Donnerstag, Juni 30, 2022
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Seit 19 Jahren im Ruhestand bewegt Waltraut Zachhuber noch immer die Dinge, von denen sie selbst bewegt wird. Bereits während ihrer aktiven Dienstzeit als Pfarrerin und Superintendentin gehörte dazu auch ihr niemals nachlassendes Engagement für den Neubau der Neuen Synagoge in Magdeburg. Ein Gespräch mit der Vorsitzenden des Fördervereins „Neue Synagoge in Magdeburg e. V.”.

KOMPAKT ZEITUNG: Mehr als zwei Jahrzehnte nach der ersten Idee ist es so weit: Magdeburg bekommt eine „Neue Synagoge“ – nur wenige Meter vom Breiten Weg entfernt. Hätten Sie sich einen prominenteren Platz gewünscht?

Waltraut Zachhuber: Ich finde den Standort optimal: Nicht weit entfernt vom ursprünglichen Standort und eingefügt an einer Stelle, wo die Sy-nagoge sichtbar und gut erreichbar ist. Dabei ist die Nachbarschaft zum Hotel „Ratswaage“ aus meiner Sicht sogar ein Pluspunkt, denn seit Jahren ist die Synagogen-Gemeinde zu Magdeburg K.d.ö.R. anlässlich von religiösen Festen wie Chanukka oder Purim zu Gast in einem der Ratswaage-Säle, so dass es schon jetzt viele Berührungspunkte gibt. Ich gehe davon aus, dass sich da eine gute nachbarschaftliche Verbindung ergeben wird. Nachbar auf der anderen Seite ist übrigens die Magdeburger Wohnungsgenossenschaft „Die Stadtfelder“, mit der die Synagogen-Gemeinde auch sofort den Kontakt suchte, nachdem sich der Standort abzuzeichnen begann. Ein gutes nachbarschaftliches Verhältnis aufzubauen, das gehört seit Jahren mit zum Projekt „Neue Synagoge Magdeburg“.

Vor wenigen Wochen begann mit dem ersten Spatenstich symbolisch der Neubau der Synagoge. Aus jüdischer Sicht ist dies jedoch mehr als eine alltägliche Symbolhandlung. Gilt das auch für die Magdeburgerinnen und Magdeburger, die keinen Bezug zum jüdischen Glauben oder zum neuen Gotteshaus haben?

Das müssten Sie eigentlich die Magdeburgerinnen und Magdeburger fragen. Ich kann nicht für sie alle sprechen. Aber es war auffällig, wie viele Menschen aus unserer Elbestadt bei dem ersten Spatenstich anwesend waren. Das kann man schon als Zeichen einer großen Akzeptanz für den Neubau werten. Weitere Indizien dafür haben wir natürlich auch in den langen Jahren unserer Vereinsarbeit kennenlernen können. Ob bei der „Meile der Demokratie“ oder auf dem Weihnachtsmarkt, bei unserem Informationsaufsteller im Dom oder bei den vielen Benefizkonzerten erlebten wir immer wieder eine große Zustimmung sowohl für das Projekt „Synagogenneubau“ als auch dafür, dass dazu – angesichts unserer Geschichte – auch öffentliche Gelder mit eingesetzt werden müssen. Allerdings gab es auch zahlreiche sehr streitbare Gespräche, und es ist gut, dass unser Verein seinen Beitrag dazu leistete, dass darüber, wie ich denke, ausreichend öffentlich gestritten und diskutiert werden konnte. Es gibt leider weiter auch in Magdeburg antisemitisch eingestellte Menschen, aber ich denke, mehrheitlich wird die neue Synagoge in Magdeburg begrüßt.

Vor 20 Jahren gab es die Idee, eine ehemalige Zigarrenfabrik in der Alten Neustadt zur Synagoge umzufunktionieren. Können Sie sich heute freuen, dass es am Ende nicht zu dieser Notlösung gekommen ist?

Natürlich bin ich froh, dass es einen Synagogenneubau gibt, auch wenn sich der eine oder andere Altbau in Magdeburg gewiss hätte sinnvoll zu einer Synagoge umbauen lassen. Ob allerdings damit die Kosten geringer wären, kann bezweifelt werden. Was den von Ihnen erwähnten Altbau in der Alten Neustadt betrifft, war das allerdings in vieler Hinsicht gar kein geeignetes Objekt, und der Standort wäre schon aus Sicherheitsgründen, wie wir heute wissen, unrealistisch.

