„Ich möchte Leuchtturm sein“

Zum 100. Geburtstag – eine Erinnerung an den Schriftsteller Wolfgang Borchert. | Von Paul R. Franke

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Vor 100 Jahren, am 20. Mai 1921 wurde Wolfgang Borchert geboren. Ein langes Leben war ihm nicht beschieden, schon am 20. November 1947 verstarb er im Alter von 26 Jahren. Wer kennt ihn heute noch? Für uns, die wir Anfang der sechziger Jahre junge Erwachsene waren, war Wolfgang Borchert ein ganz wichtiger Autor. Kult – würde man heute sagen. Wir lasen uns gegenseitig seine Gedichte und seine Kurzgeschichten vor. Natürlich auch sein Drama „Draußen vor der Tür“. Borcherts Geschichten, seine Gedichte, sein Theaterstück erschütterten uns. Das ganze Gesamtwerk, in nur fast 2 Jahren entstanden, passte – einschließlich Nachwort – in einen gut 400 Seiten dicken Band, der 1957 im Mitteldeutschen Verlag Halle, bei Rowohlt in Hamburg bereits 1949 erschienen war.

Wer war Wolfgang Borchert? Er wuchs in Hamburg auf als Sohn des Volksschullehrers Fritz Borchert. Die Mutter, Hertha Borchert, war Hausfrau, schrieb aber viele Geschichten in plattdeutsch, die auch veröffentlicht wurden. Es war eine Kindheit mit sehr kulturinteressierten Eltern, die auch Umgang mit Künstlern hatten. Wolfgang Borchert selbst war ein stilles Kind, galt für seine Mitschüler eher als Außenseiter. Mit 15 Jahren begleitete er 1936 seine Mutter das erste Mal und recht widerwillig in das Theater, da der Vater verhindert war. Es wurde Hamlet gespielt und in der Titelrolle trat Gustaf Gründgens auf. Dieser Theaterbesuch war eine Erweckung für ihn. Unbedingt wollte er Schauspieler werden und schrieb mit 17 Jahren sein erstes Theaterstück „Yorick, der Narr“, eine Tragödie in fünf Aufzügen. Zur Erinnerung: am Anfang des Dramas „Hamlet“ von Shakespeare sieht Hamlet bei den Totengräbern den Schädel des Hofnarren Yorick und eben diese Figur wird die Titelfigur von Borcherts Stück. In der Oberrealschule war er ein recht schlechter Schüler, versponnen in seine eigenen Gedanken. Er verließ die Schule in der letzten Klasse Ende 1938 ohne Abschluss und begann eine Lehre bei einem Buchhändler. Parallel dazu nahm er bei dem Schauspieler Helmuth Gmelin privaten Schauspielunterricht und bestand im März 1941 vor der Reichstheaterkammer die Schauspielprüfung. 1939 schrieb er zusammen mit einem ehemaligen Schulfreund Günter Mackenthun (1922-1985) das ebenfalls nicht aufgeführte Theaterstück „Käse“, eine Satire auf den NS-Staat. Dadurch kam es 1940 zu einer Hausdurchsuchung und zu einem Verhör bei der Gestapo, die aber anscheinend folgenlos blieb.

