Montag, November 28, 2022

Hengstmanns andere Seite: Alles nur Kulisse

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Ich möchte Ihnen heute ein kleines Geheimnis verraten. Nächstes Jahr, also 2021 begehe ich mein 60-jähriges Bühnenjubiläum. Gut! Da möchten viele denken, so alt kann der doch gar nicht sein und ich hätte schon als Embryo in Mutters Bauch Faxen gemacht. Es wird in der Familie Hengstmann kolportiert, dass meine Mutter, als sie mit mir schwanger war oft und herzlich gelacht hat. Das tat meiner Mutter Gesundheit in der Schwangerschaft und dem Geburtsvorgang meiner kleinen Person wohl richtig gut.

Doch Fakt eben Fakt! Am 26. Oktober 1961 stand ich als Fünfjähriger das erste Mal auf einer Bühne und zwar im großen Saal des damaligen Kulturhauses „Ernst Thälmann“ Magdeburg. Ich stand auf einer riesigen Bühne. Um mich herum ein monströser roter Samtvorhang und hinter mir ein großes Tanzorches-ter. Aber es war keine Kulisse vorhanden. Ich stand ganz allein, quasi seelisch nackt auf dieser Bühne. Aber eben ohne Kulisse. Ich konnte mich nirgends festhalten. Nur am Mikrofonständer, der auf die niedrigste Höhe eingestellt war. Ich musste also meinen Beitrag auf Zehenspitzen zu Gehör bringen. Dieser Umstand ließ meinen kleinen Körper in einem Schwitzbad enden. Trotzdem war ich sehr erfolgreich. Das machte mir Mut und ich ging weiterhin auf die Bühne.

Wie anfangs erwähnt nun schon seit vielen Jahren. Ich möchte behaupten, ich kenne fast alle Bühnen der DDR. Aber irgendetwas hat mir immer gefehlt. Eine gut gestaltete Kulisse. Ich durfte sogar noch im alten Friedrichstadtpalast am Schiffbauerdamm auftreten. Zum 20. Jahrestag der Deutschen Demokratischen Republik. Vor mir im Publikum saß damals sogar Walter Ul-bricht. Aber hinter mir? Wieder nur ein großes Tanzorchester und um mich herum schon wieder dieser monströse rote Samtvorhang. Schon wieder einmal keine richtige Kulisse.

Warum diese penetrante Sehnsucht nach Kulissen? Das kann ich erklären. Ich wollte als junger Jugendlicher unbedingt Schauspieler werden. In mir schlummerte sicher ein grandioser Hamlet. Auch vor einem von mir gespielten Romeo sollte sich das Publikum in Ehrfurcht verneigen. In den „Leiden des jungen Werther“ hätte mir das Auditorium zu Füßen gelegen. Das Zusammenspiel mit den Schauspielkollegen wäre sicher auch ein Höhepunkt gewesen. Doch was mich am meisten antrieb: In einem Theaterbetrieb kommt man nicht ohne Kulissen aus. Ich wollte, vom Regisseur intelligent inszeniert, durch eine Kulissentür die Spielfläche verlassen ,um dann in Sekundenschnelle aus einem Kulissenfenster einen sehr langen Monolog zu sprechen und dann nach Beendigung des Monologes sofort wieder durch die Kulissentür auf der Spielfläche zu erscheinen. Ich wollte mit den Kulissen spielen aber auch die Kulissen sollten mit mir spielen. Ich erhoffte eine kongeniale Partnerschaft.

Ein einziges Mal durfte ich dann doch „Theaterblut“ lecken. Und zwar im damaligen „Theater für junge Zuschauer“ in Magdeburg. Der Regisseur Ernst-Frieder Krachtochwil besetzte mich sogar mit einer Hauptrolle. Ich war 15 Jahre alt und durfte den „Tom Sawyer“ geben. Ich freute mich sehr auf diese Rolle. Doch noch mehr freute ich mich auf die opulenten Kulissen. Eine Westernstadt! Mit Saloon und Sheriffoffice. Alles original nachgebaut. Doch ich wurde bitter enttäuscht. Diese „Westernstadt“ bestand nur aus grauen mit stoffbespannten Holzrahmen. Hier mal eine Tür reingeschnippelt. Da mal ein Fenster. Das einzig farbige auf der Bühne waren die geschminkten Gesichter der Schauspieler.

Doch wer immer klagt wird ewig leiden. So ist denn gut, wenn man Freunde hat. Noch besser ist es, wenn man gute Freunde hat. So bekam ich nach einer sehr einschneidenden künstlerischen und finanziellen Krise im Jahr 2009 noch einmal die Gelegenheit als Schauspieler zu wirken. Gisela Begrich und Bernd Kurt Götz von der „Compagnie 09 e.V.“ besetzten mich im damaligen Sommertheater: „Zum Himmel hoch“! Ich durfte mehrere Rollen spielen. Unter anderem zusammen mit dem leider zu früh von uns gegangenen Ekke Schwarz. Dieses Stück war ein grandioser Erfolg. Mehrere tausende Zuschauer rannten uns die „Bude“ ein.

Das lag natürlich am hervorragend geschriebenen Buch von Götz und an der subtil geführten Regie von Gisela Begrich. Doch auch an der „Bude“. Diese von mir despektierlich bezeichnete „Bude“ war der Magdeburger Dom. Dieses Stück: „Zum Himmel hoch“! war eine Homage an die Grundsteinlegung des neuen Doms vor 800 Jahren. Man sollte sich in bescheidener Eitelkeit nicht selbst beschreiben – aber ich mach es einfach. Ich hatte in diesem Stück auch einen solistischen Part. Ich, ganz allein auf dieser großen Bühne. Kein Samtvorhang. Kein Tanzorches-ter. Doch ich hatte den Dom! Als Kulisse! Der Dom und ich nur zu zweit! Eine schönere und bessere Kulisse werde ich wohl nie wieder hinter mir haben.

Ach! Und eines noch! 1520, also vor etwa 500 Jahren war dieser Magdeburger Dom vollständig errichtet. So richtig mag ich das nicht glauben. Man baut heute noch. Und das ist auch gut so! | Frank Hengstmann

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