Ich spreche Deutsch: Apposition

Keine Sorge, das hier ist kein Schreibfehler. Nicht über Opposition, sondern über Apposition wollen wir sprechen. Was das ist?
Einige kleine Beispiele, um das zu klären (die jeweiligen Appositionen sind kursiv gesetzt):

  • Semmelweis, ein Wiener Arzt, wurde zum „Retter der Mütter“.
  • Dr. Müller, der Mannschaftsarzt, erklärte sich außerstande, Corona-Tests vorzunehmen.
  • Das Team des Gegners, des FCM, fuhr sofort nach Hause zurück.
  • Der Schuldirektor überreichte Paul, dem besten Schüler der Klasse, eine Urkunde.
  • Es gibt keine Nomaden mehr in Ulan-Bator, der Hauptstadt der Mongolei.
  • Am Abend ging ich zu Peter, meinem Freund.

Die Apposition ist ein Beisatz, ein Zusatz, eine Erläuterung. In älteren Grammatik-Lehrbüchern wird sie häufig als Beisatz bezeichnet, denn vom Grunde her ersetzt die Apposition mit ihrer Aussage einen kompletten Satz und gibt eine zusätzliche Information. Vergleichen Sie: Semmelweis war ein Wiener Arzt; Dr. Müller ist der Mannschaftsarzt; der Gegner war der FCM; usw. Mit der Apposition wird also das Bezugswort näher erläutert. Die Apposition könnte weggelassen werden, aber damit wäre natürlich auch die beabsichtigte zusätzliche Information verloren. Der Ausdruck „Apposition“ stammt, wie eigentlich alle fremdwortartigen Bezeichnungen in der deutschen Grammatik, aus dem Lateinischen: appono = hinzusetzen, beifügen; appositus = nahe gelegen. In der Grammatik könnten daher viele andere Formen von Beifügungen zu Bezugswörtern als Apposition gewertet werden: der kluge Schüler, die Landeshauptstadt Magdeburg, das Hotel Ratswaage, der amtierende Institutsdirektor usw. Was uns hier mehr interessiert, ist die Apposition in Form eines Substantivs (Dingworts), auch mit Adjektiven oder Partizipien versehen, das einem Bezugswort nachgestellt wird, so wie es in den Beispielen ganz oben zu Beginn des vorliegenden Textes angeführt ist. Und wir schauen auf die sogenannte Deklination der Apposition, d. h. in welchem Fall stehen die nachgestellten Substantive: Semmelweis – Nominativ (1. Fall in der Deklination), Dr. Müller – Nominativ (1. Fall), des FCM – Genitiv (2. Fall), Paul – Dativ (3. Fall), Ulan-Bator – Dativ (3. Fall), Peter – Dativ (3. Fall). Wir können also auf der Grundlage dieser Sätze zwei einfache Regeln ableiten:

  1. Regel: Das Substantiv der Apposition steht im selben Fall wie das Bezugswort.
  2. Regel: Die Apposition wird in Kommas eingeschlossen.

Es ist zu beobachten, dass in der Praxis des Schreibens und Sprechens häufig nicht auf die Übereinstimmung des grammatischen Falls von Bezugswort und Apposition geachtet wird.

  • Die Preise für die wichtigsten Güter, namentlich der Lebensmittel /hier müsste der Akkusativ wegen der Präposition „für“ gesetzt werden/, wurden wegen Corona erhöht. Normgerecht ist also:
  • Die Preise für die wichtigsten Güter, namentlich die Lebensmittel, wurden wegen Corona erhöht.
  • Die Regierung Frankreichs, dem zweitgrößten EU-Mitglied /erforderlich ist Genitiv/, arbeitet an einer Rentenreform. Normgerecht also:
  • Die Regierung Frankreichs, des zweitgrößten EU-Mitglieds, arbeitet an einer Rentenreform.

Nun stellen Sie sich mal etwas vor: Sie steigen mit Ihrer Frau Maria in einen Autobus. Unterwegs kommt es unter Beteiligung des Busfahrers zu einem Verkehrsunfall. Sie werden von der Polizei als Zeuge vernommen. In dem von Ihnen auch unterschriebenen Protokoll heißt es kurz und knapp: “Maria, meine Frau und ich saßen hinten auf den Sitzbänken und haben nichts gesehen.” Im Strafverfahren vor dem Amtsgericht werden Sie nochmals als Zeuge zur Hauptverhandlung geladen.
Einer der anwesenden Anwälte befragt Sie: „Sie saßen doch zu dritt hinten im Bus.“
Sie, Zeuge, verdutzt: „Wieso zu dritt? Nur meine Frau und ich waren da.“
Anwalt: „Im Polizeiprotokoll steht Maria, eine nicht näher bezeichnete Person, vielleicht eine Verwandte oder Bekannte von Ihnen; dann kommt Ihre Frau; und dann kommen Sie.“ – Uns verbleibt nur, auf die obige Regel Nr. 2 zu verweisen: Die Apposition wird in Kommas eingeschlossen. Und ein Komma fehlte im Polizeiprotokoll!

Als nächstes sehen wir uns einen Auszug aus einem Produktionsjournal einer Großmolkerei an: „Datum 16.05.2020, Uhrzeit 13.14, Stromausfall. Der Betriebselektriker, Kollege Bertram, konnte die Ursache erst nach 20 Minuten finden.“ 20 Minuten Produktionsstopp, das ist für den Betrieb ein hoher finanzieller Verlust. Wir aber, Außenstehende, können bemerken, dass die Apposition, der Kollege Bertram, ganz richtig in Kommas eingeschlossen ist. Wenn Sie etwas nachdenken, liebe Leser, finden Sie damit in der Schadensmeldung sogar noch eine kleine zusätzliche Information: Der Herr Bertram ist nämlich der einzige Betriebselektriker der Großmolkerei. Lassen Sie jetzt bitte mal die Kommas weg: „Der Betriebselektriker Kollege Bertram konnte die Ursache erst nach 20 Minuten finden.“ Damit ist auch gesagt, dass es noch andere Betriebselektriker in dem Betrieb gibt und der Kollege Bertram nur einer von ihnen ist!

Was doch so ein kleines, winziges Komma alles ausdrücken kann.

Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer 

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