Nach der bestandenen Schauspielprüfung trat er im April 1941 ein Engagement an der Landesbühne Lüneburg, einem Tourneetheater, an. Äußerlich schien er das Leben eines Bohemiens zu führen, soweit das im damaligen Deutschland und zu Kriegszeiten möglich war, aber innerlich blieb er vermutlich so einsam, wie er es auch vorher war. So schrieb er an eine ältere Freundin: „Gierig strecke ich meine Arme nach jedem Menschen, der wahr, schön, lieb und klug ist, aus – aber wie oft und wie tief wird Hamlet enttäuscht.“ Mit der inneren Einsamkeit Hamlets schien er sich zu identifizieren. Nicht von ungefähr hatte ihn sein erster Theaterbesuch fünf Jahre zuvor so tief erschüttert. Seine stille Hoffnung aber, dass er bei einer eventuellen Einberufung vielleicht als Schauspieler zu einer Truppenbetreuung käme, wurde enttäuscht. Im Juni 1941 wird er zu einer Panzer-Nachrichten-Abteilung in Weimar eingezogen. Es muss furchtbar für ihn gewesen sein. Er gehörte von Beginn an zu den schwarzen Schafen, an denen die Ausbilder ihre sadistischen Gelüste befriedigten. So musste er einmal durch den Dreck kriechen und dabei immer wieder ausrufen „ich bin ein deutscher Scheißsoldat“, solange bis ein Vorgesetzter dem ein Ende machte. Aber nicht wegen der Grausamkeit, sondern wegen der offensichtlichen Doppeldeutigkeit des Ausrufs! Borchert war wohl kein Antifaschist, aber zutiefst antisoldatisch und antimilitaristisch. Alle seine Eigenschaften waren unpassend für den „Beruf“ des Soldaten. Im November 1941 kommt seine Einheit an die Ostfront, wo es im März 1942 zu einer Schussverletzung kommt, als er allein ist. Der linke Mittelfinger muss amputiert werden. Mit hohem Fieber wird er in ein Heimatlazarett nach Schwabach verlegt. Aber das ist keine Erlösung, denn jetzt droht ihm das Kriegsgericht mit dem Todesurteil wegen Selbstverstümmelung! Seine Eltern bemühen sich um einen guten Rechtsanwalt. Der Prozess findet im Juli in Nürnberg statt. Es wurde nicht geklärt, ob es Selbstverstümmelung, ein Unfall oder „Feindeinwirkung“ war, auch Borchert selber hat es später nie aufgeklärt. Das Urteil lautet: „Sechs Wochen verschärfte Haft und Frontbewährung“.

Im Oktober ist er wieder in der Kaserne und im November an der Ostfront. In diesem russischen Winter hat er wieder Pech, das sich aber als Glück erweist. Als Meldegänger erfror er sich beide Füße und kam in das Lazarett. Dort bekam er hohes Fieber und wurde im Januar 1943 mit Fleckfieberverdacht in das Seuchenlazarett nach Smolensk verlegt und landete schließlich im März in einem Reservelazarett in Elend im Harz. Eine Lebererkrankung wird diagnostiziert. Aber er hofft im Urlaub sogar wieder Theater spielen zu können. Seine Briefe aus Elend, auch ein paar Gedichte, sind eigentümlich lustig, manchmal fast flach und albern. Man ahnt förmlich, hier will einer krampfhaft lachen, um nicht vor Kummer und Schmerz laut zu schreien. Er ist Yorick, der Narr, der Späße macht, während andere voller Schmerzen und Kummer sind. Im Juni ist er wieder zurück bei seinem Ersatzbataillon in Jena.

