Montag, November 28, 2022

Heute schon gekifft?

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Von Prof. Dr. Gerald Wolf

Viele Diskussionen gibt es um das Für und Wider des Kiffens. Eine ganz harmlos aussehende Pflanze ist es, der Hanf (Cannabis sativa, Cannabis indica), um die es dabei geht. Von Hasch ist die Rede, von Marihuana und Gras, gebrixtem oder auch nicht gebrixtem, von Joints und Cannabiskeksen, von Cannabidiol und Tetrahydro-Dingsbums (kurz: THC), von cannabisbedingten Verhaltensänderungen und Hirnschäden, aber auch von den guten Seiten des Rauschmittels, von Verbot und Erlaubnis, von Entfaltungsfreiheit versus staatlicher Bevormundung. Wer, fragt man sich, blickt da noch durch? Seit alters werden Hanffasern verwendet, um daraus Seile herzustellen, mit denen man Schiffe vertäut oder Wäsche daran aufhängt. Oder Delinquenten. Oder Menschen sich selbst. Heutzutage aber dreht sich alles um die Inhaltsstoffe der Hanfpflanze und deren Abkömmlinge, Cannabinoide genannt. 117 verschiedene Derivate wurden bisher gezählt. Die meisten sind ganz harmlos, einige wenige aber verändern unser Seelenleben, so das Delta-9-Tetrahydrogencannabinol (THC) und das Cannabidiol (CBD).
Cannabis, Hanf also, wird in den unterschiedlichs-ten Kulturen seit langem schon als Beruhigungs- und Betäubungsmittel verwendet. Seine Rauschwirkung wurde in Europa erst im 19. Jahrhundert bekannt, und seitdem wird der Hanf auch als Droge gebraucht. Beginnend mit den 70er Jahren zunehmend. Laut Epidemiologischen Suchtsurvey des Bundesgesundheitsministeriums haben innerhalb der letzten zwölf Monate des Jahres 2018 fast 3,7 Millionen Menschen in einem Alter zwischen 18 und 64 Jahren − 7,1 Prozent der Gesamtbevölkerung also − mindestens einmal Cannabis konsumiert.

Warum?
Häufig ist der durch den Cannabiskonsum erzeugte Rausch von Euphorie gekennzeichnet. Man fühlt sich „high“ und das bei emotionaler Gelassenheit. Übliche Denkmuster treten in den Hintergrund, stattdessen prägen neuartige Ideen und Einsichten das Denken, verbunden mit starken Gedankensprüngen. Was vor wenigen Minuten passierte, gerät in Vergessenheit. In der Gemeinschaft wird dies oft als amüsant erlebt. Die Wahrnehmung ist intensiviert, vor allem die für das ansonsten Nebensächliche. Die Zeit scheint langsamer zu verstreichen, und das Gemeinschaftserleben gewinnt an Intensität. Oft verbunden mit Albernheit. Man hat das Gefühl, sich besser in den Anderen versetzen zu können. Das Herz schlägt schneller, und das bei wohliger Entspannung, verlangsamten Bewegungen und einem wundervollen Gefühl der Leichtigkeit. Insbesondere Schmerzpatienten profitieren vom Cannabiskonsum.
Alles fraglos positiv, was soll daran schlecht sein? Mitunter aber entstehen statt Euphorie Angst, ja, Panikgefühle, Verwirrtheit und Verfolgungsideen. Bis hin zum „Horrortrip“. Aus Gedankensprüngen resultiert ein uferloses Durcheinander im Kopf, man kann keinen klaren Gedanken mehr fassen, verliert die “Peilung” oder steigert sich in fixe Ideen. Erinnerungslücken treten auf, „Filmrisse“, Überempfindlichkeit, auch Halluzinationen.
Konsumenten fühlen sich dann in „ihrem eigenen Film gefangen“, manche erleben sich als ausgegrenzt, können sich nicht mehr mitteilen. Mitunter kommt es zu Herzrasen, Übelkeit und Schwindel, sogar zum Kreislaufkollaps. Bedenklich auch sind die durch regelmäßigen Cannabis-Konsum nicht selten ausgelösten Rückzugstendenzen. Dann steht man den Aufgaben des Alltags in Schule, Beruf und Familie gleichgültig gegenüber, und nicht nur die Konsumenten selbst, sondern auch die Anderen sind die Betroffenen. Womöglich sogar vor allem.

