Hafterlebnisse eines DDR-Bürgers

Magdeburg bleibt meine Heimat, sagt Jürgen Brand. Immer wieder mal kommt er hierher, besucht seine Schwester. Sie hatten eine schöne Kindheit, über die der heute 68-Jährige ein Buch geschrieben hat. Aufgewachsen in Stadtfeld, besuchte er die Gorki-Schule, musizierte im Spielmannszug. Mutter und Oma kümmerten sich rührend um die Kinder. Die Bilder von damals hat er aufgehoben. Er hat viele schöne Erinnerungen an diese Zeit, sagt er.

Doch das ist nur die eine Seite. Denn was Jürgen Brand später durchgemacht hat, kann sich kaum vorstellen, der es nicht selbst erlebte. 1976 kam er in politische Haft, in seiner Heimatstadt Magdeburg. Dabei wollte er nur reisen, meint er, auch schauen, „ob im Westen der Kapitalismus wirklich so schlimm ist, wie erzählt wurde“. Vielleicht war es Naivität, vielleicht wollte er auch provozieren. Wer heute in dem Alter ist, wie Jürgen damals, fragt sich vielleicht: Wo liegt das Problem? Reisen ist – mal abgesehen von der gegenwärtigen Corona-Situation – etwas ganz Normales. Doch im Land DDR war es eben nicht normal. Die Grenzen waren geschlossen, sie zu überwinden konnte lebensgefährlich sein. Zumindest bei einer „illegalen“ Flucht. Jürgen Brand entschied sich für einen anderen Weg. Mit 23 begab er sich einfach ins Rathaus und tat seinen Reisewillen kund.

Dass er da schon lange ins Visier der Staatssicherheit geraten war, erfuhr er erst später. Über 100 Seiten umfasst seine Stasi-Akte, die er 1994 einsehen konnte. Es stellte sich heraus, dass in seinem direkten Bekannten-, ja sogar Freundeskreis sogenannte Informelle Mitarbeiter (IM) lauschten und an die Behörden meldeten. Wenn sie nichts wussten, wurde eben etwas erfunden, weiß Jürgen Brand. Obwohl die meisten Namen aus „Persönlichkeitsschutz“ geschwärzt wurden, ist aus den Situationen ersichtlich, um wen es sich handelt. Darunter die Mutter seines zweitbesten Freundes und ein Mitschüler, der sich oft in der Nähe aufhielt. Warum er bespitzelt wurde, ist schwerlich zu benennen, sagt er. „Ich habe mir nichts zu Schulden kommen lassen.“ Vielleicht war er mit seiner Familie bereits 1953 ins Visier der Stasi geraten. Damals, nach dem Volksaufstand am 17. Juni, an dem sich der Vater beteiligt hatte, war dieser in Berlin spurlos verschwunden. Die Staatssicherheit suchte nach ihm, auch in Magdeburg, wegen Hochverrats. Später hieß es, er sei ertrunken. Obwohl er ein guter Schwimmer gewesen war. Ein seltsamer Zufall, sagt der Sohn heute.

Jürgen Brand reiste gern, machte eine Ausbildung als Reichsbahner. Dadurch konnte er kostenfrei mit der Bahn fahren, wohin auch immer er wollte. So lange er in der Nähe blieb. Zu weit entfernte er sich offenbar, als er mit einem Freund durch den Harz fuhr. Sie wurden von der Transportpolizei aus dem Zug geholt, gefragt, ob sie über die Grenze wollten. Wollten sie nicht. Damals. Aber irgendwann später entstand in dem jungen Mann der Wunsch, das Land zu verlassen. Er stellte einen Ausreiseantrag. Der Anfang einer langen Tortur. Es folgte eine mehrjährige Haft, erst in Magdeburg, später in Torgau, wohin sie mit dem Zug gebracht wurden, „eingepfercht auf engstem Raum“, schreibt Jürgen Brand später in seinen Erinnerungen. Zwei Bücher entstanden mit Berichten über seine vierjährigen Hafterlebnisse. Von 30 Monaten Einzelhaft berichtet er, von Schikane, Schlägen, psychischer Folter. Das Schreiben hat ihm geholfen, das Erlebte zu verarbeiten. Ihm liegt aber ebenso daran, dass nicht vergessen wird, wie mit Menschen in der DDR umgegangen worden ist, die dem „System“ nicht passten. Wenn heute von „Nostalgikern“, wie er sie nennt, gesagt wird, dass „alles doch nicht so schlimm war“, bringt ihn das in Rage. Denn, es war schlimm. So schlimm, dass er noch heute mit den Auswirkungen zu kämpfen hat. Gesundheitliche Schäden sind ihm 2008 attestiert worden, das Anrecht auf Opferhilfe. Doch seine Gesundheit bringt ihm keiner zurück, das Geschehene kann weder rückgängig gemacht werden, noch kann er es vergessen. Vergessen werden darf auch nicht, was mit Bürgern wie Jürgen Brand passierte. Er ist kein Einzelfall.
Nach Statistiken der Staatssicherheit stellten von 1977 bis Mitte 1989 etwa 316.000 Menschen einen Erstantrag auf Ausreise. 383.000 Menschen reisten aus der DDR „legal“ aus. Im selben Zeitraum verließen etwa 222.000 Menschen anderweitig das Land. 33.755 politische Häftlinge aus den Gefängnissen der DDR wurden von der BRD freigekauft. Dieses Glück hatte Jürgen Brand nicht. Er musste sich seine Ausreise erkämpfen. Das war schmerzhaft und hat Wunden hinterlassen, die nie verheilen werden.
Heute wohnt Jürgen Brand in Nordrhein-Westfalen. Dorthin hat es ihn mehr oder weniger zufällig verschlagen. „Ich kannte ja nicht viele Städtenamen.“ Von Köln hatte er schon gehört. Hätte er gewusst, dass 1989 die Grenze geöffnet wird, hätte er sich vielleicht anders entschieden. Schon um Magdeburg näher zu sein. Das bleibt seine Heimatstadt, sagt Jürgen Brand. Trotz allem. „Es war ja nicht die Stadt, es waren bestimmte Menschen.“ Und von denen gab es bis heute kein Wort der Entschuldigung. „Heute will es keiner gewesen sein.“ Auch deshalb hat der Magdeburger seine Bücher über die Hafterlebnisse veröffentlicht, verbunden mit zahlreichen Belegen. Gegen das Vergessen. Birgit Ahlert

Jürgen Brand: Hafterlebnisse eines DDR-Bürgers ist als Buch in zwei Teilen im Verlag epubil GmbH Berlin erschienen.

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