Hinter Sachsen-Anhalts Olympiakandidaten liegen neun schwere Monate. Rund 35 Athleten stehen im „Team Tokio“

Vor exakt einem Jahr befasste sich die KOMPAKT-Zeitung an dieser Stelle eingehend mit den Kandidaten Sachsen-Anhalts für Olympia 2020 in Tokio. Ihre Aussichten wurden beleuchtet, Chancen abgewogen. Im Nachhinein muss festgestellt werden: Es war nicht mehr als eine Übung, geblieben ist fast nur Makulatur. Die Fakten dafür sind bekannt: Aufgrund der weltweiten Corona-Pandemie mussten – nachdem sie sich lange und vehement dagegen gesträubt hatten – das Internationale Olympische Komitee (IOC) als Veranstalter und die japanische Regierung als Ausrichter letztlich die Segel streichen, die Spiele um ein Jahr verschieben (siehe auch nebenstehenden Beitrag).

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Wieder hat sich die Redaktion dieser Tage mit dem Mann getroffen, der Auskunft darüber sollte geben können, wie die Spitzenathleten unseres Bundeslandes die Verschiebung verkraftet haben, wie der Stand der Vorbereitungen rund 220 Tage vor dem neu avisierten Beginn der Ringe-Spiele ist: Helmut Kurrat, der Leiter des Olympiastützpunktes (OSP) Sachsen-Anhalt und damit wichtigster Leis-tungssportfunktionär im Land. Vor Jahresfrist hatte er noch darauf verweisen können, Sachsen-Anhalt sei, was die olympischen Resultate betrifft, aus der Talsohle von London (2012) und Rio (2016) „auf jeden Fall heraus“ und befände sich nunmehr „in einem Berg-an-Lauf“. Als Beleg dafür dienten ihm die Ergebnisse der Welt- und Europameisterschaften 2019. Auf jeden Fall habe er seinerzeit, „ein besseres Gefühl gehabt als noch vor vier Jahren“.

Diesmal muss Kurrat bei so mancher Frage eine klare Antwort schuldig bleiben. Weil das Sportjahr 2020, zumindest was die meisten olympischen Sportarten betraf, eigentlich gar keines war. Weil zu viele Top-Ereignisse wie kontinentale Meisterschaften, deren Resultate über Form und Leistungsniveau der Sportlerinnen und Sportler hätten Aufschluss geben könnten, Corona zum Opfer fielen. „Es fehlten die exakten Vergleiche mit der Weltspitze“, betont der 61-jährige frühere SCM-Handballer, „um zu wissen, wo stehe ich, wo muss ich in den restlichen Monaten bis Tokio noch zulegen oder bestimmte Dinge ändern. Die dafür notwendigen Wettkämpfe gab es nicht.“ Das betreffe freilich nahezu alle Athleten in der Welt. Vieles sei augenblicklich „nur unter Laborbedingungen möglich“.

Als eines der größten Probleme bezeichnet er die hohe Zahl der im Jahr 2020 ausgefallenen Qualifikations-Wettbewerbe für Olympia. „Die internationalen Verbände sind jetzt gefragt, sie in einem engen Zeitfenster im neuen Jahr nachzuholen. Dabei stellt sich oft die Frage, nach welchen Kriterien dabei vorgegangen werden soll.“ Diese Ungewissheit gehe natürlich nicht spurlos an den Sportlern vorbei, führt zuweilen zu Verunsicherungen.“ Zumal nur wenige von ihnen bereits persönlich qualifiziert sind.

Dennoch, so Kurrats Zwischenfazit, die hiesigen Kaderathleten seien in den Monaten seit März „nicht in ein Loch gefallen, die Stimmung ist bei ihnen nicht im Keller“. Sachsen-Anhalt, sagte der Leistungssportdirektor des Landessportbundes, Torsten Kunke, in einem MDR-Interview, „war eines der wenigen Bundesländer, in dem die Tokio-Kandidaten fast uneingeschränkt weiter trainieren konnten“. Unter den schwierigen Bedingungen seien die Sportler „bestmöglich vorbereitet“. Gerade die erste Phase des Lockdowns, ergänzt Kurrat, sei summa summarum „sehr gut“ bewältigt worden. Bis auf einen hätten im Bundesland alle anderen Sportler vollen Zugang zu den Trainingsstätten gehabt, hätten ihr volles Programm durchziehen können. Etwas schwieriger gestaltete sich die jetzige zweite Phase: „Da läuft einiges nicht so stringent wie in Phase eins, müssen wir uns viel mit Bürokratie und Formalismen rumschlagen.“

