Handball-Bundesligist SC Magdeburg – Im Interview mit Geschäftsführer Marc Schmedt

Handball-Bundesligist SC Magdeburg ist, wie fast alle Sportvereine in Deutschland, von der Corona-Pandemie schwer betroffen. Über die aktuelle Situation und Szenerien für einen Neustart sprach die KOMPAKT ZEITUNG mit Geschäftsführer Marc Schmedt.

Eine ganz einfach erscheinende Frage vorweg: Wann erleben wir in Magdeburg wieder Handball?
Marc Schmedt: Ich kann es nicht sagen, wirklich nicht. Vor genau acht Wochen hatten wir unser letztes Spiel in Stuttgart. Da war die Halle voll und die Handballwelt noch in Ordnung. Zwei Monate später ist alles anders. Bis 31. August ist erst einmal alles ausgesetzt. Nach der augenblicklichen Faktenlage gehen wir davon aus, dass ab September wieder Handball gespielt werden kann. Dann also auch in Magdeburg. Aber: Das ist vom Tagesgeschehen abhängig und alles sehr dynamisch.

Darf man davon ausgehen, dass es beim avisierten Trainingsauftakt des SCM am 1. Juli bleibt? Denn einige Teams wie die Rhein-Neckar Löwen und der SC DHfK Leipzig haben ja schon wieder begonnen.
Wir bleiben beim 1. Juli. Wir sind eine Kontaktsportart. Man kann sicher anfangs den Schwerpunkt auf Kraft und Kondition legen, aber irgendwann kommt der Moment, wo das Handballspezifische wieder im Vordergrund steht. Und was die anderen Teams betrifft, muss das jeder selbst entscheiden. Mit Blick auf den eingestellten Spielbetrieb sind unsere Spieler in Kurzarbeit und somit aktuell nicht für den SCM tätig.

Ein Großteil von ihnen ist in ihren Heimatländern, also über halb Europa verstreut. Welches Bild hat der Verein über ihren körperlichen Zustand?
Wir halten über WhatsApp und Telefon Kontakt mit ihnen. Ich denke jedoch, dass alle verantwortungsbewusst genug sind, sich fit zu halten. Ein gewisser Unsicherheitsfaktor bleibt natürlich.

Wir erleben, so ungewöhnlich das klingen mag, die längste Sommerpause seit Bestehen der Bundesliga überhaupt. Am Ende könnte es ein halbes Jahr sein. Genug Zeit also zu der oft von den Spielern beklagten und eingeforderten fehlenden Regeneration?
Bei der ganzen Dramatik der Situation kann das einmal ein Vorteil sein. Auch Spieler wie Gisli Kristjansson oder Marko Bezjak können sich nach ihren Verletzungen in Ruhe auskurieren. Es kann sogar der Fall eintreten, dass, generell gesagt, der eine oder andere Spieler seine Karriere eventuell zwei, drei Jahre länger fortsetzen kann, weil er einmal eine sehr lange Regenerationsphase hatte.

Im Fußball hoffen – oder hofften – viele, dass sich nach der langen Pandemie-Pause vielleicht am System, am Gigantismus, an Auswüchsen wie horrenden Gehältern und aberwitzigen Ablösesummen etwas ändern könne. Nun ist Handball keineswegs mit den Kickern vergleichbar, aber erwarten Sie auch in Ihrer Sportart die eine oder andere Veränderung? Und wenn ja, wo könnte das sein?
Wir können aktuell bestimmte Auswirkungen der Corona-Krise noch nicht abschätzen. Unser Budget besteht nur zu drei Prozent aus Fernsehgeldern. Der Rest kommt aus Sponsoring und Eintrittsgeldern. Bei der prognostizierten wirtschaftlichen Entwicklung kann es durchaus zwei, drei Jahre dauern, um annähernd wieder das Niveau der Zeit vor der Krise zu erreichen. Das wird zunächst im Fokus stehen, weiteres Wachstum eher nicht. In der HBL kann es passieren, dass Mannschaften plötzlich nach oben gespült werden, die einen starken und krisenfesten Wirtschaftspartner an ihrer Seite haben, während anderswo welche wegbrechen. Kräfteverhältnisse können sich so verschieben. Ich glaube, der Wettbewerb in der Liga, selbst wenn wir angesichts der Krise augenblicklich gut zusammenarbeiten, wird nach Corona noch härter als er vorher war. Deshalb müssen wir bei uns weiter zuallererst für wirtschaftliche Stabilität sorgen. Ich sehe darin die größte Herausforderung für den SCM seit der Wiedervereinigung. Es ist also nicht nur wichtig, diese Krise zu überstehen, sondern wie wir wieder aus ihr herauskommen. Aber die Situation ist und bleibt ernst.

