Hexen, Henker und Widerstand

Ein Besuch anlässlich des 75. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald. Eine Spurensuche in der Gedenkstätte auf dem Ettersberg. | Von Josephine Schlüer

Er legte die Leiche für eine Nacht unter sein Bett nachdem er gemordet hatte. Martin Sommer verwaltete das Arrestgebäude im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald und war als Sadist bekannt. Dieses Gefängnis im Gefängnis mit den abgedunkelten Fenstern wurde unter den KZ-Häftlingen der „Bunker“ genannt. Wenige verließen ihn lebend. Irgendwann wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Dann hört auch das Erinnern an die Verbrechen der Nazizeit auf. Niemand kann sich schließlich an etwas erinnern, was er nicht selbst erlebt hat. Gedenken aber ist für alle jederzeit möglich. Dabei hilft, neben vielen anderen, Dr. Silvio Kobel aus Altenweddingen. Er ist Historiker und führt Besuchergruppen durch das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald.

Auf dem Ettersberg in Weimar ist es kalt und neblig. Die Umgebung wirkt, als hätte jemand die Farben ausgeknipst. Die Buchen um die Gedenkstätte sind weiß mit Raureif überzogen, so auch die Drähte des einst mit 380 Volt geladenen Stacheldrahts, der einigen Häftlingen als letzte Zuflucht diente. Unsere Gruppe ist mit vier Teilnehmern, Dr. Kobel eingeschlossen, überschaubar. Wir beginnen den Rundgang auf dem Carachoweg. SS-Wachmänner hetzten neue Häftlinge „mit Caracho“ hier entlang, misshandelten sie dabei nach Belieben mit Tritten und Schlägen. Die Gefangenen sollten eingeschüchtert sein noch bevor sich das eiserne Tor mit der Inschrift „Jedem das Seine“ hinter ihnen schloss. „Verängs-tigte Häftlinge sind fügsamer“, sagt Kobel. Seit seiner frühen Jugend beschäftigt er sich aus privatem Interesse mit dem Dritten Reich, studierte nach dem Abitur Geschichte in Magdeburg. Sieben Mal reiste Kobel in den letzten zehn Jahren mitunter für seine Doktorarbeit nach Israel. Dort und später auch in Deutschland knüpfte er Kontakte zu Holocaust-Überlebenden. „Bis heute besteht da oft noch herzlicher Kontakt“. Hannah Pick-Goslar, Anne Franks beste Freundin, sei eine gute Bekannte. „Es bedeutet mir wahnsinnig viel, diese Menschen kennen zu dürfen“.

Kleines Bild rechts: Dr. Silvio Kobel aus Altenweddingen ist Historiker und führt Besuchergruppen durch das ehemalige Konzentrations-lager Buchenwald. Großes Foto oben: Das Krematorium des KZ Buchenwald. Fotos: Josephine Schlüer

Vom Carachoweg aus sind es nur wenige Schritte zum Zoo, der sich direkt neben dem Lager in Sichtweite der Häftlinge befand. Heute existiert nur noch der Bärenzwinger, da wo sich SS-Wachleute in der Freizeit mit ihren Frauen und Kindern amüsierten. Entlang des Stacheldrahtzauns nähern wir uns dem Torgebäude mit dem Arrestblock. Wo jetzt Stille herrscht, ertönten einst Schreie, laut genug, um die KZ-Häftlinge draußen auf dem Appellplatz während des stundenlangen Strammstehens in Angst und Schrecken zu versetzen. Arrestverwalter Martin Sommer trug die Verantwortung im sogenannten „Bunker“. Er erhielt wegen seiner Vorliebe für schwarze Handschuhe den Spitznamen „Henker von Buchenwald“. Sein damaliges Dienstzimmer befindet sich neben dem Trakt mit den nach links und rechts abgehenden Arrestzellen. Besagtes Bett und Folterutensilien sind ausgestellt, darunter der Prügelbock, auf dem SS-Wachmänner Häftlinge vornüber festschnallten und sie mitunter peitschten bis sich die Haut an Rücken und Gesäß abschälte.

Sommer nutzte seine Machtposition schamlos aus; er hängte Gefangene eigenhändig an Heizkörper oder Fensterkreuz auf, ließ sie verhungern. Er prügelte seine Opfer mit einem Dreikant-Eisen zu Tode oder spritzte ihnen wahlweise Phenol oder Luft in die Venen. Abends legte er sich bevorzugt mit einer der Leichen unter seinem Bett schlafen.
Das Landgericht Bayreuth erhob 1955 Anklage gegen den Arrestverwalter wegen 67 nachgewiesenen Morden sowie mehrerer Hundert schwerer Körperverletzungen mit Todesfolge. Er wurde zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt, aufgrund seiner schlechten körperlichen Verfassung infolge einer Kriegsverletzung jedoch vorzeitig in ein Sanatorium entlassen. Gnade für einen Massenmörder, Hohn für seine Opfer.

