Samstag, Oktober 16, 2021
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Heinrich ist nicht mehr, jetzt heißt es Hannover

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Alles ist in Bewegung. Ständig gibt es Neues, Altbekanntes wird verdrängt. Früher gab es in Behörden und Verwaltungen Schreibdienste, in denen insbesondere Damen an Schreibmaschinen saßen und Texte, die meist auf sogenannten Tonträgern vorlagen, abzutippen hatten. Schwierige Eigennamen, fremdländische Bezeichnungen und anderes waren mit Hilfe eines sogenannten Buchstabieralphabets zu diktieren. Doch solche Zeiten sind vorbei, heutzutage schreibt auch der Chef selbst am Computer, zumindest kurze Texte.

Nun ist aber das Deutsche Institut für Normung auf den Plan getreten, und zwar mit dem Entwurf einer neuen Richtlinie für das Buchstabieren von Namen. Diese Richtlinie soll zwar für Behörden, für Verwaltungen und die Wirtschaft verbindlich werden, aber sicherlich werden wir als Normalbürger auch davon berührt werden, und sei es, dass jemand seinen eigenen, eventuell nichtüblichen, Namen am Telefon gegenüber einer staatlichen Einrichtung buchstabieren muss.

Das bisherige Buchstabieralphabet stammt aus der Weimarer Republik und diente lange Zeit, also fast hundert Jahre, als Vorlage, sowohl in Westdeutschland wie auch in der ehemaligen DDR. Zu Nazizeiten wurde der Buchstabe N zu ‚Nordpol‘, denn das ursprüngliche ‚Nathan‘ galt als jüdisch, und so etwas war den damaligen Machthabern ein Dorn im Auge.
Gegenwärtig wird mit der neuen Richtlinie eine Reform des bisherigen Buchstabieralphabets angestrebt, weil, so wird es unter anderem begründet, viele der bisher vertretenen Namen, wie die Vornamen ‚Heinrich‘ oder ‚Gustav‘, zur Jetztzeit wenig gebräuchlich sind und Ausländer, deren Zahl in Deutschland immer mehr ansteigt, Schwierigkeiten mit diesen Vornamen haben. Und auch die Feministen könnten anmerken, dass ja das bisherige Buchstabieralphabet weitaus mehr männliche Vornamen als weibliche enthielt. Daher entschied sich das Institut für Normung, auf die Namen deutscher Städte zu setzen. Bisher handelt es sich noch um einen Entwurf, und es ist nicht ganz auszuschließen, dass manche Städte sich zu Unrecht nicht in der Liste vertreten fühlen und Einspruch einlegen möchten.

Hier nun die neue „Deutsche Buchstabiertafel für Wirtschaft und Verwaltung“ im Entwurf vom 30. Juli 2021. Rechts daneben die bisherigen Varianten.

A – Augsburg Anton
Ä – Umlaut-A Ärger
B – Berlin Berta
C – Cottbus Cäsar
Ch – Chemnitz Charlotte
D – Düsseldorf Dora
E – Essen Emil
F – Frankfurt Friedrich
G – Görlitz Gustav
H – Hannover Heinrich
I – Iserlohn Ida
J – Jena Julius
K – Köln Kaufmann
L – Leipzig Ludwig
M – München Martha
N – Nürnburg Nordpol
O – Oldenburg Otto
Ö – Umlaut-O Ökonom
P – Potsdam Paula
Q – Quickborn Quelle
R – Regensburg Richard
S – Stuttgart Samuel
ß – Eszett
Sch – Schwerin Schule
T – Tübingen Theodor
U – Unna Ulrich
Ü – Umlaut-U Übermut
V – Vogtland Viktor
W – Wuppertal Wilhelm
X – Xanten Xanthippe
Y – Ypsilon Ypsilon
Z – Zwickau Zacharias oder Zeppelin

Etwas ungewöhnlich in der neuen Buchstabiertabelle sind vielleicht die sogenannten Umlaut-Buchstaben Ä, Ü und Ö. Auch in den vorgeschlagenen Städtenamen selbst (München, Görlitz, Düsseldorf, Tübingen, Köln) sind Umlaute enthalten, und das Argument, ausländische Mitbürger hätten nun geringere Schwierigkeiten beim Buchstabieren, zieht nicht unbedingt, denn gerade Umlaute könnten Ausländern schwerfallen, weil sie in deren Muttersprachen eventuell gar nicht existieren. Die Autoren der neuen Buchstabierregeln haben sich, gemäß ihren Worten, auch nach den geltenden Autokennzeichen der jeweiligen Städte gerichtet.