Vom 24. Juli bis zum 3. August 1943 wird durch die alliierten Luftstreitkräfte Hamburg zehn Tage lang bombardiert und in Schutt und Asche gelegt. Etwa 50.000 Tote, fast 300.000 zerstörte Wohnungen und 900.000 Obdachlose sind das Ergebnis dieser „Aktion Gomorrha“. Seine elterliche Wohnung blieb verschont. In diesem August hat er ein paar Tage Urlaub, fährt nach Hamburg und tritt in dem Kabarett „Bronzekeller“ mit ein paar Versen auf, die der Situation wahrhaftig nicht angemessen sind. Im November treten neue Fieberanfälle auf, so dass er weiterhin „nicht frontdiensttauglich“ bleibt. Er soll nun doch zum Fronttheater versetzt werden. In seiner Freude darüber erzählte er im Kameradenkreis politische Witze und macht eine Goebbels-Parodie, was zur Folge hat, dass er am nächsten Tag, am 30. November 1943, wegen Wehrkraftzersetzung verhaftet und nach Berlin überstellt wird. Er kommt in das Zuchthaus Moabit. Wieder setzt sich sein befreundeter Rechtsanwalt für ihn ein. Vermutlich geht es zu dieser Zeit auch in Berlin drunter und drüber – dazwischen lag ja auch das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 –, jedenfalls kam es erst am 21. August zu dem Prozess und er wurde zu neun Monaten Gefängnis verurteilt, wobei die fünf Monate Untersuchungshaft angerechnet wurden und die restlichen vier Monate als „Strafaufschub zwecks Feindbewährung‘“ ausgesetzt wurden. War es nicht eigentlich ein Glück für ihn mit seinen zwei Verhaftungen und Gefängnisaufenthalten? Vielleicht wäre er sonst an der Ostfront gefallen wie so viele andere? Jedenfalls kommt er wieder zurück zu seiner Einheit nach Jena. Da er weiterhin nicht frontdiensttauglich ist, genießt er das Leben dort, soweit es möglich ist. Gedichte, die dort entstehen. erscheinen nach dem Krieg 1946 unter dem Titel „Laterne, Nacht und Sterne“.
Erst im März 1945, als die Alliierten den Rhein überschritten haben, wird seine Einheit in die Gegend südlich von Frankfurt/Main verlegt. Er sieht Schüler kämpfen und sterben. Seine Einheit ergibt sich französischen Truppen. Auf Lastwagen werden sie als Gefangene westwärts transportiert, aber Borchert und einige andere springen ab und er macht sich allein zu Fuß auf den über 500 km weiten Weg nach Hamburg. Bei einem Bauern tauscht er seine Uniform in Zivilkleidung, einige Tage kann er sich auf dem Rittergut Wöbbel bei Steinheim – fast auf der Hälfte der Strecke – erholen und trifft am 10. Mai, nach gut fünf Wochen in Hamburg ein. Er sieht ganz gelb aus und ist sehr krank. Seine Gesundheit verschlechtert sich, aber er sprudelt vor Schaffenskraft fast über und plant Schauspielauftritte. Er schreibt ein Kabarett-Programm und tritt mit den „Janmaaten“ mehrmals auf. Doch er wird zusehends kränker und die Idee eines eigenen Theaters wird begraben. Er kommt im Januar 1946 in ein Krankenhaus, dort entsteht seine erste große Erzählung „Die Hundeblume“. Diese Erzählung ist gewissermaßen sein Eintritt in die deutsche Literatur. Ihr folgen noch ein halbes Hundert andere Kurzgeschichten, die alle in ganz kurzer Zeit entstehen. Oft diktiert er sie seinem Vater. Über diese Geschichten soll hier nicht geschrieben werden, man sollte sie lesen. Nur so viel: fast in allen tritt ein sehr einsamer Mensch auf, der seine Umwelt leidend erlebt, hin und wieder auch flüchtigen Trost findet. Im April 1946 wird er aus dem Krankenhaus als unheilbar entlassen. Im Herbst des gleichen Jahres schreibt er innerhalb von wenigen Tagen das Drama „Draußen vor der Tür“. Es handelt von einem Soldaten, der als Heimkehrer kein Heim und keine Heimat mehr vorfindet. Am 13. Februar 1947 wird dieses Drama als Hörspiel im Nordwestdeutschen Rundfunk gesendet und erlebte eine große Resonanz. Wolfgang Borchert wurde schlagartig bekannt.

Da sein Gesundheitszustand sich aber immer weiter verschlechterte, ermöglichten Freunde ihm einen Kuraufenthalt in der Schweiz, was zu damaligen Zeiten schon einem Wunder glich. Doch es war vergeblich. Der Kuraufenthalt wurde zu einem Krankenhausaufenthalt in Basel, wo er am 20. November 1947 verstarb – einen Tag vor der Premiere der Theaterfassung des Dramas „Draußen vor der Tür“ in den Hamburger Kammerspielen. Das Stück wurde ein großer Erfolg, wurde von vielen Bühnen übernommen und in mehrere Sprachen übersetzt. Die Urne Wolfgang Borcherts wurde im Februar 1948 auf dem Ohlsdorfer Friedhof in Hamburg beigesetzt. Sein Leben lang litt er an dem Widerspruch zwischen seinem Anspruch und seiner inneren seelischen Situation. Diesen inneren Konflikt hat er selbst in sechs kurzen Zeilen in Worte gefasst:

„Ich möchte Leuchtturm sein
in Nacht und Wind –
für Dorsch und Stint,
für jedes Boot –
und bin doch selbst
ein Schiff in Not!“