Die sogenannte „Hexe von Buchenwald“ kam weniger glimpflich davon. Ilse Koch war die Frau des Lagerkommandanten Karl Otto Koch, der bis 1943 in Buchenwald das Sagen hatte. Sie genoss es, mit ihrem Pferd durch das Lager zu reiten, dabei auf Häftlinge mit der Reitpeitsche einzuschlagen oder wahllos Befehle zum Töten zu erteilen. Während der Dachauer Prozesse war sie die einzige Frau unter den Angeklagten. Der damalige Richter Karl Morgen beschrieb Ilse Koch als „perversen, mannstollen, machtbesessenen Dämon“. Dass sie Lampenschirme aus Menschenhaut in Auftrag gegeben haben soll, wurde nicht ausreichend bewiesen. Auch Koch wurde zu einer lebenslänglichen Haftstrafe verurteilt. Sie erhängte sich 1967 in ihrer Zelle im Frauengefängnis Aichach, nachdem jedes ihrer Gnadengesuche abgelehnt wurde.

Die Details der Verbrechen sind verstörend und müssen dennoch erzählt werden. Letztendlich reicht das Wissen nicht aus, dass irgendwo irgendwann „etwas Schlimmes“ passiert ist. Durch die Arbeit der Gedenkstätte Buchenwald wird das Grauen fassbar. Hexen und Henker gab es schließlich unzählige im Dritten Reich, innerhalb und außerhalb der Konzentrationslager, auch viele Zuschauer und Weggucker. Millionen Kinder, Frauen und Männer waren dieser Willkür über Jahre hinweg schutzlos ausgeliefert.

Als wir durch das eiserne Tor auf den Lager-Appellplatz treten, sind meine Zehen taub vor Kälte. 19 Stunden soll das längste dokumentierte Strafestehen in Buchenwald bei minus 15 Grad gedauert haben, unvorstellbar. Wie eine Geisterstadt liegt das Lager im Nebel, heute mit wenigen Gebäuden und dafür umso mehr Fundamenten. Zwei Wachtürme stehen noch, ebenso wie die Häftlingskantine und das Kammergebäude, in dem sich jetzt das Museum zur Geschichte Buchenwalds befindet. Der Schornstein des Krematoriums ragt weiter in die Höhe, die Türen der Brennöfen stehen offen, so auch die der hellgelb gefliesten Pathologie, wo SS-Ärzte den Toten in vorbildlicher Effizienz die Goldzähne zogen, bevor deren Leichname verbrannt wurden.

Für die Dauerausstellung „Ausgrenzung und Gewalt“ bleibt uns kaum Zeit, wenn wir das Mahnmal noch im Tageslicht besichtigen möchten. Während wir uns zügig durch die Ausstellungsräume bewegen, bleibt mein Blick an einer scheinbaren Lumpe hängen, ein notdürftig zurechtgeschneiderter Brotbeutel, wahrscheinlich der am besten gehütete Besitz der Häftlinge. Die klägliche Tagesration wurde aus Angst vor Diebstahl zu jeder Tages- und Nachtzeit am Körper getragen. Denn die Gefangenen waren immer ausgehungert. In einer anderen Vitrine entdecke ich den Text des von Gefangenen komponierten Buchenwaldliedes und die Passage: „Und wir tragen im Brotsack ein Stückchen Brot und im Herzen, im Herzen die Sorgen…“

Es geht weiter zum Südhang des Ettersbergs, wo die DDR-Regierung ab 1954 die „Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald“ errichten ließ. Das monumentale Denkmal sollte sinngemäß den Weg vom Tod ins Leben weisen, an dessen Ende sich der hohe Glockenturm als Symbol der Freiheit und des Lichts präsentiert. Zunächst nehmen wir die abwärts führende Treppe, die von sieben aufeinanderfolgenden Stelen begleitet wird und die Geschichte des Lagers erzählen, von der SED interpretiert, mit Fokus auf den kommunistischen Widerstandskampf. Jede Stele entspricht symbolisch einem Jahr Lagergeschichte. Die Amerikaner als Klassenfeind, die das Lager am 11. April 1945 befreit hatten, treten auf keinem der Steinreliefe in Erscheinung, ebenso wenig wie der Holocaust. Die nationalsozialistische Vergangenheitsbewältigung spielte für das Gedenken in der DDR eine untergeordnete bis gar keine Rolle. „Das Problem war einerseits, dass der Blickwinkel eindimensional auf den Widerstand fokussiert war und dadurch teils unabsichtlich, teils auch sehr bewusst ganz essenzielle Dinge der Lagergeschichte vernachlässigt oder verschwiegen wurden und andererseits, dass im “antifaschistischen Widerstandskämpfer“ von Buchenwald der Typus einer lupenreinen Heldenfigur kreiert wurde, die es so nicht gegeben hat“, sagt Silvio Kobel.

