Handball: Der siebte Mann

Der Handball diskutiert, national und international, trotz Corona-Pandemie über Sinn und Unsinn einer vor vier Jahren eingeführten Regel. | Von Rudi Bartlitz

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Seit Monaten hat das Virus den Sport im Würgegriff – und wird in den kommenden Wochen und Monaten kaum vollends davon ablassen. Das gilt verschärft für Hallensportarten wie den Handball. Wegen einer jederzeit möglichen Zuspitzung der Lage und einem dann drohenden erneuten Lockdown würden sich derzeit Prognosen und Vorausschauen jeglicher Art auf die neue Saison auf wackligen Füßen bewegen. Dennoch, selbst wenn die enormen finanziellen Sorgen der Vereine und der Kampf um die Rückkehr der Fans im Zentrum der Aufmerksamkeit standen und stehen, ploppte eine Diskussion im Sommer neu auf: die um die Regel des siebten Feldspielers.

Gelacht wird beim Handball relativ selten. Für Amüsement lässt das superschnelle und körperlich so harte Spiel kaum Zeit. Wenn es in den letzten Jahren dennoch zuweilen zu Heiterkeit und Gelächter in den Hallen kam, sorgten dafür Szenen wie diese: Eine Mannschaft greift mit einem zusätzlich eingewechselten siebten Akteur an, verliert den Ball – und der gegnerische Torhüter trifft aus über 30 Metern ins verwaiste Gehäuse. Ein mittleidiges oder schadenfrohes Lachen explodiert zuweilen sogar zu wahren Salven, wenn dieses Missgeschick zwei oder gar dreimal in Folge geschieht.

Seit dem Sommer 2016 sind solche Szenen in den Handball-Hallen weltweit zu besichtigen. Da nämlich, kurz vor Olympia in Rio, führte der Weltverband IHF eine neue Regel ein. Sie revolutionierte das Spiel mit dem kleinen Ball zwar vielleicht nicht, aber sie veränderte es spürbar. Die Regel erlaubt, einfach gesagt, einem Team, den Torwart herauszunehmen und dafür einen siebten Feldspieler einzuwechseln. Zuvor war es ein ehernes Gesetz, dass seit der Erfindung des Spiels vor über 100 Jahren immer ein Torwart auf dem Feld sein musste – das gehörte von da an der Vergangenheit an. Zum ersten Mal in der Geschichte der Mannschaftssportarten war die Auswechslung des Torhüters übrigens in der US-kanadischen Eishockey-Profiliga NHL praktiziert worden. Art Ross, der innovative Coach der Bos-ton Bruins (er setzte später auch den noch heute gebräuchlichen Kunststoff-Puck durch), nahm 1931 in den Play-Offs bei einem 0:1-Rückstand in der Schlussphase den eigenen Keeper heraus und brachte einen zusätzlichen sechsten Feldspieler aufs Eis.

War es im Klassik-Filmthriller „Der dritte Mann“ 1949 eine zunächst rätselhafte Figur, die durch die Wiener Unterwelt geisterte, ist es ein halbes Jahrhundert später im Handball der „siebte Mann“, der die gegnerischen Abwehrreihen verunsichert. Denn sein Einsatz eröffnete völlig neuen Spielraum. Die Regel lässt es zu, jeden Angriff in Überzahl zu bestreiten (abgesehen von eventuellen Strafen). Kassiert eine Abwehrreihe eine Zwei-Minuten-Strafe, kompensiert dies heute so gut wie jede Profimannschaft durch einen zusätzlichen Feldspieler im Angriff. Ein Angriffsspiel in Unterzahl gibt es also kaum noch zu sehen.

Ein Überzahlspiel durch die neue Regel hingegen zählt mittlerweile zum Repertoire einer jeden Mannschaft. Vor 2016 gab es diese Variante nur vereinzelt, denn bis dahin musste ein Spieler als Torhüter gekennzeichnet sein. Mit einem Leibchen. Läuft es heute nicht rund oder die offensive Abwehr des Gegners soll zum Rückzug gezwungen werden, greifen viele Trainer auf die taktische Variante des Sieben gegen Sechs zurück. Zudem praktizieren einige Mannschaften im Welthandball – bei der Europameis-terschaft 2019 etwa Portugal – das Sieben gegen Sechs nahezu durchgehend.

Trotz der verlockend erscheinenden neuen taktischen Möglichkeiten, die Regel war von Anfang an von einem gerüttelten Maß Skepsis begleitet. Bei Experten wie Trainern. Ebenso bei Teilen des Publikums. Dies offenbarten in der Vergangenheit auch stichprobenartige Befragungen in der Magdeburger Getec-Arena. Die Ablehnung ließe sich auf diese einfache Formel herunterbrechen: Das ist nicht mehr der Handball, den wir kennen und lieben. Hört auf damit! Das untergründige Grummeln und Murren wurde zuletzt so laut, dass sich die IHF veranlasst sah, im Sommer ein Online-Symposium zu dieser Frage abzuhalten. Ergebnisse von 95 analysierten Begegnungen zeigten: Ein Team griff darauf in jedem Spiel zurück, zwei Teams in 95 Prozent und sieben Mannschaften in der Hälfte ihrer Spiele. Zwölf Teams verzichteten auf einen zusätzlichen Feldspieler. Bei der WM 2019 zeigte sich, dass das deutsche Nationalteam in 75 Prozent seiner Partien auf das 7-gegen-6 setzte, Norwegen und Frankreich dagegen darauf völlig verzichteten.
Es kam noch dicker. Die Front der Regel-Gegner formierte sich weiter. Bei einer Umfrage der „Handball-Woche“ sprachen sich mehr als drei Viertel der interviewten internationalen Top-Trainer für eine Rückkehr zur alten Regel aus. Viele von ihnen sehen sich durch die vergangenen vier Jahre in ihrer Skepsis bestätigt. Vier Coaches wünschen sich zumindest Änderungen an der neuen Vorschrift, nur fünf wollen sie so beibehalten, wie sie ist.

