Hengstmanns andere Seite: Die keine Kneipe in unserer Straße

Nein! In die Überschrift hat sich nicht der Dreckfühlerteufel… äh… der Druckfehlerteufel eingeschlichen. Eine kleine Kneipe ist natürlich eine Kneipe. Wenn aber die kleine Kneipe gar keine kleine Kneipe mehr ist, dann ist nach aller Logik eben eine keine Kneipe mehr. Ursächlich für diesen doch etwas verwirrenden Gedankengang ist Kneipensterben in Magdeburg. Warum ist das so? Wahrscheinlich siegte wieder einmal die Ökonomie über den Kneipendurst. Sehr viele ehemalige Kneipengänger sind aus pekuniären Gründen zum Heimsprudler geworden.
Ich war eigentlich nie ein Kneipengänger. Doch halt! Ich muss bei der Wahrheit bleiben. Ich war oft in Kneipen, aber als Kind. Meine kindliche Heimstadt war damals die Immermannstraße. Rund um diese Straße stillten vier Bierlokale den Durst der Dürstenden. Ecke Olvenstedter Straße hatte die „Löwenschenke“ ihr Domizil. Ecke Goethestraße gab es das kleine nicht so feine Lokal „Der hohe Tritt“. Die Parallelstraße ist die Friesenstraße. Dort öffnete das „Friesen-Eck“ dem Biertrinker seine Pforte. Und nicht zu vergessen die Gaststätte „Denker“. Goethestraße / Ecke Steinigstraße.

Ich dachte damals Stadtfeld sei die heimliche Hauptstadt der Kneipenlandschaft. Als Kind betrachtete ich immer das lärmende Schauspiel, wenn der Lastwagen mit den Bierfässern zum Beispiel vor der „Löwenschenke“ stand und kräftige Männer mit riesengroßen Lederschürzen die Bierfässer über die Straße rollten und über eine Rutsche im Keller, also im Bierkeller, polternd verschwinden ließen und dann die leeren Fässer unter größten Mühen über eine Kellertreppe wieder nach oben schleppten.

Aber warum war ich als Kind oft in diesen Kneipen. Mein von mir überaus geliebter Vater trank zum wohlverdienten Feierabend das eine und manchmal das andere Bierchen. Nun war es aber so, dass Flaschenbier, welches in der Kaufhalle angeboten wurde, hatte, um es mal vorsichtig zu formulieren, nicht immer die erwartete Bierqualität. Es entwickelte sich ein Ritual besonderer Art. Jede Flasche Bier, die man zu kaufen gedachte, wurde vom potentiellen Käufer aus dem Bierkasten genommen und auf den Kopf gestellt. Der Biertrinker wollte mit dieser Maßnahme überprüfen wie viele Zusatzstoffe sich in der Flasche befanden. Manchmal explodierte dabei die eine oder andere Flasche. Da wurde mir klar: Alkohol kann schädlich sein. Mein lieber Vati wollte aber auf den feierabendlichen Biergenuss nicht verzichten und so schickte er mich mit einem Bierkrug in die Kneipe. Dieser Krug hatte eine Besonderheit. Er war ein Originalbierkrug aus dem Brauhaus Nürnberg. Wenn ich mit diesem Krug die Kneipe betrat, richteten sich viele, schon bierglasige Augen, auf meinen Krug. Einige wollten mir dieses Erbstück sogar für viel Geld abkaufen. Das konnte ich nicht tun, denn dieser Krug gehörte ja nicht mir, sondern meinem Vati. Auf dem Weg von der Kneipe nach Haus nahm ich heimlich den einen oder anderen Schluck Bier. Das hatte zur Folge, dass mein Vati sich jedes Mal darüber beschwerte, dass ihn der Wirt wieder mal beschissen hätte.

Das Flaschenbier wurde in der Brauerei Hadmersleben gebraut, und dieses Bier hat mir geschmeckt. Ich musste deshalb das Ritual des Hochhebens nicht vollziehen. Die Kneipe „Denker“ war für mich immer so eine Art Gaststätte der „Deutsch-Sowjetischen-Freundschaft“. Am Tresen standen russische Offiziere und ließen sich es richtig gut gehen. Ich begrüßte sie immer freundlich und sagte „Dobri Wetscher“. Doch kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Sie tranken ohne mit der Wimper zu zucken ein Glas Wodka „Sto Gram“ nach dem nächsten. Einmal lud mich ein russischer Hauptmann zu einem Glas „Sto Gram“ ein. Erst zögerte ich, aber ich wollte die Gastfreundschaft nicht in Zweifel ziehen. Ich trank. Wie ich unbeschadet nach Hause gekommen bin, habe ich nie erfahren.
Aber zum Schluss noch mal zum Hier und Heute: Eine Stadt wie Magdeburg mit ca. 240.000 Einwohnern braucht Kneipen, Gaststätten und Restaurants. Sie sind doch auch irgendwie Tempel der Kommunikation. Man sollte wieder mehr miteinander reden. Auch wenn es in einer Bierlaune ist.

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