Den Widerstand selbst bewertet er allerdings als „außerordentlichen Glücksfall“. Unzähligen Menschen sei das Leben gerettet worden. Die politischen Gefangenen hätten in ihrer Position an der Spitze der Lagerhierarchie oft erfolgreich für eine bessere Verteilung des Essens gesorgt oder Häftlinge aus tödlichen Arbeitskommandos „herausverhandeln“ können. Man habe auf verschiedenste Weise Einfluss auf die SS genommen und das immer unter akuter Gefahr für das eigene Leben, das dürfe nicht vergessen werden, so Kobel. „Die größte Leistung ist sicherlich die Rettung von über 900 Kindern, deren Tod ohne das beherzte Engagement der politischen Häftlinge gewiss gewesen wäre“. Die Jungen waren aus dem sogenannten „Kleinen Lager“, das ursprünglich als Quarantänezone im KZ errichtet wurde, in eine separate Baracke verlegt worden. Das „Kleine Lager“ hatte sich zum Sterbe- und Siechenort entwickelt, wo kurz vor Kriegsende Tausende jüdische Häftlinge untergebracht waren. „Unterm Strich wiegen die Verdienste des Widerstands sehr viel schwerer als das, was man auch schwer kritisieren müsse“, schlussfolgert der Historiker.

Wir lassen die Stelen hinter uns und treffen auf das erste Ringgrab. Hier ließ die SS kurz vor Kriegsende etwa 3000 Tote verscharren. Drei dieser Grabtrichter wurden als Ringgräber gestaltet, die sich an den Enden und der Mitte der Straße der Nationen befinden. In der eisigen Nebelluft begegnen wir am späten Nachmittag keiner Menschenseele mehr. Viel weiter als zu den Steinpylonen, die den Weg säumen, können wir nicht sehen. Während unseres symbolischen Aufstiegs dem Licht entgegen die Stufen zum Glockenturm hinauf, wird es immer dunkler und eisiger. Das hohe Bauwerk bleibt lange vom Nebel verschluckt. Aber die gusseisernen überdimensional großen Widerstandskämpfer sind schon aus weiter Entfernung schemenhaft erkennbar. Ich frage mich kurz, ob doch noch Besucher unterwegs sind. Oben angekommen stehe ich allerdings vor der von Fritz Cremer geschaffenen Figurengruppe, die dem Widerstandskampf im Lager gewidmet ist.

Wir verlassen das Mahnmal über den Friedhof auf Höhe des Glockenturms. Dort liegen die Toten, die nach der Befreiung an den Folgen des Lageralltags gestorben sind. Insgesamt waren von 1938 bis 1945 eine Viertelmillion Kinder, Frauen und Männer in Buchenwald und den 136 Außenlagern inhaftiert. 56.000 haben das Kriegsende nicht erlebt.

Im Rahmen einer Klassenfahrt habe ich Buchenwald vor etwa 20 Jahren zum ersten Mal besichtigt. Ich erinnere mich, dass wir am nächsten Tag in der Schule über die Möglichkeit diskutierten, ob all das wieder geschehen könnte, Diktatur, Gewalt, Ausgrenzung, Rassenwahn. Ich weiß nicht mehr, worauf wir uns einigten. Ich persönlich hätte diese Frage damals aber naiv mit nein beantwortet, heute nicht mehr. Hier auf dem Ettersberg im thüringischen Weimar befinden wir uns nicht nur im größten ehemaligen Konzentrationslager auf deutschem Boden, sondern gleichzeitig in dem Bundesland, in dem eine Partei als zweitstärkste Kraft im Landtag sitzt, deren Vorsitzender ein Faschist ist und Dinge sagt wie: “…diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch viel mehr als zu Franz Josef Strauß’ Zeiten. Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad.”

Eine umgedrehte erinnerungspolitische Wende wird letztendlich umgedrehte erinnerungspolitische Wahrheiten erzeugen. Plötzlich sind beim Bombenangriff auf Dresden 100.000 anstatt 25.000 Menschen und in Auschwitz vielleicht „nur“ 10.000 anstatt 1,1 Millionen Juden gestorben. Ein ehrlicher Umgang mit der Vergangenheit ist der einzige Weg in eine klügere Zukunft. Aus diesem Grund ist die Aufklärungsarbeit der Holocaust-Gedenkstätten von unschätzbarem Wert.

Vielleicht gefällt dir auch