Nun stehen die Menetekel schon an die Wand geschrieben. Selbst Uwe Schwenker, der Präsident der Handball-Bundesliga-Vereinigung (HBL) oder Spitzenklubs wie die Rhein-Neckar Löwen schließen düstere Szenarien nicht aus.
Handballprofi-Spielbetrieb ohne Handballspiele, das geht nicht. Geisterspiele sind ohne externe Finanzierungshilfen nicht möglich. Nur Begegnungen ohne Publikum, das wird kein Bundesligist überleben. Dann geht früher oder später das Licht aus. Wir haben allerdings den Vorteil, dass wir variabler sind als beispielsweise ein Restaurant oder ein Friseurgeschäft. Wir können unsere Liga so organisieren, den Spielplan so gestalten, dass wir, wenn es sein muss, später anfangen. Wir müssen nur unsere 19 Heimspiele absolvieren. Der Zeitplan ist da etwas flexibler. Vielleicht kann man ja auch darüber nachdenken, einen dritten Weg ins Auge zu fassen. Wir erleben doch gerade, wie viele Entscheidungen auf die Länder und Kommunen delegiert werden. Was wegen der unterschiedlichen Gefährdungslage auch richtig ist.

Heißt das, Sie denken über Spiele vor einer reduzierten Zuschauerkulisse nach?
Wir können nicht in die Zukunft schauen, aber wir benötigen für jedes Szenario eine Option. Das könnten unter Umständen auch Veranstaltungen mit begrenzter Zuschauerzahl sein. Wir müssen auf jeden Fall vorbereitet sein. Dazu gehört, mit dem Hallenbetreiber Pläne für alle dafür erforderlichen Maßnahmen, also ein tragfähiges Hygiene-Konzept, auszuarbeiten.

Gesetzt den Fall, es geht wirklich im September los. Der SCM hat seinen Kader für die neue Saison seit längerem zusammen. Oder tut sich noch etwas?
Nein, das verbietet sich in dieser Situation ohnehin fast von selbst. Wir werden 16 Spieler unter Vertrag haben. Als Zugänge den Isländer Omar Magnusson (Rückraum rechts) und den Norweger Magnus Gullerud (Kreis). Ein Zugang ist in gewisser Weise auch der Isländer Gisli Kristjansson, der zwar im Januar zu uns stieß, durch seine anschließende lange schwere Verletzung aber als Neuzugang anzusehen ist. Es ist aber auch klar, das ist jetzt nicht die Zeit der Neuverpflichtungen. Es geht vorrangig darum, unseren Kader und die Struktur drumherum zu erhalten. Beides. Da geht es beispielweise auch um den gesamten medizinischen und athletischen Bereich, die notwendigen Strukturen in der Adminis-tration. Das müssen wir auch über die Zeit retten, um für den Neustart gut gerüstet zu sein.

Generell kommen, so hat es von außen den Anschein, finanziell schwierigere Zeiten auf die Handball-Profis in Deutschland zu.
Es kann zu massiven Einschnitten kommen. Entscheidend ist, wann können wir wieder anfangen, und können die Wirtschaft sowie die Zuschauer uns wie bisher unterstützen?

Sollte die Lage noch prekärer werden, müssen Sie dann Kredite aufnehmen, um ausfallende Erträge zu ersetzen?
Das haben wir bisher noch nicht getan und wir würden dies auch nicht tun, um etwa Verluste oder Budgetlücken zu finanzieren. Was aber sinnvoll sein kann, wenn die Saison tatsächlich später anfangen sollte, dass man sich dann eine Zwischenfinanzierung organisiert. Hier prüfen wir alle Optionen auch von öffentlicher Seite. In erster Linie wollen wir aber die Liquidität sichern und Kosten einsparen. Da sind schon einige Maßnahmen erfolgreich eingeleitet.

