Freitag, September 30, 2022
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Gott, Glaube, Gender

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Im Ansinnen, allem Guten zum Durchbruch zu verhelfen, greift die Menschheit stets zu denselben Werkzeugen. Dabei steht die Methodik schon lange in der Kritik, insbesondere bei jenen, die als Vordenker heutiger Gerechtigkeitsansprüche gelten.

Von Thomas Wischnewski

Das Evangelium Johannes enthält gleich zu Beginn den Satz: „Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott“. Die Christliche Religion bezeichnet sich selbst als Wort-Religion. Was geschrieben steht oder gesprochen war, dem wurde Priorität eingeräumt. Oder anders ausgedrückt: Allem voran steht die Idee bzw. der Geist Gottes. In Deutschland wenden sich nun zahlreiche Gläubige von den Kirchen ab. Das heißt nicht, dass diese zum atheistischen Glauben konvertieren, sondern nur, dass sie einer Institution den Rü-cken kehren. Während weltweit angeblich die Zahl der Gläubigen zunehme, sei Deutschland das einzige Land, in dem Glaubensanhänger weniger werden. Warum steht nun hier das Glaubensgebot für Gottes Wort? Der Alltag wird heute von Sprachsensibilität geprägt. Es gilt der Anspruch, niemanden verletzen oder ausklammern zu wollen. Das gilt insbesondere für die Vielschichtigkeit sozialer Geschlechteridentitäten. Identitätspolitik heißt das Schlagwort der Gegenwart. Der Sprachgebrauch wird danach durchforstet, wo möglicherweise Geschlechtervorstellung keine Berücksichtigung finden.

Alles, was dem Anspruch für mehr Gerechtigkeit folgt, hört sich natürlich zunächst grundsätzlich gut an. Ob der postulierte Anspruch am Ende erfüllt, was versprochen wurde, steht in der Regel auf einem anderen Blatt. An dieser Stelle sei gesagt, dass sich dieser Beitrag keinesfalls gegen Menschen mit diversen sozialen Identitäten richtet, sondern ausschließlich einen Denkanstoß dafür geben möchte, dass die Mechanismen, unter denen sich gesellschaftliche Entwicklung – allen voran aus politischer Überzeugung – vollzieht, mindestens so alt sein müssen, wie die Menschheitsgeschichte, mit der man Sesshaftwerdung, urstaatliche Organisation und die Herausbildung von Hierarchien verbindet.

Was hat einem Glauben, einer Religion, einer Kirche, ja letztlich einem Staatsgebilde zum Durchbruch verholfen? Zu jeder Zeit kann man erkennen, dass Begriffe für Oberhäupter und Namen für Institutionen entstanden sind. Genauso wie im christlichen Glauben – genauso im muslimischen – wurden flächendeckend Kathedralen gebaut. Noch heute finden sich in jedem Dorf eine Kirche oder zumindest die Spuren ihrer einstigen Existenz. Natürlich mussten Menschen zunächst bereit sein, so einen Bau zu meistern. Während man in größeren Städten Bauleute rekrutieren konnte, war das im ländlichen Raum in dieser Weise kaum möglich. Entsprechend kleiner fielen die Bauwerke aus. Mit diesem Prozess über viele Jahrhunderte ging die Errichtung von Klosteranlagen einher. Hier waren die geistigen Brutstätten für die Glaubensauslegung oder dessen Streit darüber. Bald hielt die Theologie als Spezialwissenschaft Einzug in die akademischen Sphären und setzte sich vom Urkeim der Philosophie ab. Und stets, wenn Tendenzen aufkamen, die Glaubensgrundsätze in Zweifel zogen, wurde Gewalt zur Durchsetzung der proklamierten Glaubensgrundsätze angewendet. Das Mittelalter mit seinen Hexenverbrennungen und vielen anderen Strafen, die sich kirchliche Herrscher ersannen, sind fürchterlicher Beleg dafür. Heute meinen wir, diese dunklen Kapitel der Geschichte hinter uns gelassen zu haben. Blickt man allerdings auf den Krieg in der Ukraine, weiß man, dass dessen Rechtfertigung von russischer Seite als auch die Verteidigung der Ukraine auf Argumentationen beruhen. Der unterschiedliche Standpunkt entscheidet über die jeweilige Wahrheitssubstanz.
Warum bringt der Autor solche his-torischen Beispiele mit Identitätspolitik und sozialen Geschlechtervorstellungen zusammen und ist das überhaupt zulässig?

Eine Begebenheit: In einem Magdeburger Kabarett steht ein Protagonist auf der Bühne und kritisiert auf satirische Weise sprachverwirrende Beispiele, die versuchen sollen, alle möglichen Geschlechtervorstellungen in den Alltagssprachgebrauch einzubetten. Dieselbe Einrichtung versendet eine gegenderte Pressemitteilung. Auf die Frage nach der Diskrepanz zwischen Bühnenpolemik und Außenwirkung lautete die Antwort: Dies machten doch alle so und man wisse nicht mehr, woran man sich halten solle. Ein anderes Beispiel: Der Mitteldeutsche Verlag in Halle (Saale) tituliert Autoren mit dem Hinweis „Herausgeber*innen“, obwohl alle eine eindeutige Geschlechtsidentität besitzen. Die Begründung am Telefon lautete erneut: Das machen doch alle so. Verhalten passt sich ergo an das Verhalten anderer an. Das gehört zu unserer sozialen Natur.

