Hengstmanns andere Seite: Amazon-Nass

Der Amazonas ist einer der längsten Flüsse auf dieser Erde. Er schlängelt sich 6.575 Kilometer durch das nördliche Südamerika und mündet dann in den Atlantik. Soweit die geographische Beschreibung dieses Naturwunders. Doch die Weltkarte muss neu gezeichnet werden. Gewaltige Ausläufer dieses Stroms sind bereits in Europa, auch und vor allem in Deutschland angekommen.

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Um es einmal vorsichtig zu formulieren: Amazon macht nass! Und zwar die vielen Geschäfte in den großen Städten. Kaum jemand geht noch einkaufen in diesen Läden. Gerade jetzt vor Weihnachten. Sicherlich ist es schön und auch sehr bequem, einfach auf Amazon zu klicken um zu bestellen was das Herz begehrt und die Kreditkarte zulässt. Kein stressiges Umhergerenne von Geschäft zu Geschäft, um die Weihnachtsgeschenke für die Lieben zu besorgen.
Doch auch diese Medaille hat wie immer im Leben zwei Seiten. Natürlich ist es schön, wenn der Paketbote an der Wohnungstür läutet und die bestellten Geschenke bringt. Der Paketbote ist quasi der Weihnachtsmann 2.0.

Doch wie schon erwähnt, in den Geschäften herrscht eine fast stoische Ruhe. Die Verkäufer langweilen sich, stehen völlig unmotiviert einfach nur rum. Sehr oft am PC. Ich habe die dunkle Ahnung: Sie bestellen sich was bei Amazon. Magdeburg hat statistisch errechnet die größte Einkaufsfläche pro Einwohner. Und einige gehen auch hin. Also auf die Einkaufsfläche. Aber sie kaufen eben nichts. Sie gucken bloß. Das erinnert mich sehr an den Intershopeffekt von früher. Summa Summarum: Der Internethandel ist der Totengräber des Einzelhandels. Immer mehr Geschäfte müssen schließen, weil einfach der Umsatz fehlt. Die Innenstädte werden immer mehr zu Geisterstädten. Überall nur noch leere Läden. Nur eine Branche boomt! Die Druckereien. Und zwar die, welche die Schilder drucken: Wegen Geschäftsaufgabe geschlossen.

Ich will hier nicht sagen: Früher war alles besser. Und noch früher war alles noch besser. Wieder einmal erinnere ich mich an meine Kindheit. Da war doch noch Bewegung in der Familie so kurz vor Weihnachten. Meine Mutter und meine Oma rannten nach getaner Arbeit, welche den Aufbau des Sozialismus stärken sollte, mit geballter Kraft durch die Geschäfte, um die ersehnten Geschenke, vor allem für uns Kinder, im wahrsten Sinne des Wortes zu „erstehen“. Vor den Einkaufsläden bildeten sich oft meterlange Schlangen. Die Folgen dieses Stehens war sehr oft eine rote Nase und kalte Füße. Es war ja schließlich Winter. Aber irgendwie gelang es den Damen irgend etwas zu ergattern, damit Weihnachten auch Weihnachten bleibt.

Meine Mutter hatte, was mein Geschenk zu Weihnachen betraf, immer ein gutes Händchen. Sie nahm mich an die Hand und ging mit mir zu „Ehmann“. Ehmann war das einzige Spielwarengeschäft in Magdeburg. Große Diesdorfer Straße, Ecke Steinigstraße. Wir öffneten die Tür dieses Ladens. Ich bin heute immer noch der Meinung, das Dieter Hallervorden dort auch eingekauft hat. Die Türglocke ertönte mit einem nicht überhörbaren: Palim Palim!. Ja, und dann! Ich war im Paradies. So viele tolle Spielsachen! Ich konnte mich nie richtig entscheiden. Am liebsten hätte ich alle mitgenommen. Doch auf Grund der oft herrschenden Leere im Geldbeutel der Familie musste ich mich immer für ein Spielzeug entscheiden.

Dann aber kam der Satz meiner Mutter, der mir heute noch im Ohr klingelt. Sie sagte: Das, war wir eben gekauft haben, musst du ganz schnell wieder vergessen, sonst kannst du dich am Heiligabend nicht mehr freuen über das Geschenk. Ich gab mir jedes Jahr die größte Mühe, um zu vergessen. Es ist aber nie gelungen.

Insgeheim kaufte meine Mutter noch andere kleine Kleinigkeiten um uns Kinder zu Weihnachten zu überraschen. Sie versteckte diese Überraschungen so perfekt, das sie sie am Heiligabend nicht wieder fand. Sehr oft fand sie die für Weihnachten gedachten Geschenke erst zu Ostern wieder. Also fiel Weihnachten und Ostern für mich auf einen Tag.

Der größte Stress zu Weihnachten waren eigentlich nicht die Geschenke. Nein! Es war der Kauf eines Weihnachtsbaums. Der einzige Platz in Magdeburg wo man einen Weihnachtsbaum „erstehen“ konnte, war der leere Platz in Nähe des Hauptbahnhofes, genau da, wo heute das „City- Carré“ auf Grund des Tunnelbaus und Amazon die Elbe runtergeht. War der willige Käufer eines Weihnachtsbaums endlich Erster in der Schlange, bekam er nur noch Geäst, welches irgendwie an einen Baum erinnern konnte. Mein Vater, ein gelernter DDR-Bürger, erwarb dann immer zwei dieser Krüppelfichten und handelte nach der Devise: Aus zwei mach einen! Mit einem Nagelbohrer bohrte er passende Löcher in den einen Stamm und schnitt dann die Zweige des anderen Baumes ab und steckte sie in die Löcher des Baumes, welcher zum Weihnachtsbaum erhoben war. Ja, ja! Damals war’s! Und heute? Wir werden mit Nordmanntannen überhäuft.

Um noch einmal auf Amazon zurückzukommen. Ich hätte da eine neue Geschäftsidee für Amazon. Da am Lauf des Amazonas viele Bäume gefällt werden, um Platz zu schaffen. Warum verkauft Amazon diese gefällten Bäume nicht zu Weihnachten. So eine welke Palme im Wohnzimmer sieht doch auch nicht schlecht aus. Ein bisschen Lametta drauf, ein paar Glaskugeln dran gebammelt und schon kommt doch Stimmung auf. Ich wünsche Ihnen, je nach Konfession, ein besinnliches oder gesegnetes Weihnachfest.