Dienstag, November 29, 2022

Homo remotus

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Die Corona-Pandemie hat unter den Möglichkeiten der digitalen Vernetzung dem Arbeiten von zu Hause aus mehr Bedeutung gegeben. Einerseits entstehen Vorteile wie mehr Flexibilität für Angestellte und Führungskräfte. Doch neue Chancen bringen stets neue Risiken mit. Werden wir im entfernten Zusammenwirken zum Homo remotus?

Der vernetzte Mensch verändert die Arbeit. Schlagworte wie Digitalisierung, New Work 4.0, Homeoffice und andere wollen die Entwicklung beschreiben und gleichzeitig vorantreiben. Die Mitarbeiter der Zentrale des Lkw-Herstellers MAN können nach einem Vorstandsbeschluss an 260 Tagen im Jahr arbeiten, wann und wo sie wollen. Das klingt auf den ersten Blick prima flexibel. Die Kontakteinschränkungen zur Corona-Pandemie haben solche modernen Arbeitskonzepte erblühen lassen. Natürlich sind damit viele Vorteile verbunden. Aber es entstehen Schattenseiten, die künftig näher beleuchtet werden müssen.
Das Gefühl ständiger Verfügbarkeit und damit verbundener permanenter Stressrisiken wurde in der aktuellen Literatur über die Arbeit im Homeoffice schon häufiger beschrieben. Da die Erfahrungen und Untersuchungsmöglichkeiten des Massenphänomens Arbeit von zu Hause aus noch ein junges ist, kann man derzeit noch keine verbindlichen Ergebnisse und Einschätzungen dazu erwarten. Viele Aspekte werden erst in einigen Jahren sichtbar werden. Der Mensch verändert sich im Verhalten, Bewerten und innerhalb unbewusster Zustände nicht in wenigen Monaten.
Vor allem Freiberufler kennen Heimarbeit schon lange. Oft sind diese jedoch selbstständig tätig und weniger in Teamarbeit mittlerer oder großer Unternehmen eingebunden. Wer schon einmal zehn Jahre oder länger im Homeoffice gearbeitet hat und anschließend eine Veränderung erlebt, kann eher einschätzen, wie sich die Arbeitsdekade in den eigenen vier Wänden auf die Persönlichkeitsentwicklung ausgewirkt hat. Die theoretische Vorstellung von Homeoffice blendet nämlich manche Wirkung aus bzw. unterschätzt, wenn Arbeits- und Privatsphäre zu einer Lebensumgebung verschmelzen, aus deren Einflüssen es kaum ein Entrinnen gibt.
Teams, die sich heute im Homeoffice organisieren sollen, machen dazu noch weitere Erfahrungen. Per Videokonferenz oder Gruppenchats lassen sich zwar schnell und problemlos Inhalte besprechen, Aufgaben austauschen und Wege vermeiden, doch wird häufig die Spontaneität von Begegnungen im Arbeitsbereich eines Unternehmens unterschätzt. Der Weg zur Kaffeemaschine, das Treffen auf dem Flur oder der Gang zur Toilette, bei dem man unvorbereitet auf Kollegen trifft, initiiert manches kurze Gespräch, erinnert an eine vergessene Information, die man besprechen wollte oder regt gar zu einer neuen Idee an. Sogar der Klatsch und Tratsch im Büro ist unverzichtbar, sagt die Soziologie heute über die bisher schlecht beleumundete Kommunikation. Klatsch über Dritte folge nämlich grundsätzlich einem harmoniebedürftigen Prinzip, bei dem Anwesende geschont werden sollen. Die anvertrauten Animositäten paralysieren das Vertrauen in persönlichen Beziehungen.