Die Errichtung einer Synagoge ist in Deutschland bis heute auch immer ein Achtungszeichen für die Erinnerung an all die Menschen, die im Holocaust ermordet wurden. Wird der Gottesdienst der Lebenden oder das Gedenken an die Toten im zentralen Fokus der Neuen Synagoge stehen?

Die jüdische Religion ist eine in der Geschichte lebende, aus der Tradition kommende und sich auf dem Weg befindliche Religion, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehören zusammen und sind miteinander verbunden. Das Gedenken, das Erinnern, das Bewahren der Geschichte gehört genauso dazu wie das gegenwärtige Gotteslob und die Hoffnung auf Gottes Zukunft für die Welt. Gewiss wird deshalb in der Synagoge sowohl der Toten gedacht als auch mit den Lebenden gebetet und gefeiert werden.

Die 2006 eröffnete neue Hauptsynagoge „Ohel Jakob“ in München ist hochgradig gesichert. Besuche sind nur mit erheblichem Aufwand realisierbar. Hinzu kommt der nur zufällig verhinderte Mordanschlag auf die jüdische Gemeinde in Halle vor knapp drei Jahren. Kann die Neue Synagoge trotzdem zu einem Ort der Verständigung und des gemeinsamen Lebens und Lernens werden?

Der mir persönlich wichtigste Satz bei dem öffentlichen ersten Spatenstich war der Wunsch aus der Rede unseres Oberbürgermeisters Dr. Lutz Trümper, es möge irgendwann nicht mehr nötig sein, eine Synagoge extra zu schützen, und sie könne, ohne dass jemand Schaden befürchten müsse, offen und frei zugänglich sein. – Ganz gewiss wird die Synagogen-Gemeinde so offen wie möglich für alle Begegnungen sein und immer wieder alles, was möglich ist, an Gesprächen und Begegnungen anbieten, aber dabei muss auch immer die Frage der Sicherheit mit bedacht werden. Alles andere wäre Leichtsinn.

Der Bund der Steuerzahler ist eine sinnvolle Einrichtung, hat sich aber im Zusammenhang mit den Mitteln der Stadt Magdeburg und des Landes Sachsen-Anhalt, die für den Bau der Synagoge zur Verfügung gestellt worden sind, erheblich im Ton vergriffen. Auch an ein Einlenken war nicht zu denken. Haben sich die Wogen inzwischen geglättet?
Leider hat der Bund der Steuerzahler ja nie ein direktes Gespräch etwa mit unserem Verein gesucht, sondern seine Position nur über die Medien verbreitet. Gern hätten wir ihm erklärt (auch wenn er das vielleicht schon vorher selbst hätte bedenken können), dass es hier nicht um die staatliche Förderung irgendeines Baues einer Religionsgemeinschaft geht. Bei der Bezuschussung des Synagogenbaus geht es darum, dass 1938 deutsche Steuerzahler böswillig und zerstörerisch eine (wesentlich größere, aus eigenen Mitteln errichtete) Synagoge zu Magdeburg vernichteten (um von allem anderen noch zu schweigen), und dass sich daraus die Verpflichtung für uns als heutige Deutschen ergibt, angesichts des vielen, was nie mehr gut gemacht werden kann, wenigstens hier, wo ein wenig Heilung möglich ist, alles dafür zu tun. Es ist darum selbstverständlich, dass den Rechtsnachfolgern der damaligen Synagogen-Gemeinde heute aus staatlichen Mitteln ein Synagogen-Neubau mitfinanziert wird.

Mit dem Ersten Spatenstich und dem absehbaren Bau der Neuen Synagoge hat der von Ihnen geleitete Förderverein sein wichtigstes Ziel erreicht. Wird der Verein weiter bestehen und weiter daran arbeiten, das Judentum zu einer wahrnehmbaren Größe in unserer Stadt zu machen?

Derzeit hat unser Verein viel damit zu tun, den Neubau mit allem, was um ihn herum von uns getan werden kann, zu begleiten. Das wird die nächsten zwei Jahre zumindest ausfüllen. Danach wird es dran sein, über die Zukunft des Vereins nachzudenken. Dass er auch weiter genug Sinnvolles für das Miteinander von Juden und nicht jüdischen Menschen in unserer Stadt zu tun fände, glaube ich gern. Aber ich denke, das sollten dann die Mitglieder des Vereins ausführlich beraten und auch schauen, wozu ihre Kräfte reichen werden.

Fragen: Michael Ronshausen 
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