An der Zusammensetzung des sachsen-anhaltischen „Team Tokio“ hat sich nach den Worten des OSP-Chefs seit Dezember 2019 kaum etwas geändert. „Rund 35 Sportlerinnen und Sportler können sich, Stand heute, weiterhin Chancen ausrechnen, ins deutsche Olympiateam berufen zu werden.“ Drei Athleten, zwei Turner und eine Leichtathletin, sind hinzugekommen, Leichtathletin Anna Wierig (Schwangerschaft) und Ruderin Jana Lier (Laufbahnende) ausgeschieden. Wie viele von ihnen dann wirklich den Sprung nach Japan schaffen, da will sich Kurrat angesichts der oben beschriebenen außergewöhnlichen Umstände möglichst nicht festlegen: „Das ist alles sehr, sehr vage.“ Letztlich ist ihm doch zu entlocken: „Wenn 18 oder 19 von ihnen das große Ziel erreichen, würde ich mich sehr freuen.“

Mit der Hallenser Olympiasiegerin Julia Lier „verliert Sachsen-Anhalts Hochleistungssport eine seiner Galionsfiguren“, bedauert Kurrat. „Eigentlich ist bei uns die Decke zu dünn, um eine solche absolute Spitzenathletin ziehen zu lassen. Aber sie hat die Entscheidung so getroffen. Nach einer schweren Verletzung erschien ihr der Rückstand zur Weltspitze als nicht mehr aufholbar. Mit ihr verlieren wir eine eloquente Athletin, ein sympathisches Gesicht des Sports in Sachsen-Anhalt.“
Gibt es jemanden, der das Liersche Erbe in Tokio antreten könnte? „Jetzt Medaillenprognosen abgeben zu wollen, wäre angesichts aller Unwägbarkeiten Erbsenzählerei“, so Kurrat. Dennoch, die hiesigen Hoffnungen ranken sich zuallererst um die Schwimmer des SC Magdeburg, an der Spitze 1.500-Meter-Weltmeister Florian Wellbrock. Zu-mal allein vier von ihnen (die beiden Freiwasserschwimmer Finia Wunram und Rob Muffels sowie die Freistil-Experten Sarah Köhler und Wellbrock) sich bereits ein persönliches Tokio-Ticket erkämpft haben. Aber auch sie mussten sich in ihrer Vorbereitung umstellen, das wichtige ausgiebige Höhentraining in der spanischen Sierra Nevada konnte wegen Corona nicht stattfinden. „Wir sind derzeit dabei“, informiert Kurrat, „in der Elbeschwimmhalle für die Schwimmer eine eigene Höhentrainingskammer zu errichten. Wir hoffen, im Frühjahr fertig zu sein, damit die letzten Trainingsabschnitte vor Tokio noch dort absolviert werden können.“

Am wichtigsten sei es jetzt, „dass die Spiele auf jeden Fall stattfinden“, erklärt der OSP-Chef. „Eine totale Absage hätte verheerende Folgen für den Sport. Das ist überhaupt nicht quantifizierbar. Es hätte natürlich auch Auswirkungen auf uns in Sachsen-Anhalt. Denn gerade die olympischen Disziplinen beziehen, anders als der Fußball, ihre Kraft vorrangig aus dem alle vier Jahre stattfindenden Top-Ereignis. Wenn das wegfällt …“

Frag‘ doch mal das Orakel

Finden die Olympischen Sommerspiele in Tokio im nächsten Jahr statt? Und wenn ja, unter welchen Bedingungen? Noch gibt es wegen der Pandemie viele ungelöste Probleme.

Was wird aus den Olympischen Spielen im nächsten Jahr? Eine Frage, die in diesen Tagen wahrscheinlich nicht einmal ein Orakel schlüssig beantworten könnte. Dabei gab es im antiken Griechenland, der Geburtsstätte der Spiele, für Voraussagen und Prognosen diverser Art nicht nur das berühmte Orakel von Delphi. Selbst der Ort Olympia, wo 776 vor Christi die ersten Spiele überhaupt stattfanden, verfügte über eine auf Zukunftsvorhersagen spezialisierte Einrichtung, das sogenannte Zeus Olympios. Es befand sich an einer Erdspalte am Fuß des Kronoshügels. Könnte man sich in eine Zeitmaschine begeben und die Seher des Orakels befragen, ob – und wenn ja – unter welchen Bedingungen die Veranstaltung in Tokio denn 2021 stattfindet, würden die Auguren wohl ins aufgerissene Erdreich starren, ihr weises Haupt schütteln und mit ausgestreckten Armen gen Himmel weisen. Oder sie würden elegant darauf hindeuten, dass ihre eigentliche Zuständigkeit (heute würde man sagen: Kernkompetenz) darin liege, vor allem zu Kriegsdingen befragt zu werden.