Das Thema Gendern in der Sprache wird oft diskutiert. Der größte Teil der deutschen Bevölkerung lehne das zwar ab, dennoch hält der Siegeszug von Sternchen, Binnen-I oder Unterstrich in der Schreibsprache an. Als häufigste Begründung, warum das Gendern an Popularität gewinnt, wird angeführt: Es gebe Studien, die bewiesen, dass im generischen Maskulinum Frauen nicht ausreichend sichtbar würden. Fragt man nach diesen Studien, kann niemand eine benennen. Es wird also weitererzählt, was von irgendwoher vorerzählt wurde. Der Ausgangspunkt ist gar nicht mehr auszumachen. Hier seien jedoch zwei Studienbeispiele genannt: Sandra L. Bem, Daryl J. Bem: Does Sex-biased Job Advertising „Aid and Abet“ Sex Discrimination? In: Journal of Applied Social Psychology. Band 3, Nr. 1, 1973, S. 6–11, doi:10.1111/j.1559-1816.1973.tb01290.x (englisch) und Anne Stericker: Does this „he or she“ business really make a difference? The effect of masculine pronouns as generics on job attitudes. In: Sex Roles. Band 7, Nr. 6, 1981, S. 637–641, doi:10.1007/BF00291751 (englisch). Die eine von 1973 und die andere von 1981. Das Thema ist also schon ein gutes halbes Jahrhundert alt. Dass sich die einstige auf akademischem Gebiet vollzogene Untersuchung in der Gesellschaft ausgebreitet hat, liegt an den Durchsetzungsmechanismen. Wir finden heute Institutionen wie Gleichstellungsbüros und -beauftragte. Parteienvertreter, die ihre Programmatik in die Öffentlichkeit tragen können und Medien, die solche Inhalte verbreiten. Es existieren also Institutionen. Dazu kommen Wissenschaftszweige, die den soziologischen und philosophischen Forschungsursprung immer weiter ausdifferenzieren und damit jede Menge Argumentationsmunition produzieren.

Man muss einen Blick auf die philosophischen und soziologischen Vordenker werfen, um zu verstehen, wo die heutige Ausprägung von Sprachvorstellungen ihren Ausgangspunkt hatten. Vor allem die französichen Denker hatten großen Einfluss auf die Entwicklung. Der Psychiater und Psychoanalytiker Jacques Lacan (1901 – 1981) begriff die Psychoanalyse als eine Praxis der Sprache und des Sprechens. Dabei stützte er sich insbesondere auf den Strukturalismus, die Linguistik und später auch auf die Topologie. Jacques Derrida (1930 – 2004 in Paris) gilt als Begründer und Hauptvertreter der Dekonstruktion. Sein Werk beeinflusste maßgeblich die Philosophie und Literaturwissenschaft in Europa und den USA in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zu seinen Hauptwerken zählen Die Stimme und das Phänomen 1967, Grammatologie 1967, Die Schrift und die Differenz 1967 und Randgänge der Philosophie 1972. Alles wurde auf sprachliche Konstruktion zurückgeführt, allen voran Machtverhältnisse und letztlich eben auch soziale Geschlechtervorstellungen. Der Mensch, seine Phylogenese und seine komplexe Einbettung in die Welt ist jedoch nicht ausschließlich auf Sprache reduzierbar.

Großen Einfluss auf den Lauf der Dinge hatte der französische Philosoph Michel Foucault (1926 – 1984). Er ist bedeutender Vertreter des Poststrukturalismus. Unter dieser philosophischen Richtung wird die Vorstellung vertreten, dass alles, was Sprache konstruiert, kann auch dekonstruiert werden. Als Begründer der macht- und wissenstheoretischen Diskursanalyse hat Foucaults Werk auch heute noch einen großen Einfluss auf zahlreiche geistes-, kultur- und sozialwissenschaftliche Disziplinen weltweit. Beschäftigt man sich näher mit seinen Schriften und der Kritik an gesellschaftlicher Konstruktion, müsste man allerdings zu dem Schluss kommen, dass sich die heute fortschreitende Ausbreitung von Normierung, Definierung, Systematisierung und Kategorisierung unter Wissenschaftlern, die sich auf den Philosophen berufen, das Gegenteil erzeugen, was Foucault wollte. Dass Menschen eingeordnet wurden, Normales von Abnormalem getrennt wurde, darin sah der Philosoph ein Grundübel der Moderne. Als Ausgangspunkt wurde die Aufklärung gesehen, unter dessen Anspruch die Überwindung von Glauben und Aberglauben stand und mit ihr der Durchbruch der Wissenschaftlichkeit gelang. Gleichzeitig breiteten sich „Irrenanstalten“ und Gefängnisse aus, weil Menschen unter Verhaltensnormen gefasst wurden. Im Jahre 1944 erschien eines der Hauptwerke der sogenannten Frankfurter Schule, das Buch der deutschen Philosophen Theodor W. Adorno und Max Hockheimer „Dialektik der Aufklärung“. Ihre darin enthaltene Schlussfolgerung lautet: Ausgehend vom „Herrschaftscharakter“ der Vernunft phrophezeiten Horkheimer und Adorno den Aufschwung von Mythologie und die „Rückkehr der aufgeklärten Zivilisation zur Barbarei in der Wirklichkeit“.

