Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Goethes Konzept des Lauchstädter Theaters

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Das bis 2021 erneuerte Goethe-Theater in Bad Lauchstädt wurde am 27. August wiedereröffnet. Die umfangreiche Sanierung, Restaurierung sowie Rekonstruktion der Innenräume des Goethe-Theaters konnten wesentliche Fragen zur Entstehung und ursprünglichen Gestaltungskonzeption des Theaters beantworten. Erste wertvolle Hinweise zur Gestaltung der Erbauungszeit 1802 brachte eine wiederentdeckte Zeichnung des preußischen Bauinspektors Briesen aus dem Jahre 1816, die im Staatsarchiv Sachsen-Anhalt, Außenstelle Merseburg, bewahrt wird. Die Zeichnung wurde 1816, unmittelbar vor dem Verkauf des Theaters an den König von Preußen und noch zu Lebzeiten Goethes angefertigt. Man kann davon ausgehen, dass sie als früheste überlieferte Innenraumansicht des Theaters ein authentisches Bild des originalen Zustandes vermittelt. Gemeinsam mit dem Architekten Heinrich Gentz hat der Universalgelehrte Goethe mit der Planung und späteren Ausführung des Theaters einen Beleg für den von ihm vertretenen Grundsatz des „Verständnisses von der Einheit der Natur“ geliefert.

Der Grundriss des Lauchstädter Theaters ist auf die Verwendung der geometrischen Grundkörper von Kreis und Quadrat reduziert. Goethes Verständnis als Kenner der klassischen Architektursprache beweist sich in der geometrischen Ordnung aller Bauformen des Gebäudes. Deutlich ablesbar sind aber auch Eindrücke seiner dreijährigen Italienreise und seine Kenntnis der wichtigen Stätten des klassischen Altertums. Nach seiner Berufung zum Intendanten des Hoftheaters im Mai 1791 übernahm Goethe von seinem Vorgänger Joseph Bellomo dessen Sommerspielstätte im kursächsischen Modebad Lauchstädt. Es stellte sich bald heraus, dass das von Bellomo sechs Jahre zuvor mehr zweckdienlich als schön errichtete Kurtheater den künstlerischen Ansprüchen des Hoftheaters und des stark anwachsenden illus-tren Publikums nicht gewachsen war. Die Pläne für einen Neubau scheiterten zunächst an bürokratischen Hürden. Erst 1799 war das Kurfürstentum Sachsen bereit, dem Herzogtum Sachsen-Weimar ein Grundstück für ein neues Kurtheater zu überlassen. Schon während der Grundstücksverhandlungen plan-te Goethe ein neues „schicklicheres“ Schauspielhaus und fand in der sanften Hügellandschaft des Kurbades die passende Umgebung für ein Theatergebäude, welches das Zitat seines „arkadischen Ideals“ in Form eines scheinbaren Tempelrundbaus verkörperte. Die Architektur des Zuschauerraumes erinnert an die klassische Tempelkonstruktion, wie Sie Goethe einige Jahre zuvor bei seinem Besuch in Tivoli erlebt hatte. Der Tempel in Tivoli ist ein klassischer Rundbau, dessen Grundriss für einen Theatersaal mit 600 Sitzplätzen nicht geeignet ist. Goethe und sein Architekt lösen dieses Problem trickreich. Der Theatersaal in Lauchstädt halbiert in seiner Konstruktion die antike Tempelrotunde. Auf der Südseite befinden sich, im Halbrund angeordnet und von einer Halbkuppel überwölbt, die neun Logen des Theaters mit Goethes persönlich genutzter Loge im Scheitelpunkt. Dem Balkon mit den Logen gegenüber befindet sich die Bühne, deren bemalte Portalöffnung (Lünette) die Illusion einer zweiten Hälfte des Tempelrundbaus vermittelt. Der zwischen die beiden Tempelhälften aus praktischen Erfordernissen eingefügte Zuschauerbereich, im Grundriss ein Quadrat (!), dient der Unterbringung des zahlreich vorgesehenen Publikums.

Eine weitere architektonische Attraktion des Goethe-Theaters ist ein Patent der klassizistischen Ära. Die Berliner Architekten David (1748-1808) und Friedrich Gilly (1772-1800) erfanden um 1800 das Bohlenbinderdach. Heinrich Gentz, Goethes Architekt sowie Schwager und Freund von Friedrich Gilly, setzte dieses Konstruktionsprinzip in Lauchstädt erstmals in einem Theaterbau ein. Damit wurde eine revolutionär-praktische, materialsparende Konstruktionsweise begründet. Die Bohlenbinderkonstruktion ermöglichte die Überwölbung des Zuschauerraumes mit einem klassischen Velarium, welches in den antiken Theatern stets als Schutz gegen die Sonne eingebaut war.

Goethe beschäftigte sich lebenslang mit Studien der Natur und naturgesetzlichen Zusammenhängen. Sein Beobachtungsprinzip zur Farbenlehre spiegelt sich in der Innenarchitektur des Lauchstädter Theaterbaus wider und ist durch zahlreiche Befunde belegt: Das Blau des Himmels und erdiges Ocker stehen für naturgesetzliche Farbigkeit, Rosa als vergänglicher Farbklang des Morgen- und Abendhimmels. Entsprechend der farbräumlichen Ordnung Goethes sind die Eingangsräume des Theaters in erdig-ocker Farben gehalten. Die 2020 ermittelten Befunde der ursprünglichen Farbigkeit des Theaters und die Kenntnis über die kurze Bauzeit im Frühjahr 1802 waren die Grundlagen für die Entscheidung, die schlichte Farbfassung der Räume im Goetheschen Sinne wiederherzustellen. Sie deckt sich mit der von Gentz entworfenen schlichten und funktionalen Architektur sowie Goethes Intention des Tempelzitats von Tivoli. In seiner neuen Raumfassung zeigt sich das Goethe-Theater als ein innovativer, hoch moderner Bau seiner Zeit, dessen Bedeutung für die Geschichte der Theaterarchitektur gleichrangig neben seiner kulturgeschichtlichen Bedeutung als authentischer Arbeitsort Goethes und Schillers steht. | Von Dietrich Richter

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