Montag, September 26, 2022
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Groß oder klein?

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Auch wer meint, alles auf Deutsch fehlerfrei schreiben zu können, wird doch einmal damit konfrontiert, zwischen der Groß- und Kleinschreibung des ersten Buchstabens eines Wortes wählen zu müssen.

Sehen wir uns zu Beginn Beispiele an, die Sie als lustige Sprüche im Internet finden können:

Die Spinnen.
Die spinnen.
Er hat liebe Genossen
Er hat Liebe genossen.
Wäre er doch nur Dichter.
Wäre er doch nur dichter.
Die nackte Sucht.
Die Nackte sucht. (Achtung, Aussprache anders als bei ‚Sucht‘!)
Der gefangene Floh.
Der Gefangene floh.
Helft den armen Vögeln.
Helft den Armen … (Hier ist die Phantasie der Lesenden gefragt).

Auch am folgenden Beispiel können Sie sehen, dass Groß- und Kleinschreibung wichtig sein kann. Wir zitieren aus einem Brief eines verärgerten Schwiegersohns an die Schwiegermutter:
Deine Tochter sieht Dir ungeheuer ähnlich!
Deine Tochter sieht Dir Ungeheuer ähnlich!

Sie werden zugeben, liebe Leserinnen und Leser, dass die hier oben aufgeführten Sätze oder Halbsätze einer gewissen Logik nicht entbehren. Es gehört zu den Eigenarten der deutschen Sprache, dass Substantive (Dingwörter, Hauptwörter) mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben werden, während Verben und andere Wortarten jedoch klein geschrieben werden. Der Ursprung dafür ist im Mittelalter gelegt worden. Beim Kopieren und Vervielfältigen von religiösen Schriften, insbesondere der Bibel, wurde das Wort ‚Gott‘ mit großem Anfangsbuchstaben oder ganz und gar mit Großbuchstaben geschrieben. Diese Schreibweise wurde durch Sprachgelehrte auf weitere ‚Hauptwörter‘ übertragen, schließlich dann auf alle Substantive.

Nun erhebt sich natürlich die Frage, was sind Substantive? Dingwörter bezeichnen Dinge, und Dinge kann man sehen, hören, riechen, schmecken, also mit den Sinnen begreifen. Aber wie sieht es mit den sogenannten Abstrakta aus? ‚Politik‘, ‚Wissenschaft‘, ‚Wirtschaft‘, ‚Vorlesung‘, ‚Philosophie‘ usw., das alles sind abstrakte Substantive, die aber in der Regel überhaupt keine Schwierigkeiten in der Rechtschreibung bereiten. Schwieriger ist es bei solchen Wörtern, die ursprünglich eine andere Wortart dargestellt haben und für einen konkreten Fall substantiviert wurden. ‚Heute mache ich nichts.‘ – ein ganz normaler Satz. Aber: ‚Aus dem Nichts hat er etwas geschaffen.‘ ‚Freunde, denkt daran, dass ihr durch euer Tun das Morgen gestaltet!‘ ‚das Tun‘ – ein substantiviertes Verb, ‚das Morgen‘ – Großschreibung (gemeint ist der morgige Tag, die Zukunft; ‚der Morgen‘ ist die Angabe einer Tageszeit; ‚morgen‘ ist Adverb der Zeitangabe).

Wir müssten also erkennen, dass ein Wort einer ursprünglich anderen Wortart zu einem Substantiv umgebildet wurde und deswegen mit großem Anfangsbuchstaben geschrieben wird. Im Prinzip kann jedes Wort zu einem Substantiv werden: ‚Ich will kein Aber mehr hören!‘; ‚Er hat das Zeitliche gesegnet.‘ (= ist gestorben); ‚Kriechen und Speichellecken, so sah sein Beamtendasein aus.‘ ‚Der Chef bot ihm das Du an.‘ Dabei sind wir uns nicht immer bewusst, welche Wortart die ursprüngliche war. Oder wussten Sie auf Anhieb, dass ‚aber‘ von der Wortart her eine Konjunktion ist? ‚Konjunktion‘ heißt ‚etwas miteinander verbinden‘: ‚Der Mathelehrer ist streng, aber gerecht.‘ Und den erwähnten Beamten charakterisieren wir so, um das Großschreiben der substantivierten Verben zu unterstreichen: ‚Sein Beamtendasein war Kriechen und Speichellecken.‘