Beschäftigt man sich mit den Denkfundamenten, die vielfach den Weg für heutige Identitätspolitik bereiteten, kann man kaum ausschließen, dass die Verfechter der Identitätsvorstellung genau das vorantreiben, wogegen sich die deutschen als auch die französichen Geisteswissenschaftler in ihren Schriften gewendet hatten. Kann sich eine Wissenschaft selbst infrage stellen? Solange es Verbreitungsmechanismen im Anpassungsverhalten, immer neue wissenschaftliche Studienpostulate gibt und von der Politik Teilprobleme zu Grundproblemen erhoben werden, werden sich die Argumente für Genderpolitik und deren soziologischen Untersuchungen am Leben halten. Es soll hier gar keine Grundsatzkritik an der Existenz soziologischer und sprachwissenschaftler Forschung gemacht werden. Nur die Quantität, mit der sich die Thesen und Untersuchungen im öffentlichen Raum verbreiten, sagt eben noch nichts über tatsächliche Qualitäten der Aussagen aus. Der amerikanische Soziologe Andrew Abbot wies inzwischen auf dramatische Veränderungen im Leseverhalten der Geisteswissenschaften hin. Laut seinem Befund kommen einzelne Forscher gar nicht mehr dazu, die Texte ihrer Kollegen zu lesen, geschweige denn zu studieren. Sein Fazit: Die Wissenschaft verliere an sozialem Zusammenhalt. In den sogenannten „Buchwissenschaften“ publiziere man sich zu Tode, könne aber gar keinen Überblick über die Publikationen bekommen.

Dieser Trend ist in allen Wissenschaften zu beobachten. Zur Zeit Goethes schätzt man die Zahl weltweit tätiger Wissenschaftler auf rund eine Million.
Aktuell sollen etwa 120 Millionen Wissenschaftler auf dem Planeten arbeiten. Jeder muss sich in seinen Untersuchungen von anderen unterscheiden. Auf diese Weise entsteht nicht nur ein Publikationswerk, das für niemanden mehr überschaubar ist und eine angemessene Kritik an Einzelwerken ist gar nicht mehr möglich. Übrigens bestätigen das ebenso Naturwissenschaftler, dass die Publikationsdichte nicht mehr beherrschbar ist. Unter einem vielfachen Wissenschaftsdiktat, dass alles, was dort herkäme, die Welt zum Besseren wende, muss bezweifelt werden.

Wie sich in unserem Hirn überhaupt ein Bewusstsein mit Sprache bzw. begriffliche Kategorisierungsmöglichkeiten entwickeln konnten, ist nach wie vor nicht geklärt. Erklärt wird uns jedoch, dass, ableitend von Wortäußerungen, Rückschlüsse auf die Biologie möglich wären. Was wir einsehen müssen, ist, dass unser Hirn ein gewaltiger Simulationsapparat ist. Die Fantasie entspringt ihm genauso wie Geschlechter-identitäten. Selbst Menschen, die sich von Kindern angezogen fühlen, können ihr Gehirn, dass sie immer wieder antreibt, nicht einfach abschalten. Und noch eine Vorstellung, die unter der Verkündung, alles sei Konstruktion, die auf sprachliche Ausprägung baut und könne deshalb einfach dekonstruiert werden, halte ich für gefährlich. Im logischen Schluss hieße das, wenn Heterosexualität ausschließlich ein Kulturprodukt wäre und durch Sprache auflösbar ist, dann ist dies eben auch jede andere soziale Geschlechtsidentität. Der kürzlich an der Humbold Universität abgesagte Vortrag einer Biologin, die unterstreichen wollte, dass es zur Fortpflanzung nach wie vor zwei biologischer Geschlechter bedürfe, wurde von Vertretern der Geis-teswissenschaft und Studenten bedroht. Anstatt endlich wichtige naturwissenschaftliche Forschungen mit sozialwissenschaftlichen zu vereinen, bleiben Gräben zwischen Fakultäten bestehen, aber im Kern schafft das keinen Fortschritt, sondern nur Kontinuität in der Verkündigung bisheriger Erzählungen. Galt dereinst eine „biologistische“ Sicht als Diffamierung, müssen wir heute aufpassen, das sich keine einzig „soziologistische“ Betrachtung durchsetzt. Auch deshalb ist die aktuelle politische Entwicklung mit dem Mechanismus der Ausbreitung von Glauben und Religion vergleichbar, und ebenso erklären sich daraus Gegenbewegungen bzw. sogar tatsächlich krude Theorien.

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