Montag, November 28, 2022

Has(s)t du Angst?

Folge uns

Es ist der dritte Urlaubstag, als der erste Brief kommt. Wir hatten uns trotz der Corona-Nachrichten für die Reise entschieden. Das Problem scheint zu diesem Zeitpunkt abstrakt und fern, auch wenn sich die Gespräche anderer Reisender nur um das Corona-Virus drehen und die Nachrichten, die uns via Smartphone erreichen, nichts anderes thematisieren.

Am Vormittag des dritten Urlaubstages fahren wir zu einem kleinen Strandabschnitt. Mit nur fünf anderen Urlaubern, zu denen wir ohnehin einen höflichen Abstand wahren, halten wir unsere blassen Nasen in die Sonne. Wir genießen die ersten zehn Minuten, bis mehrere Mitarbeiter der policia local uns anweisen, den Strand sofort zu verlassen und uns direkt ins Hotel zu begeben. Einerseits überrascht vom Durchgreifen, andererseits wenig davon beeindruckt, stapfen wir zum Auto. Auf dem Rückweg fallen uns die geschlossenen Cafés, Restaurants und Bars auf. Es spazieren wenig Menschen an der Promenade entlang, die meisten davon mit Hund. Alibi-Hunde würden wir sie später nennen. Den restlichen Nachmittag verbringen wir auf unserer Terrasse, aufgeregt die sich überschlagenden Ereignisse recherchierend. Aufkeimende Unsicherheit prägt nun die Situation. Wird wirklich übermorgen der Flughafen dicht gemacht? Entlassen Hotels bereits Personal? Werden Fluggesellschaften verkauft?
Beim zweiten Glas Wein hören wir ein Rascheln. Der erste Brief, unter der Tür hindurchgeschoben. Ein Dokument des Hotels, das darauf hinweist, dass es uns aufgrund eines königlichen Beschlusses ab sofort verboten sei, das Hotelzimmer zu verlassen. Lediglich für die verkürzten Essenszeiten dürfe man dieses verlassen, ebenso für lebenswichtige Einkäufe sowie Gänge zu Bank und Apotheke. Bei unerlaubtem Aufenthalt in der Öffentlichkeit würden Strafen ab 1.500 Euro verhängt. Auch Menschenansammlungen in der Lobby oder am Pool seien untersagt, zum Personal müsse der Sicherheitsabstand von 1,5 Metern eingehalten werden.

Die nächste Flasche Wein wird geöffnet. Eine Zigarette angesteckt. Die Informationen verdaut. Die folgenden Tage sind geprägt vom Highlight des Einkaufens und der Hin- und Rückwege. Man könnte denken, es gäbe schlimmere Orte, um in Quarantäne zu sein. Doch auf der Insel wird die Isolation schnell spürbar. Keine Strandaufenthalte, keine Res-taurantbesuche, kein zielloses Schlendern entlang der Promenaden der Hafenstädtchen.

Beim Einkaufen wird die Zahl der Kunden auf 100 begrenzt. Wasser und Toilettenpapier sind ausverkauft, ebenso Nudeln, Dosenthunfisch, Soßen im Glas, sämtliche Tiefkühlkost. Unser Weg führt uns vorbei an Gemüse und Gewürzen, zum Reis und dem Weinregal. Ein hörbares Aufatmen. Wir planen optimistisch unseren Quarantäne-Konsum und stehen kurz darauf an der Kasse. Zwei sind geöffnet, die Kunden verteilen sich gleichmäßig auf beide Schlangen. Als der Kunde vor uns seine Einkäufe am Ende der Kasse einpackt und wir unsere aufs Band legen, weist die Verkäuferin uns auf die Linie vor unseren Füßen hin. Die gelb-schwarzen Streifen auf dem Boden allein – wird mir hier klar – machen auch nicht viel aus, aber der Versuch ist da.

Zurück im Hotel überhören wir auf dem Weg durch die Lobby ein junges Paar, das offenbar ebenso vom Einkaufen gekommen war. Der Mann gestikuliert träge mit den gefüllten Plastiktüten am Handgelenk. Seine Freundin erzählt, dass sie Polizis-ten begegnet seien. Ab jetzt dürfe man nur noch allein auf die Straße, sonst drohten hohe Strafen. Im Hotelzimmer werden Anrufe getätigt. Die Eltern, Partner und Freunde wollen auf dem Laufenden bleiben. Wieder auf der Terrasse bleibt nur der Versuch, das eigene Erlebte des Tages mit den einprasselnden (Fake-)News in Einklang zu bringen. Der Versuch ist ernüchternd erfolglos und ermüdend.

