) Besucher teil, unter allen Regeln der Vorsicht, betreut von Wissenschaftlern. Trotz des positiven (virusmäßig negativen) Ergebnisses eine Ausnahme. Dabei sind an Kulturorten (auch Restaurants, kleinen Geschäften usw.) wesentlich stärkere hygienische Barrieren aufgebaut als in jedem Super- oder Baumarkt! Und dennoch dürfen letztere öffnen, aber Kultur wird weiterhin untersagt. Ein Skandal, angesichts des „Arbeitsverbots“ aller, die in der Kunst- und Kreativbranche tätig sind – und damit fehlender Einnahmen, die ans Existenzminimum führen. Ganz zu schweigen vom Kultursterben, das unserem Land droht.

Sollten alle leben wie Künstler?
Bisher machen nur wenige Künstler auf ihre Situation aufmerksam. Der Großteil leidet im Stillen. Richtet sich der öffentliche Blick auf sie, heißt es meist: irgendetwas wird sich ergeben. Es könnte sonst als Schwäche gelten? „Ich habe noch nie gebettelt“, sagte neulich jemand aus der Magdeburger Künstlerszene, der vor dem finanziellen Ruin steht. Und wehrt sich dennoch, öffentlich auf die Situation aufmerksam zu machen. Kein Einzelbeispiel.

Nun haben es bekannte Mimen wie Jan-Josef Liefers und Ulrich Tukur getan. Auf künstlerische Weise. Medienwirksam. Der Shitstorm ließ nicht lange auf sich warten, mit tiefsten Beleidigungen. Mit Belehrungen, was Kunst dürfe und was nicht. Was vergessen wurde: Kunst ist auch zum Provozieren da! Zum Aufrütteln, den Finger in die Wunde legen. Das haben diese 50 Künstler/-innen getan. Bis dahin, die Situation der Künstler auf andere Bereiche zu übertragen: alles dichtmachen! Doch Toleranz (der Leserschaft wie Medien) reicht offenbar nur bis zur Schwelle der eigenen Tür – und der persönlichen Freiheit. Ja, so mancher zeigt sich solidarisch und bedauert die „armen Künstler“. Dann dreht sich Otto Normalbürger um, geht einkaufen und jammert bei Chips und Bier über Langeweile. Das Geld kommt trotz #wirbleibenzuhause regelmäßig aufs Konto und das Schlimmste ist, nicht mit anderen feiern zu können. Achtung, Satire!

Dass gerade die „nichtleidenden“ Künstler aufmerksam machen, ehrt sie. Sie zeigen Gesicht stellvertretend für jene, die sich nicht trauen. Dabei werden weder die Leistungen anderer geschmälert, schon gar nicht im Gesundheitswesen, noch geht es um Respektlosigkeit gegenüber Verstorbenen. Und zweifelsohne muss es Maßnahmen zur Vermeidung des Virusausbreitens geben. Doch die nicht nachvollziehbare Flickschusterei darf, ja muss ebenso thematisiert werden dürfen! Und wenn Liefers, Tukur & Co. eines geschafft haben, dann, dass jetzt so intensiv darüber diskutiert wird wie im gesamten letzten Jahr nicht. Dafür gilt ihnen Respekt! Birgit Ahlert