Samstag, Mai 21, 2022
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Homo phobicus: Wächst die Angst unter den Menschen?

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Ängste sind mit Messgeräten nicht quantifizierbar und trotzdem Zustände einer subjektiven Realwelt. Auch lässt sich die Angst des einen schwer mit der Angst eines anderen vergleichen. Jeder kann diesbezüglich nur die eigene Erfahrung mit Angstzuständen als Messlatte für Ängste von Mitmenschen anlegen. Verfolgt man jedoch die Informationsfluten der Online- und Medienwelt müssten wir eigentlich von Ängsten eingekreist und überrollt werden. Moderne Berichterstattung und die Formen ihrer millionenfachen und schnellen Verbreitung verzerren die Wahrnehmung in Richtung einer Angstinflation, unter der sich ein Homo phobicus herausbilden müsste.
Das Leben ist eben endlich und jede Nachricht da-rüber, was eventuell einen Einfluss auf die Verkürzung desselben haben könnte, wird offenbar von vielen gern aufgesaugt. Angstempfindlichkeiten entwickeln sich darunter schleichend. Wer aufmerksam Alltagsplaudereien lauscht, kommt solchen Befindlichkeiten auf die Spur. Die Akribie, die oft beim Einkauf von Lebensmitteln an den Tag gelegt wird, weil diese irgendwelche krankheitsfördernden Stoffe enthalten könnten. Manche Unternehmung wird gar nicht erst angefangen, weil man möglichen Gefahren ausgesetzt ist. Mit welchem Rundum-Kaskoschutz Kinder heute aufgezogen werden, lässt vermuten, dass sie möglicherweise eine verminderte Risikobereitschaft entwickeln. In der Folge entstehen wahrscheinlich vermehrt ängstliche Personen, die dann Tendenzen für psychische Störungen entwickeln können. Im Jahr 2019 betrug der Indexwert von Arbeitsunfähigkeitsfällen 136,5 Punkte bei psychischen Beeinträchtigungen. Das bedeutet, dass die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitsfälle im Jahr 2019 um 30,6 Prozent höher lag, als im Jahr 2010. Am häufigsten wurde von Psychotherapeuten unter allen anerkannten Formen psychischer Beeinträchtigung eine „depressive Episode“ diagnostiziert. Ein wesentlicher Anteil an der Entwicklung depressiver Tendenzen können Ängste haben. Im Gegensatz zu diesen Statistiken zeigt der jährlich im Auftrag der R+V Versicherungen erhobene Angstindex als Gesamtdurchschnitt von 21 abgefragten Standardängsten im Jahr 2020 auf einen Wert von 37 Punkten. Damit lag er so niedrig wie zuletzt Anfang der 1990er Jahre. Den höchsten Wert mit 52 Punkten ermittelte das Institut für Politische Wissenschaft Heidelberg 2016.

Es ist schon kurios, welche Ängste in der Bevölkerung manches Mal abgefragt werden. So sagten 2020 noch 53 Prozent (größte Angst) der Befragten, dass sie eine gefährlichere Welt durch die Trump-Politik befürchteten. Trump ist weg, die Welt leider nicht ungefährlicher geworden. Die größte Angst der aktuellen Untersuchung 2021 (53 %) weist Steuererhöhungen und Leistungskürzungen als Folge der Corona-Pandemie aus. Der mögliche Tod durch das Virus spielt offenbar keine große Rolle mehr. Jedenfalls taucht diese Angst in den Ergebnissen der Erhebung gar nicht auf. Angst vor Hass und Hetze steht heute in vielen medialen Darstellungen im Mittelpunkt. Vielleicht ist die Angst vor solchen Erscheinungen oft nur deshalb so groß, weil darüber oft und bedeutungsschwanger berichtet wird.

Die Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten (50%) rangiert vor der Angst, dass der Staat durch Flüchtlinge (45%) überfordert werden könnte. Es gibt auch die Angst davor, dass Politiker überfordert sein könnten (41%). Die Welt der Ängste ist eine abstrakte. Und je intensiver und häufiger sich Individuen damit befassen, um so einflussreicher kann sich Angst negativ auf die Persönlichkeit auswirken. Anders ist eben nicht zu erklären, dass die Verschreibung von Antidepressiva hierzulande wächst.

Nun reden sich die Deutschen unter dem Schlagwort „German Angst“ gern selbst ein, ein zögerliches Volk zu sein. Wollte man psychische Störungen an der Vergabemenge von Antidepressiva festmachen, werden mit 141,4 DDD je Tausend Personen pro Tag in Island, gefolgt von Kanada (110,3 DDD) und Australien (109,2 DDD) die meisten Dosen verabreicht. In Deutschland sind es nur 56,9 DDD. Länder, die allgemein als glücklich angesehen werden und wie Schweden, Norwegen und Finnland vielfach als Vorbilder gelten, liegen bei der Antidepressiva-Vergabe alle über Deutschland.
Angst bleibt eben ein schwammiges Phänomen. Deshalb ist es auch schwierig, Ängste mit irgendwelchen politischen Mitteln und Methoden bekämpfen zu wollen. Oder zu fordern, dass Politik und Staat etwas gegen Gesellschafts-Ängste unternehmen könnten. Sie sind und bleiben autosuggestive Zustände, die sich auf interpretierte, nicht real-erlebbare Situationen beziehen. Verwechselt werden dürfen solche allgemeinen Ängste nicht mit einer Furcht in einer konkreten Bedrohungssituation. Wie zweifelhaft Ängste sein können, zeigen beispielsweise Bedenken gegenüber der Gentechnik. Während gentechnisch veränderte Pflanzen für manche gefährliches Teufelszeug sind und nicht in die menschliche DNA eindringen können, gelten mRNA-Impfstoffe gegen COVID-19, die tatsächlich im Erbmaterial andocken können, als die große Rettung. Angst hängt also enger mit Deutung zusammen als mit Wirklichkeitsfakten. In solchen Fällen zeigen die Deutschen manchmal Ängstlichkeit. Nimmt man jedoch die Menge der Demonstranten, die solche Ängste öffentlich anprangern, zeigt sich da kein Massenphänomen, oder die Mehrheit hätte Angst sich zu bekennen, wie es gern behauptet wird. | Thomas Wischnewski

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