Tja, was wird aus Olympia, das sich in diesem Jahr der weltumspannenden Pandemie beugen musste, um zwölf Monate verlegt wurde? Festzustehen scheint auf jeden Fall, dass das Internationale Olympische Komitee (IOC) und die japanische Regierung gewillt sind, das größte Spektakel des Weltsports vom 23. Juli bis zum 8. August in Nippons Metropole auf jeden Fall stattfinden zu lassen. Stand heute, müsste wohl in einer zeitgemäßen Formulierung angefügt werden. Denn noch stehen Fragezeichen über Fragezeichen am Tokioter Firmament.

Der Novem­ber war der schlimms­te Pande­mie­mo­nat in Tokio, nirgends in Japan gab es mehr Corona-Fälle. Wie es weitergeht, weiß niemand. Auch wenn IOC-Präsi­dent Thomas Bach sogar schon laut darüber nach­denkt, dass auch Olym­pia-Teil­neh­mer noch vor den Spie­len geimpft werden könn­ten. Aus Sorge vor Fällen im olympischen Dorf wollen die Organisatoren dort nur einen möglichst kurzen Aufenthalt erlauben. Also Anreise, Akklimatisierung, ein paar Tage ins Dorf, Wettkampf, Abreise. Das werde, befürchten Trainer, wenn es sein muss in fünf, sechs Tagen durchgepeitscht. Nichts mehr mit Besuchen bei anderen Sportarten, Begegnungen im Dorf oder gar Abschlussfeier; wenn es denn letztere überhaupt geben sollte.

Unklar ist ferner, ob Zuschauer zu den Spielen kommen können. Bach bekräftigte zuletzt eine frühere Aussage: Olympische Spiele hinter verschlossenen Türen, „das ist ganz klar etwas, was wir nicht wollen“. Dies könnte auch bedeuten, schrieb die „FAZ“ dieser Tage, dass es Situationen gibt, in denen IOC und Organisatoren nicht mehr gefragt werden, was sie wollen, weil allein die Pandemie-Zwänge das Geschehen diktieren. Spiele ohne Zuschauer sind also zumindest denkbar. Oder Spiele ohne Zuschauer aus dem Ausland? Die japanische Olympia-Ministerin sprach davon, dass Einreisebeschränkungen zumindest für die Teilnehmer und Betreuer gelockert werden könnten. Sie müssten sich dafür mehrmals auf Corona-Antikörper testen lassen und ihre Außenkontakte minimieren.

Vorerst Gedankenspiele sind, das olympische Programm zusammenzustreichen. Möglich wäre dabei zweierlei: in bestimmten Sportarten (Frage: welche?) die Zahl der Disziplinen zu reduzieren und/oder durch einen entsprechenden Qualifikationsmodus die Zahl der Teilnehmer herunterzufahren. Hätten die Spiele 2020 stattgefunden, wären in 33 Sportarten mit 51 Disziplinen 339 Wettkämpfe mit Entscheidungen über Gold, Silber und Bronze über die Bühne gegangen. Gerechnet wurde mit etwa 10.500 Athleten. Was es 2021 nicht geben soll: ganze Sportarten auszuschließen. Und erst recht nicht einzelne Nationen – das würde das Selbstverständnis von Olympia als weltumspannendem Sport-Festival ad absurdum führen.

Schon jetzt, berich­tet die Nach­rich­ten­agen­tur Kyodo, habe Olym­pia 2021 die Spiele von London 2012 über­trumpft, teurer waren Sommer­spie­le noch nie: von 1,5 bis 2 Milli­ar­den Euro an Zusatz­kos­ten durch die Verschie­bung spricht die japa­ni­sche Regie­rung. Für eine Reihe von Einrichtungen, darunter das olympische Dorf, waren für 2021 bereits Nachnutzungen vorgesehen, die nun mit erhöhtem Kostenaufwand ausgeglichen werden müssen. Als Tokio 2013 den Zuschlag bekam, war von knapp sieben Milli­ar­den Dollar Gesamt­kos­ten die Rede, vergan­ge­nes Jahr, vor Corona, von 10,5 Milli­ar­den Euro. Die Prüfer der Regie­rung in Tokio rech­n­en, indi­rek­te Kosten einbe­zo­gen, jetzt mindestens mit dem Doppel­ten, also über 21 Milliarden Euro.

Es geht bei der Frage Olympia ja oder nein um viel, für manchen inter­na­tio­na­len Verband, der abhän­gig ist von den Geldern des IOC, womög­lich sogar um alles. Findet Olym­pia statt, wach­sen die Chan­cen, dass die alther­ge­brach­te olym­pi­sche Sport­welt, jeden­falls im Großen und Ganzen, die Pande­mie über­lebt. Wird die Zuver­sicht enttäuscht, fallen die Spiele doch noch aus, wackelt nicht nur der Olymp. Dann stehen schlag­ar­tig auch die nur 180 Tage nach der Schluss­fei­er begin­nen­den Winter­spie­le in Peking in Frage.| Von Rudi Bartlitz

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