Mit der Reform der Rechtschreibung vor rund 20 Jahren wurde nun geregelt, dass substantivierte Adjektive groß geschrieben werden: der Letzte, die Nächste, alles Übrige, im Großen und Ganzen, im Allgemeinen, das Beste, den Kürzeren ziehen (= Nachteile haben), Jung und Alt, Groß und Klein, Arm und Reich. Bitte beachten Sie: substantivierte Adjektive! Denn sonst gilt die Regel, dass Adjektive klein geschrieben werden: der letzte Kunde, die nächste Patientin, die übrigen Käufer, die große Halle, dieses allgemeine Politikergeschwafel, das beste Restaurant, die kürzere Stange, die armen Mäuse. 

Klar ist nun gemäß den Rechtschreiberegeln auch, dass die Tageszeiten selbst groß geschrieben werden: heute Mittag, gestern Abend, am Sonntagabend.

Bei ‚aufs beste‘ und ‚aufs herzlichste‘ sind sowohl Klein- als auch Großschreibung zulässig: ‚aufs Beste‘ und ‚aufs Herzlichste‘.

Aber nicht immer kann man mit den neuen Regeln einverstanden sein. Stellen Sie sich vor, dass Sie auf einer Landstraße Zeuge eines Verkehrsunfalls sind. Sie stellen Ihr Fahrzeug am Straßenrand ab und schauen nach möglichen Verunfallten. Einem Verletzten legen Sie ein Kissen unter den Kopf. Frage: Haben Sie damit Erste Hilfe geleistet? Auf jeden Fall haben Sie gemäß Menschenverstand erste Hilfe geleistet. Hatten Sie nicht vor vielen Jahren, als Sie Anwärter auf Erwerb eines Führerscheins waren, an einem Rot-Kreuz-Kurs für Erste Hilfe teilgenommen? Und wenn ich aber nur ein Warnschild aufgestellt habe und die Warnblinkanlage meines Pkw einschalte, habe ich dann nicht auch schon erste Hilfe geleistet? Die Erste Hilfe, mit Seitenlage des Verletzten, Wiederbelebung u. ä., war eben genauer definiert, und das zeigte sich auch schon allein durch die Großschreibung des Wortes ‘Erste’. Jetzt mit der neuen Rechtschreibung heißt es ‘erste Hilfe’, und darunter kann ja jeder alles Mögliche verstehen. Der Erste-Hilfe-Kurs beim Roten Kreuz ist wohl nicht mehr notwendig? Das Schwarze Brett und das Ohmsche Gesetz werden wohl auch noch verschwinden, denn nach dem neuesten Duden (28. Auflage) soll es ‚das schwarze Brett‘ und ‚das ohmsche Gesetz‘ heißen. In Ihrer modernen Schrankwand könnten Sie ein schwarzes Brett haben, aber das ist nicht zum Anpinnen von Nachrichten auf weißen Papierblättern bestimmt.

Zum Schluss vergleichen Sie bitte zwei Sätze: ‚Nach unserem Kneipenbesuch gab es in der Stadt plötzlich einen Stromausfall, so dass wir im Dunkeln nach Hause tappen mussten.‘ – ‚Bei der Suche nach dem Täter tappt die Kripo noch immer im dunkeln.‘ Der Satz bezüglich der Polizei stand in dieser Weise vor 30 Jahren in der Zeitung. Heute jedoch darf auch sie ‚im Dunkeln‘ tappen. Der bisherige feine Unterschied in der Schreibweise groß oder klein ist weggefallen.

Sind Sie nun verwirrt, liebe Leserinnen und Leser, oder haben Sie neue Erkenntnisse gewonnen? Oder schütteln Sie einfach nur den Kopf? Regeln in der deutschen Sprache – wenn es diese geben sollte, dann bilden sie ein unerschöpfliches Kapitel!

Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

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