Dienstag, Juli 5, 2022
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Hengstmanns andere Seite: Oh! Du mein Machteburch

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Trotz fortgeschrittenem Alter ist die Erinnerung in mir immer noch wach. Immer wenn Oma oder Opa Geburtstag hatten, sie wohnten in der Torgauer Straße, gab es ein ganz bestimmtes Ritual. Natürlich gab es Kaffee und Kuchen. Aber es wurde auch laut, tonal oft nicht ganz astrein, gesungen. Das erste Lied war jedes Mal die damalige Hymne der Stadt Magdeburg. „Oh, du mein Machteburch! Da fließt die Elbe durch! Da fließt die Elbe durch mein Machteburch!“ Mit Einnahme des einen oder anderen Schnäpschens änderten sich dann die Lieder und vor allem die Texte, die ich als Kind damals noch nicht so richtig verstand.

Und heute denke ich, das war auch gut so! Doch Oma und Opa und meine Eltern waren aus vollem Herzen irgendwie stolz darauf Magdeburger zu sein. Obwohl diese Stadt nach diesem „Scheißkrieg“ immer noch an vielen Stellen in Schutt und Asche lag. Die Devise vieler Magdeburger war doch: Wir bauen die Stadt wieder auf! Und das mit einem heute nicht mehr zu begreifenden Tempo. Denn hier lässt mich meine Erinnerung im Stich.

Ich bin im Jahr 1956 in Magdeburg geboren. Mit vier Jahren durfte ich einen der damals sehr knappen Kindergartenplätze mit meiner täglichen, also wöchentlichen Anwesenheit erfreuen. 1962 wurde ich in die Maxim-Gorki-Schule „eingeschult“. Aber kann mich heute nicht an Ruinen erinnern, die meinen Gang zur Schule mental beschwerlich machten.

Allerdings muss ich zugeben: Ich bin ungern in die Schule gegangen. Wahrscheinlich wie jedes Kind in meinem Alter. Also in die Maxim-Gorki-Schule. Wobei: Diese Magdeburger Bildungseinrichtung hatte Flair. Roter Backstein. Diese riesigen Fenster und schweren Klassenzimmertüren. Die langen Flure. Heute denke ich oft: Man hätte den UFA-Film: „Die Feuerzangenbowle“ auch in diesem Gemäuer drehen können. Ich bin mir aber nicht sicher, ob der sehr von mir verehrte Heinz Rühmann Magdeburg überhaupt gefunden hätte. In den heutigen Zeiten ist meine Schule aber keine Schule mehr. Jetzt ist meine ehemalige Schule zu einem Alten- und Pflegeheim umfunktioniert worden. Wenn eines Tages mir das Stündlein schlägt, möchte ich meinen Lebensabend in meiner Schule verbringen. Na, was denn! Da kenn ich mich aus. Ich weiß dann noch, wo sich das Chemie- und Physikkabinett befanden. Und vor allem werde ich das Klassenzimmer wieder erkennen, in dem Staatsbürgerkunde unterrichtet wurde.
Aber diese Gedankengänge sind Utopie. Ich hoffe und wünsche mir: Noch sehr lange! Doch zurück zu meiner Stadt. Sehr böse Zungen behaupteten damals: Die Stadt Magdeburg wurde im Laufe seiner Geschichte dreimal total zerstört. 1631 im dreißigjährigen Krieg. Dann am19. Januar 1945 und danach durch die sozialistischen Städteplaner. Die Wilhelm-Pieck-Allee glich fast im Detail der Stalin-Allee in Moskau. Erst 1951 begann man den total zerstörten Breiten Weg wieder zu errichten. Ach, der Breite Weg! Diese Barockstraße war in fast jedem Kunstkatalog abgebildet und somit in der ganzen Welt bekannt. Zwei Barockhäuser auf dem Breiten Weg sind heute noch Zeitzeugen dieser Pracht. Anders wie in Warschau, wo die polnischen Architekten die historischen Fassaden wieder unter großen Anstrengungen zu alter Schönheit verhalfen, baute man auf dem Breiten Weg Betonklötze in die vom Bombenhagel zerstörten Lücken. Übrigens: Wussten Sie, dass dieser berühmte Breite Weg in Magdeburg Namenspate für den Broad-way in New York war. Ja! General von Steuben fuhr 1777 mit dem Schiff nach Amerika. Als er damals ankam in New York, war New York so groß wie heute Barleben.

Aber New York hatte zu dieser Zeit auch schon einen „Breiten Weg“. Und Steuben sagte zum amtierenden Bürgermeister: „Hey! Mister Bürgermeister! We have in Mägdebürg auch einen „Breiten Weg“! Seit diesem Tag trägt diese große, breite Straße in New York den Namen „Broadway!“ Allerdings als die Stadtväter Magdeburgs den „Breiten Weg“ in „Karl-Marx-Staße“ umbenannten, da haben die Amis nicht mitgezogen. Doch jetzt nach der ganzen Finanzkrise, dieser unsäglichen Globalisierung, denken die Amis drüber nach, die „Wallstreet“ in „Karl-Marx-Straße“ umzu- benennen. Also! Unsere Stadt strahlt weiter Impulse in die Weltwirtschaft aus. Und wenn man Magdeburg mal auf der Landkarte betrachtet: Magdeburg muss man einfach lieben. Wir sind nämlich das Herz Deutschlands.

Gut! Wir brauchen noch den einen oder anderen Herzschrittmacher. Aber ich bin mir sicher! Der Oberbürgermeister dieser Stadt, Dr. Lutz Trümper, hat die Ladegeräte für Akkus der Herzschrittmacher längst an der Bürokratie der Landespolitik vorbei irgendwo gebunkert! | Frank Hengstmann

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