Er glaube nicht, sagte Trainer-Legende Alfred Gislason, der von 1999 bis Anfang 2006 auch den SC Magdeburg coachte, „dass der Handball attraktiver wurde, im Gegenteil. Die Regel macht das Spiel viel langsamer. Trainer verlieren besonders in der Abwehr ihre taktischen Varianten. Durch den zusätzlichen Feldspieler gibt es keine Überzahl mehr, der Vorteil ist dahin.“ Der neue Bundestrainer weiter: “Benachteiligt werden besonders die abwehrstarken Mannschaften, die sauber und variabel verteidigen, wenn deren Gegner eigentlich in Unterzahl spielen müsste. Wenn sich nichts ändert, wird sich in zehn Jahren niemand mehr daran erinnern, wie Handball eigentlich gespielt wurde.”

Der frühere isländische Bundestrainer Dagur Sigurdsson, der Deutschland 2016 zum EM-Erfolg führte, schließt sich der Kritik an: „Handball wurde durch die Regeländerung nicht attraktiver. Körperlich schwächere Mannschaften werden stärker, Trainer, die auf Risiko gehen, werden belohnt. Ich finde Treffer ins leere Tor negativ und unattraktiv.” Flensburgs Coach Maik Machulla sagte: „Die Mannschaften, die gegen sieben Feldspieler verteidigen müssen, sind zu einer sehr defensiven Abwehr gezwungen. Und im Angriff sind diese Überzahlsituationen langweilig, weil nur lange gespielt wird, um irgendwann eine Überzahlsituation zu erreichen. Zudem ist es ganz schlimm, wenn es vier, fünf Treffer ins leere Tor gibt.“
Was ihn störe, erklärte Meistertrainer Filip Jicha vom THW Kiel, sei, dass es keine Zwei-Minuten-Strafe mehr im eigentlichen Sinne gibt. „Die betroffene Mannschaft spielt nur in der Abwehr mit einem Spieler weniger, im Angriff kann sie das hingegen gut strukturieren und sechs gegen sechs problemlos ausspielen. Ich finde es nicht gut, dass eine Mannschaft nicht bestraft wird, wenn sie eine Zeitstrafe erhält.” Er wolle aus der ganzen Sache keine Grundsatzdiskussion machen, merkte SCM-Trainer Bennet Wiegert an. Der SC Magdeburg spiele dieses System eher selten. Es sei vor allem „ein taktisches Mittel für individuell nicht so stark ausgeprägte Teams. Wir brauchen dieses Mittel nicht unbedingt, weil wir Spieler haben, die mit ihrer individuellen Klasse auch so eine Überzahl schaffen können, indem sie einen Gegenspieler ausspielen und einen weiteren binden.“ Die neue Regel „verzerrt den Kern unseres Sports und hat Handball nicht attraktiver gemacht”, erklärt sich Xavi Pascual vom spanischen Top-Klub FC Barcelona. Talant Dujshebaev (Trainer des polnischen Spitzenklubs Vive Kielce und zweimaliger Welthandballer) pflichtet ihm bei: „Diese Regel macht den Handball taktisch kaputt, es gehen so viele Aktionen – wie eins gegen eins – verloren.“

Trotz all der ablehnenden Stimmen, es gibt sie auch, die Befürworter. Kroatiens Trainer-Legende Lino Cervar beispielsweise äußerte in der Umfrage: „Die Regel macht schwache Mannschaften besser, dadurch werden die Spiele ausgeglichener, taktisch limitierte Trainer bekommen mehr Chancen. Im Gegensatz zu anderen finde ich, dass 7-gegen-6 die Kreativität der Spieler steigert, denn sie müssen als Kollektiv arbeiten und nicht nur individuell stark sein.“ In eine ähnliche Kerbe schlägt Nikolaj Jacobsen: „Ich finde nicht, dass sich die Grundidee geändert hat wegen dieser Regeländerung. Ich sehe nicht so viele Mannschaften, die mit dem siebten Feldspieler spielen, und ich finde, dass Mannschaften jetzt besser verteidigen können. Ich sehe nicht, dass die Regel so große Auswirkungen auf den Handball hat.“ Das sagt zumindest ein Mann, der wissen sollte, wovon er redet. Er führte nicht nur die Rhein-Ne-ckar Löwen zum deutschen Titel, er ist auch Coach des aktuellen Weltmeisters Dänemark.

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