Apropos Finanzen. Gibt es schon ein Echo von den SCM-Sponsoren, wie – und ob – sie den Weg des Vereins weiter begleiten?
Es gibt aktuell ausschließlich, ich betone ausschließlich, nur unterstützende Rückmeldungen. Worüber wir sehr dankbar sind. Ob das in zwei, drei Monaten noch so aussieht, muss man freilich abwarten und hängt von der weiteren Entwicklung der Pandemie ab. Generell bin ich froh darüber, dass wir in dieser Situation sehr breit und damit stabil aufgestellt sind (der SCM arbeitet mit rund 400 Unterstützern zusammen, d. Red.). Sehr positiv ist auch die Reaktion unserer Dauerkartenbesitzer. 98 Prozent haben ihr Ticket bereits verlängert. Insgesamt halten wir die Dauerkarten bei 4.200 limitiert. Darüber hinaus ist die Warteliste auf über 300 Kartenanfragen angestiegen.

Eine andere Frage ist doch, geht es in dieser angespannten Lage überhaupt ohne Unterstützung der Politik? Überall werden Rettungsschirme aufgespannt, Hilfsprogramme aufgelegt. Wie steht es ganz konkret um den Handball?
Die Frage stellt sich doch: Wollen wir den SC Magdeburg über diese Phase hinwegheben – oder wollen wir es nicht? Welche Wertigkeit und Wirkung hat dieser Verein für Magdeburg und die Region. Weder können wir mit den teilweise ausartenden finanziellen Gebaren der Fußball-Bundesliga verglichen werden, noch sind wir in die klassische Veranstaltungsbranche einzusortieren. Es gibt meines Erachtens einen großen Unterschied zwischen einem identitätsstiftenden Verein wie dem SCM und einem durchreisenden Schlagersänger, der einen Tag in Magdeburg gastiert.

Was erwarten Sie also von der Politik?
Ganz konkret: Zunächst die Wahrnehmung unserer spezifischen Situation in der Corona-Krise. Momentan ist uns die Geschäftsgrundlage aus gutem Grund im Interesse der Gesellschaft genommen. Über diesen Zeitraum sollte man uns hinweghelfen, um den SCM in der Gesamtheit zu erhalten. Es geht eben auch darum, Strukturen im Gesamtverein zu erhalten, jedes Jahr werden aus dem Profibereich der Handballer sechsstellige Beträge für die weiteren olympischen Sportarten im SCM sowie für den Handballnachwuchs bereitgestellt. Zudem ist der SCM der Leuchtturm für alle Handballclubs in Sachsen-Anhalt mit ihren hunderten Nachwuchsmannschaften.

Lassen Sie uns noch kurz über den Europacup reden. Der SCM war auf gutem Weg, in diesem Wettbewerb an alte Erfolge anzuknüpfen, dann wurde die Finalrunde vom europäischen Verband ersatzlos gestrichen. Fühlen Sie sich betrogen?
Betrogen wäre ein zu hartes Wort. Man muss die Entscheidung mit Blick auf die Pandemie letztlich akzeptieren. Die Spieler sind natürlich um einen möglichen Erfolg gebracht worden, das ist einfach bitter. Zumal es im Wettbewerb für uns wirklich gut lief. Auf der anderen Seite ist es so, dass es auch bei der EHF aktuell wohl nur noch um die Wirtschaftlichkeit geht. Im Gegensatz zum Finalturnier der Champions League ist der EHF-Cup finanziell nicht attraktiv genug, deshalb hat man ihn in dieser Situation einfach gestrichen.

Bleiben wir beim Pokal und beim Streichen. Der nationale DHB-Pokal soll in der nächsten Saison aus Termingründen ganz gestrichen werden, da die Bundesliga ja vorübergehend auf 20 Teams aufgestockt wird. Eine richtige Entscheidung?
Der Pokal ist stets ein interessanter Wettbewerb gewesen. Wir haben ihn gern gespielt, auch weil man sich dort schneller als in der Meisterschaft international qualifizieren konnte. Wenn er erhalten bleiben könnte, denke ich, würden alle Spieler und Trainer gern die vier Meisterschaftspartien mehr machen. Wenn sie nur wieder dürften.
Fragen: Rudi Bartlitz

Vielleicht gefällt dir auch