Im Gespräch war bei der Wahl eines neuen Buchstabieralphabets auch der Gedanke, das sogenannte NATO-Alphabet zu verwenden, das auf dem der internationalen Luftfahrt beruht und auch unter dem Namen ICAO zu finden ist. Umlaute fehlen hier natürlich, auch das Eszett kommt nicht vor. Nachstehend hintereinander die im ICAO verwendeten Wörter, der Anfangsbuchstabe ist jeweils der beabsichtigte Buchstabe: Alfa – Bravo – Coca oder Charlie – Delta – Echo – Foxtrott – Golf – Hotel – India – Juliet – Kilo – Lima – Metro oder Mike – Nectar oder November – Oscar – Papa – Quebec – Romeo – Sierra – Tango – Union oder Uniform – Victor – Whiskey – Extra oder Xray – Yankee – Zulu.

Antwort auf eine Leserzuschrift:
Herr Dr. Reinhart Giessing schrieb uns: „an Ihrem Artikel „Ich spreche Deutsch – dass, das oder was?“ ist mir der letzte Satz aufgefallen. Nach meinem grammatischen Gefühl müsste er heißen: „…, auch ohne dass Sie von irgendjemandem Zuschüsse bekommen,…“. ‚Von‘ oder ‚mit‘ verlangen nach meinem Verständnis den Dativ.

Meine Antwort: Herrn Dr. Giessing danken wir für das aufmerksame und kritische Lesen des zi-tierten Artikels. Es ist wirklich so, dass die Präpositionen ‚von‘ und ‚mit‘ den Dativ, also den dritten Fall, verlangen. Einfache Beispielssätze dazu: „Von mir (Nominativ, 1. Fall: ich) kriegst du kein Geld.“ „Der Junge spielt gerne mit unserem (Dativ) Hund.“

Bei ‚irgendjemand‘ handelt es sich um ein sogenanntes Indefinitpronomen, auf Deutsch ein unbestimmtes Fürwort. Ein Fürwort steht für ein anderes Wort, in unserem Fall handelt es sich bei ‚irgendjemand‘ um eine Person, die vom Geschlecht und auch vom Numerus her, also ob es sich um eine einzelne Person oder mehrere Personen handelt, nicht bestimmbar ist. Die Frage ist nun, wie ‚irgendjemand‘ zu beugen, zu deklinieren, ist. Wir lassen das Indefinite, also das ‚irgend‘, weg und sehen uns ‚jemand‘ an. Ein Gegenwort, sogenanntes Antonym, dazu ist ‚niemand‘. Mit ‚jemand‘ wird eine beliebig denkbare Person, männlich oder weiblich, bezeichnet. Wir bilden sinnvolle Beispielssätze, um die Beugung von ‚jemand‘ zu beleuchten: „Ich gebe jemand (Dativ) die Fahrkarte.“ „Dieser Schüler ist stän-dig mit jemand (Dativ) beim Schwatzen.“ „In Frankfurt hat er jemandes (Genitiv) Bekanntschaft gemacht.“ In einer Dudenausgabe aus dem Jahre 1954 wird bereits auf die Möglichkeit hingewiesen, dass im Dativ beide Formen, also ‚jemand‘ und ‚jemandem‘, möglich sind. Auch der Akkusativ, der 4. Fall, ist mit zwei Varianten möglich: „Hast du ‚jemand‘ oder ‚jemanden‘ gesehen?“ Diese Darstellung findet sich durchgängig bis jetzt in den Grammatik-Lehrbüchern, und auch der Duden, Auflage 28, Jahr 2020, lässt beide Varianten zu.

Generell ist die Bemerkung von Herrn Dr. Giessing auch Anlass zu Betrachtungen, wie weit wir, dazu zählt auch der Schreiber dieser Zeilen, in unserer deutschen Sprache bereits in Richtung Verzicht auf Endungen bei deklinierten Nomina gegangen sind. Nähern wir uns da dem Englischen oder Französischen, wo es im Prinzip außer dem Plural-s keine Endungen gibt?

Ihr Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer
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