Cannabis hin, Cannabis her
Jeder, der mal anfängt, einen Joint zu rauchen oder das „Gras“ in Kekse einbäckt und diese dann isst, wird überzeugt sein, nicht sogleich in eine Abhängigkeit zu geraten. Und genau diese Hoffnung trifft auf jeden Abhängigen zu, der eben „das Zeug“ nur mal probieren wollte, allzumal in Gesellschaft mit anderen. Dort heißt es, Cannabis sei viel weniger gefährlich als Alkohol oder gar die weit härteren Drogen wie Crystal (Methamphetamin), Kokain oder Heroin. Das stimmt, keine Frage. Nachweislich aber ist Cannabis für viele Crystal-, Kokain- oder Heroinsüchtige einst die Einstiegsdroge gewesen. Doch darf das Risiko, von Cannabisprodukten abhängig zu werden, nicht geringgeschätzt werden. Dabei ist die Gefahr nicht für jeden gleich groß. Ausschlaggebend sind am ehes-ten psycho-soziale Faktoren. Depressionen zum Beispiel, Misserfolg in der Schule oder im Arbeitsprozess, Ärger mit dem Partner oder dem Vorgesetzten erhöhen das Risiko, eines dieser Hanfprodukte nach Art einer Selbstmedikation zu gebrauchen. Weniger ist es dann die Substanz, die süchtig macht, sondern deren Potenz als „Problemlöser“. Jugendliche, denen tüchtig zu sein nicht so liegt, sind besonders gefährdet. Den Ausstieg zu meistern, mag dem einen leichter fallen als dem anderen. Dabei tut es eine schroffe Abkehr im Allgemeinen eher als das Bemühen, den Cannabis-Konsum Mal um Mal zu reduzieren. Das kennt man ja auch vom Alkoholmissbrauch her.
Immerhin gibt es bei uns in Deutschland Cannabisprodukte seit einiger Zeit auch auf Rezept. Wie in manchen anderen Ländern, die sich zunächst ebenfalls gesträubt hatten, das Rauschmittel freizugeben. Obschon immer nur für besondere Fälle. Seit längerem profitieren Spastiker und Patienten mit multipler Sklerose davon. Mit dem Jahr 2017 können zum Beispiel auch Schmerz- oder Krebspatienten Arzneimittel auf der Basis von Cannabis per Rezept beziehen, sofern der Arzt Nutzen und Risiko des Arzneimittels für den Patienten hinreichend geprüft hat. In der Regel ist der Medizinische Dienst (MD) bei der Beurteilung des Leistungsanspruchs hinzuzuziehen. Dazu gab es eine fünfjährige Begleitstudie des Gemeinsamen Bundesausschusses, die im März dieses Jahres endete. Mit einer Freigabe entsprechender Mittel für den ambulanten Bereich wird demnächst gerechnet.

Was sagt die Hirnforschung dazu?
Seit den 1970er Jahren wird der Frage nach cannabisbedingten Hirnschäden nachgegangen. Dem derzeitigen Kenntnisstand zufolge sind substantielle Hirnschäden nicht nachweisbar. Anders die Hirnleistungsfähigkeit, sie leidet mit zunehmender Dauer und Intensität des Konsums. Dies macht sich in Form schlechterer Lern- und Gedächtnisleistungen bemerkbar. Zum Glück verbessern sie sich relativ rasch, wenn mit dem Kiffen aufgehört wird. Zur Zeit ist schwerlich zu sagen, ob dabei dennoch kleinere Beeinträchtigungen übrigbleiben, die auf dauerhafte Hirnschädigungen zurückgehen.
Für die Hirnforschung besonders interessant sind die Wirkmechanismen, die durch Cannabis angestoßen werden. Obzwar sich so manche Effekte von Alkohol und Cannabis sehr stark ähneln, wirken die Inhaltsstoffe von Cannabis nur auf ganz wenige Schaltstellen im Gehirn ein, der Alkohol hingegen nahezu unterschiedslos auf alle nur möglichen. Mit „Schaltstellen“ sind Synapsen gemeint, Kontaktstrukturen also, die zwischen den Nervenzellen vermitteln. Sie bedienen sich spezieller chemischer Substanzen, Transmitter genannt, die von vorgeschalteten Nervenzellen freigesetzt werden und als Informationsvermittler auf der Gegenseite an speziellen Molekülen (Rezeptoren) andocken. Für die Wirkung von Cannabis-Inhaltsstoffen sind bislang nur zwei Rezeptormoleküle bekannt, CB1 und CB2 genannt. CB1-Rezeptoren spielen vor allem im Gehirn eine Rolle, CB2-Rezeptoren im Immunsystem. Auf diese Rezeptormoleküle wirken körpereigene Schlüsselmoleküle ein, die Endocannabinoide. Im Gehirn beeinflusst das Endocannabinoid-System die Schmerzverarbeitung, das Schlafverhalten, die Appetitregulation sowie Emotionen und mit ihnen die Stimmungslage. So weit, so gut, wenn alles im Normbereich bleibt, indem das Gehirn für die richtigen Verhältnisse selbst sorgt. Anders, wenn der Mensch das Endocannabinoid-System von außen her durch Cannabiskonsum aushebelt.

Cannabis freigeben oder nicht?
Wie so oft ist der Autor auch in diesem Fall für einen Volksentscheid. Vorzugsweise einen, bei dem die Teilnehmer per Testat Sachkenntnis auszuweisen haben. Politiker ausgenommen. Und wie denken Sie darüber, verehrte Leserin, verehrter Leser?

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