Eine mögliche neue und noch wenig beleuchtete Negativseite entfernter Arbeit ist, wie sich nicht nur das Verhältnis innerhalb eines Teams unter Informationsverlusten und Reibungsaspekten verändert, sondern vor allem, wie Vertrauens- und Autoritätsverluste zwischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu Vorgesetzten entstehen können. Einerseits fühlen sich Angestellte möglicherweise falsch beurteilt, andererseits durchschaut ein Vorgesetzter vielfach die Details von Arbeitsabläufen immer schwerer. Darin kann ein echter Entfernungstrend innerhalb von Gruppeninteraktion entstehen. Da heute vielfach IT-Techniker betriebsinterne technische Entwicklungen, den Einsatz spezifischer Soft- und Hardwaresysteme bestimmen, fällt es einem übergeordneten Management oft schwer, die Prozesse überhaupt nachvollziehen zu können. Damit geht dann möglicherweise noch ein Autoritätsverlust einher. 
Homeoffice fördert aber nicht nur die Entfernung innerhalb einer Gruppe. Was ist, wenn neue Mitarbeiter eingestellt werden und alle arbeiten irgendwo anders? Prozesse, Kompetenzen, Verantwortlichkeiten lassen sich dann für die Neuen kaum durchschauen. Die Möglichkeit, von erfahrenen Kollegen sprichwörtlich an die Hand genommen zu werden, wird eingeschränkt bzw. gar ausgeschaltet. Ein anderes Beispiel: In einem Team arbeiten vorwiegend Eltern mit kleinen Kindern. Tagsüber widmen sich diese vorrangig ihren Kindern. Teamaufgaben erledigen sie aufgrund der Arbeitsfreiräume dafür später. Eine Abstimmung mit Kollegen, die nachmittags oder abends andere Dinge bzw. Privates erledigen wollen, ist dann kaum möglich. Es sei denn, alle verlegen ihre Arbeitsphasen in die späten Stunden.
Da sich ja nicht nur die Arbeitswelt unter den vernetzten Möglichkeiten verändert, sondern ebenso das Verhalten bei der Organisation der Privatsphäre, wirkt auch das auf Arbeitsphasen zurück. Bestellt wird heute öfter nur noch online. Ob Kleidung, Technik, Hobby- oder andere Verbrauchsartikel – im Alltag zeichnen sich zunehmend Verluste in sozialer Interaktion ab. Eine junge Generation, die heute sogar die eigene Lebensmittelversorgung online erledigt, sich möglicherweise stundenlang mit Video- oder Computerspielen beschäftigt, wird den Gruppenaustausch oder Strategien zur Konfliktbewältigung weniger entwickeln als Menschen, die häufiger in solche Prozesse involviert sind.
Gesundheitspolitisch wird der inzwischen statistisch belegte Trend zur Bewegungsvermeidung kritisiert. Nicht solche Menschen, die mit vielseitigen sportlichen Aktivitäten aufgewachsen sind, werden das Problem sein, sondern die Vielzahl der Individuen, die schon im Kinder- und Jugendalter eher die Bequemlichkeit bevorzugten.
Bereits unter den Bedingungen der Präonline-epoche war zu erleben, wie schwer es manchen Menschen fällt, persönliche Kontakte aufrechtzuerhalten. In Zeiten, in denen solche noch weniger entstehen, werden die Verbindungen zwischen Menschen noch brüchiger werden. Aufgrund dieser komplexen Wirkmechanismen, die das Leben entscheidend verändern, darf sich der Mensch vielleicht mit einem neuen Artbegriff für das angebrochene Zeitalter begreifen. Unter dem lateinischen Ausdruck Homo remotus ist der entfernte Mensch zu verstehen. Im übertragenen Sinne können wir uns auch als isolierte Menschen bezeichnen. Auf jeden Fall befördern sowohl die technischen, die arbeitsorganisatorischen, die privaten Verhaltensweisen als auch die dazukommenden aktuellen Krisenzustände die Entfernung der Menschen voneinander. Das engere Zusammenrücken, dass sich unter den Möglichkeiten der Vernetzung ergeben sollte, ist derzeit eher selten zu beobachten, sondern häufiger eine Tendenz zum Missverstehen, zur Abspaltung, zum Rückzug und zu Erscheinungen, die am sozialen Miteinander kontraproduktiv wirken.

Text: Thomas Wischnewski, Seite 32, Kompakt Zeitung Nr. 220

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