Als ich am nächsten Morgen viel zu früh wach werde und zur Kaffeemaschine schleiche, fällt mir der zweite Zettel noch nicht auf. Erst als ich aus dem Bad komme, bin ich wach genug, um ihn zu bemerken. Der alte Kommunikationsweg, unter der Tür hindurchgeschoben, scheint bewährt. Die zweite Verkündung klingt strenger als die erste. Die Erzählung des Pärchens vom Vorabend wird bestätigt. Unser gemeinsamer Einkauf war bereits ein strafbarer Akt. Also sitzen wir den ganzen Tag auf unserer Terrasse und erzählen, trinken Kaffee in der ersten, Wein in der zweiten Tageshälfte und schauen Netflix, weil es kaum ein anderes Thema mehr gibt als Covid-19. Viren. Infektionsketten. Überlastete Gesundheitssys-teme. Ein Zustand, den wir so nur aus Büchern kennen und noch nie selbst erlebt haben. Die anfänglichen Witzchen weichen jetzt echter Besorgnis um Mama und Papa, Oma und Opa.

Einen Tag vor der geplanten Heimreise wird tatsächlich unser Flug gestrichen. Telefonate. Google. Sonderflüge. Luftbrücke. Maas will Urlauber zurückholen. Auswärtiges Amt. Eine Liste für im Ausland gestrandete Staatsbürger. Welch ein Drama! Natürlich sind wir nicht die einzigen. Aber noch besser dran als andere – die Cousine meiner Freundin beispielsweise sitzt in Indien fest und kommt nicht mehr nach Deutschland. Wir können letztendlich umbuchen und am geplanten Tag zurückfliegen. Sehnsüchtiger wollte ich niemals aus dem Urlaub zurück nach Hause als in dieser Woche.

Nachdem wir den Schlüssel unseres Mietwagens am Flughafen durch einen Briefschlitz in ein menschenleeres Häuschen geworfen haben, laufen wir zu einem ebenso leergefegten Parkplatz. Wo sonst zahllose Reisebusse auf Touristenmengen warten, steht an diesem Mittwoch nicht ein Veranstalter bereit. Ein einziges Taxi – der Fahrer hängt auf der Bank vor dem Eingang an seinem Handy. Er ist in Gedanken und sieht uns nicht mal kommen. Er fragt, ob wir ein Taxi brauchen. Wir sagen: nein danke, wir wollen nach Hause. Er schmunzelt und nickt. Als wir ins Terminal gehen, fällt mir auf, dass nicht ein Kippen-Stummel im Aschenbecher liegt.

Bis zur Sicherheitskontrolle treffen wir nur wenige andere Touristen. Alle scheinen verwirrt, schockiert von der menschenleeren Realität an einem sonst so belebten Ort. Als es soweit ist, das Handgepäck und uns durchleuchten zu lassen, treffen wir auf Vertreter der spanischen Bundespolizei und des Militärs. Sie tragen Handschuhe und Masken, sind streng und laut beim Durchsetzen ihrer Anweisungen. Nach den beinahe banal wirkenden Sprengstofftests überraschen uns die geschlossenen Läden nicht mehr. Auch nicht, dass sechzig Prozent unserer Mitreisenden inzwischen mit Masken ausgestattet sind und niemand es wagt, sich zu räuspern. Wer nicht in die Armbeuge niest, verrät die Menschheit und einen Türknauf anzufassen, ohne sich den Ärmel über die Hand zu ziehen – ein lebensmüder Akt.

Die Crew auf dem Flug ist überraschend entspannt, nicht mit Masken, aber mit Handschuhen ausgestattet. Als der Servicewagen angekündigt wird, witzelt der Chefsteward, es sei viel Alkohol an Bord – gut zum Desinfizieren. Allgemeines Gekicher hellt die Stimmung ein wenig auf. Nach der Landung in Berlin erinnert nicht mehr viel an die Pandemie. Die Leute mit Masken fallen kaum noch auf. Eher die geöffneten Geschäfte und Menschen, die weiterhin in Gruppen im Park sitzen und Shisha rauchen sowie die Rentnergruppen auf Parkbänken.

Am Ende sitzen wir verwirrt in der Bahn nach Hause. Mit einem Brötchen vom Bäcker, mit Bargeld gezahlt. An den Bahnhöfen tummeln sich die Massen. Sie werden nur weniger, weil wir aus der Hauptstadt herausfahren. Und angekommen im heimischen Landkreis, wo es noch keine bestätigten Infizierten gibt, sind scheinbar plötzlich wir diejenigen, die übertreiben. Mit Mindestabstand zu unseren Eltern, die wir nicht anstecken wollen. Und der zweiwöchigen Quarantäne, in die wir uns jetzt begeben.| Swantje Langwisch

Anzeige
WEITERE

Standpunkt Breiter Weg

Märchenzeit im Land

Magdeburg
Leichter Regen
4.8 ° C
5.1 °
4.3 °
86 %
3kmh
100 %
Mo
5 °
Di
7 °
Mi
6 °
Do
4 °
Fr
2 °

E-Paper