Ich spreche Deutsch: Buridans Esel

Im Jahr 1968 erschien in der DDR der Roman „Buridans Esel“ von Günter de Bruyn. Der Titel des Buches geht zurück auf den Gelehrten Johannes Buridan, der Anfang des 14. Jahrhunderts als Philosoph und Physiker (die naturwissenschaftlichen Kenntnisse waren damals eben noch überschaubar) an der Universität in Paris lehrte. Er soll einen Esel gehabt haben, der zwischen zwei Heuhaufen stand, ein Haufen stand zur linken Seite, der andere auf der rechten Seite. In dem Roman von de Bruyn wird ganz realistisch der DDR-Alltag beschrieben. Hauptfigur ist ein verheirateter Mann, der eine andere Frau kennenlernte. Er fühlte sich, ähnlich dem Esel des Herrn Professors, von beiden Seiten angezogen, in dem Buch in gleichem Maße von seiner eigenen Frau wie auch von seiner Geliebten. Der Esel, so wird gesagt, konnte sich aber zwischen den beiden Heuhaufen nicht entscheiden. Unsere Hauptgestalt des Romans konnte sich ebenfalls nicht entscheiden. Buridans Esel soll, obwohl das Futter da war, verhungert sein. Die Geschichte in dem Roman endet nicht damit, dass die Hauptperson verhungert ist – dazu gab es auch in der DDR ausreichend zu essen –, sondern dass der Mann schließlich ganz ohne Frau war, denn beide hatten ihm den Stuhl vor die Tür gestellt.

Der Ausdruck „Buridans Esel“ gehört zu den sogenannten „Geflügelten Worten“. Dies sind Aussprüche, Redensarten, Zitate aus der Bibel, aus antiken Sagen, aus Werken von Schriftstellern u. a. Diese Worte fliegen von Mund zu Mund, als hätten sie Flügel, und wurden in der Regel Gemeingut vieler Menschen. Sie sind kurz und prägnant und werden ohne lange Umschreibung zur Kennzeichnung von Situationen eingesetzt. Ihre Herkunft ist mitunter unklar oder anzuzweifeln, aber sie waren und sind noch zum großen Teil im Gebrauch der Menschen.

Betrachten wir einige geflügelte Worte, deren Bedeutung und deren Ursprung:

Achillesferse: In der griechischen Mythologie hatte die Meeresgöttin Thetis ihren Sohn Achill in den Fluss Styx getaucht, um ihn unverwundbar zu machen. Sie hielt ihn mit ihrer Hand dabei an seiner Ferse. Dieser Teil des Körpers wurde deshalb nicht von der Flüssigkeit benetzt, und gerade an dieser Stelle erhielt der Jüngling später einen tödlich wirkenden Pfeilschuss. Heutzutage bezeichnen wir die Schwachstelle eines Projekts, eines Unternehmens oder auch von Menschen als Achillesferse.
Als Adonis bezeichnen wir einen schönen jungen Mann. Er soll, gemäß der griechischen Mythologie, einer der Geliebten von Aphrodite gewesen sein.
In Morpheus Armen ruhen, das bedeutet, dass wir uns beim Schlafgott Somnus oder Hypnos unseren Träumen im Schlaf hingeben können.
Wenn ein Staat oder ein Mensch sich wie Phönix aus der Asche erhebt, dann soll dies zurückgehen auf einen indischen Wundervogel, der, altgeworden, sich im eigenen Nest selbst verbrennt und dann aber verjüngt aus der Asche wieder aufersteht.

Sesam, öffne dich! entstammt dem Märchen „Ali Baba und die vierzig Räuber“.

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Dieser Satz steht im Sachsenspiegel, der Gesetzessammlung von Eike von Repkow aus dem 13. Jahrhundert.
Die Welt will betrogen sein geht zurück auf Sebas-tian Brant, einen in Basel und Strasbourg lebenden Juristen, dessen reich illustriertes Hauptwerk “Das Narrenschiff” 1494 erschien. Darin macht er sich über die Torheiten der Menschen seiner Zeit lustig. Das Buch enthält viele Sprichwörter, darunter auch den zitierten Ausspruch.

Das ist für die Katz’ soll aus einer Erzählung von Burchard Waldis (1490 – 1556) stammen. Ein Schmied hatte sich vorgenommen, von seinen Kunden keine Bezahlung mehr zu verlangen. Jeder solle soviel geben, wie ihm die Dienstleistung wert war. Leider begnügten sich die meisten Kunden nur mit einem „Danke, Meister“und legten kein Geld hin. Nun band er seine Katze in der Werkstatt an, und wenn die Kunden nur mit den leeren Worten hinausgingen, sagte er „Katze, das ist für dich“. Der ursprünglich fetten Katze ging es nun schlecht. Der Schmied machte es dann wieder mit den Geldeinnahmen wie die anderen Handwerker.

La Fontaine, ein französischer Dichter (1621 -1695), schrieb viele Fabeln. In einer von ihnen, „Der Affe und die Katze“, zeigt er auf, wie manche sich zum Nutzen anderer abmühen, ohne selbst davon einen Vorteil zu haben. Es war nämlich die Katze, die zum Profit des Affen die Kastanien aus dem Feuer holte, die der Affe sofort verspeiste. (tirer les marrons du feu – die Kastanien aus dem Feuer holen).

Ob der folgende Spruch noch auf der Wartburg bei Eisenach zu lesen ist? Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang, der bleibt ein Narr sein Leben lang. Dieser Spruch soll die Wand in der Lutherstube geschmückt haben. 1775 erschien er abgedruckt im „Wandsbecker Bothen“, einer Zeitung des Hamburger Stadtteils Wandsbek, mit dem Vermerk „… sagt Doktor Martin Luther“.

Wenn Sie gesund bleiben, dann können Sie vielleicht, liebe Leser, alt wie Methusalem werden. Er soll ja gemäß der Bibel ein Alter von 969 Jahren erreicht haben! Dieter Mengwasser Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

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