Grüner Stadtmarsch: Argumente zählen bei Gegnern wenig

Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage. Am 23. Januar soll der Magdeburger Stadtrat über einen Antrag der Gartenpartei entscheiden, die Satzung für die Bebauung am Kleinen Stadtmarsch aufzuheben. Folgen die Abgeordneten dem Antrag ist das Gemeinschaftsprojekt von kommunaler Wohnungsbaugesellschaft Wobau und der Genossenschaft MWG auf Jahre hin gescheitert. Problematisch an der Auseinandersetzung ist, mit welcher emotional aufgeladenen Härte die Gegner das Projekt torpedieren.

Ein Streitpunkt dreht sich um die Definition des Areals. Obwohl der eigentliche Stadtpark erst hinter dem MDR-Funkhaus beginnt und von dem Bauvorhaben unberücksichtigt bleibt, pochen die Gegner darauf, dass alles bis zur Strombrücke als Stadtpark zu deklarieren sei. Und die Hochwasserkarte wird ebenso häufig als Trumpf ausgespielt. Das Rekordhochwasser von 2013 erreichte genau das Gebiet an der Schleusenstraße nicht. Wegen des Hochwasserschutzes, der in Folge von 2013 entlang der Elbe realisiert wurde – unter anderem durch die Einrichtung neuer Überflutungsgebiete – werden neue Pegelrekorde eher unwahrscheinlicher.

Wer das Wort Klimaschutz in den Mund nimmt, hat aktuell ohnehin ein Totschlagargument in der Hand. Wobau und MWG haben den Einwand aufgegriffen und wollen Möglichkeiten nachhaltigen Bauens mit höchstmöglicher Klimaneutralität am Kleinen Stadtmarsch umsetzen. Dafür wurde extra  Deutschlands Ökobau-Experte, Prof. Timo Leukefeld, für das Vorhaben gewonnen. Jeder Vorschlag, jedes Entgegenkommen seitens der potenziellen Bauherren werden von der Gegnerschaft, die sich neben der Gartenpartei aus Vertretern der Linkspartei, von Futur und den Grünen sowie Teilen der AfD rekrutiert, abgeschmettert. Die Bürgerinitiative um Renate Fiedler, die mit gut 30 Mitgliedern aber Rückhalt bei einigen Stadträten hat, macht ebenfalls viel Gegenwind.







Die Karte zeigt eine Planungsidee für die mögliche Bebauung am Kleinen Stadtmarsch.
 

Als weiteres Gegenargument müssen angeblich teure Mieten herhalten. Auch hier haben die Projektinitiatoren längst eingelenkt und wollen mit dem Modell für eine Pauschalmiete beispielsweise künftigen Mietern das Risiko steigender Betriebskosten abnehmen. Die MWG will eine Mischkalkulation aufstellen, wonach attraktive, höher gelegene Wohnungen etwas teuer sein könnten und damit die Flächen in den Untergeschossen wirtschaftlich stützen. Die Wobau verspricht sogar einen höheren Anteil an Wohnungen, die der KdU-Richtlinie entsprechen. KdU (Kosten der Unterkunft) sind die staatlich festgelegten Sätze, die bei Hilfen zum Lebensunterhalt bzw. Hartz IV gezahlt werden. Für einen Ein-Personen-Haushalt sind das in Magdeburg 320,50 Euro. Dabei muss die Wohnung kleiner als 50 Quadratmeter sein. Wer zum Beispiel auf 40 Quadratmetern wohnt, erhält quasi eine Warmmiete in Höhe von 8 Euro pro m2 ersetzt. Da sind die Unterschiede für Wohnungen, wie sie aktuell im neuen Domviertel für rund 10 Euro pro m2 angeboten werden, nicht sehr groß. Der soziale Ausgleich, der hier vom Staat gewährt wird, relativiert hier manche Unterschiede.

Es gibt einen Grund, der wesentlich für die Entwicklung des Areals spricht: Der Wandel in den Innenstädten. Viele Stadt­zen­tren in Deutsch­land ver­lie­ren Ge­schäf­te und Pas­san­ten. Die Entwicklung lässt sich kaum stoppen. Die Schwie­rig­kei­ten im Ein­zel­han­del brin­gen gan­ze In­nen­städ­te ins Wan­ken, sagt Ste­fan Genth, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Han­dels­ver­ban­des Deutsch­land (HDE) in ei­nem Brief an Bun­des­in­nen­mi­nis­ter Horst See­ho­fer: „Wo der Han­del stirbt, ster­ben Stadt­zen­tren und Dorf­ge­mein­schaf­ten.“ In den ver­gan­ge­nen fünf Jah­ren ist die Zahl der Ge­schäf­te im deut­schen Ein­zel­han­del nach Be­rech­nun­gen des Köl­ner In­sti­tuts für Han­dels­for­schung (IFH) um 29.000 Stand­or­te zu­rück­ge­gan­gen. Von diesem Trend sind in erster Linie Kleinstädte betroffen, aber auch Mittelzentren wie Magdeburg spüren zunehmend einen Rückgang im Einzelhandel. Dagegen hilft eigentlich nur eine weitere Verdichtung der Innenstadt. Mehr Menschen in einem Wohngebiet erzeugen mehr Lebendigkeit. Außerdem: wenn das Angebot steigt, hält dies die Preise für Wohnraum stabil. Die Angst, die manche haben, dass in Magdeburg Berlin-ähnliche Verhältnisse eintreten können, zeugen von wenig Kenntnis im Immobiliensektor. Aufgrund des aktiven Baugeschehens ist sehr wahrscheinlich, dass die Mieten längerfristig stabil bleiben. Sie könnten sogar bei einem wachsenden Angebot nachgeben.

Der Erhalt von Grünflächen ist enorm wichtig und Stadt und Bürger müssen hier stets viel Sensibilität walten lassen. Grundsätzlich sind ausgedehnte Areale für die Belüftung der Stadt viel wirkungsvoller. Gegner sagen, Wobau und MWG sollten einfach irgendwo anders bauen. Wenn das aber so einfach wäre – vor allem nach einem jahrelangen Prozess des Rückbaus –, hätten das sicher schon Privatinvestoren getan. Wird der Antrag der Gartenpartei am 23. Januar von einer Mehrheit unterstützt, ist dies auch als ein Entwicklungshemmnis zu werten.

Vielleicht gefällt dir auch