Ich spreche Deutsch: Ein Buch in Gelb

Zu Beginn gleich eine Stellenausschreibung: „Wenn Sie jung und dynamisch sind, belastbar, Reisen lieben, eine technische Ausbildung – möglichst auf dem Gebiet der Schmierstoffe – und mindestens 50 Jahre Berufspraxis haben, dann bewerben Sie sich! Werden Sie Mitglied der Erdachsendeckelscharnierschmiernippelkommissi-on!“ Nähere Auskünfte dazu könnte Ihnen viel-leicht die Redaktion des Duden geben. In der neuesten Auflage finden Sie auf Seite 154 die längsten Wörter des sogenannten Dudenkorpus. Der Dudenkorpus ist eine Art Fundus von Wörtern der deutschen Sprache, die aus Zeitungen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie aus Romanen und Sachtexten genommen und nun in einer digitalen Datenbank gespeichert sind. Von den ungefähr 18 Millionen Wörtern haben jetzt rund 148.000 als Stichwörter Eingang in den neuesten Duden gefunden.

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Und was die oben genannte „Kommission“ betrifft, so ist dieser Ausdruck mit 47 Buchstaben an der 7. Stelle einer Liste, die von „Rinderkennzeichnungsfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz“ angeführt wird. Ja, solche Wortungetüme kann uns die deutsche Sprache bescheren. Und dabei ist das alles grammatisch korrekt, die Wortbildungsregeln gestatten das.

Aber kommen wir von den Kuriositäten zurück zu den Dingen, wie sie uns der Duden „auf der Grundlage der aktuellen amtlichen Rechtschreibregeln“ – so wörtlich – bietet. Der Nutzer findet grammatische Informationen, Hinweise zur Aussprache, u. a. auch eine Tabelle zum Zeichensys-tem der International Phonetic Association, Informationskästen zu schwierigen und zweifelhaften Fällen der Rechtschreibung mit oft ausführlichen und relativ übersichtlich angeordneten Beispielen, Hinweise zur Zeichensetzung, womit im Wesentlichen die Kommasetzung gemeint ist, und anderes. Für die Gestaltung von Geschäftsbriefen sowie von E-Mails wird auf die Vorschriften der Norm DIN 5008 zurückgegriffen. Aufgeführt ist auch das griechische Alphabet. Erwähnt als “vom amtlichen Regelwerk nicht abgedeckt” werden die Möglichkeiten der geschlechtergerechten Personenbezeichnungen mit Genderstern (Schüler*-innen), Binnen-I (wortinterne Großschreibung: SchülerInnen), Gender-Gap (Schüler_innen, Schü-ler:innen) oder mit Schrägstrich (Schüler/innen).

Den Nutzer des Duden wird es vielleicht manchmal irritieren, dass relativ häufig mehrere Varianten von Schreibweisen, insbesondere zur Groß- und Kleinschreibung sowie zur Getrennt- oder Zusammenschreibung von Wörtern, angeboten werden, so, als wäre man im Supermarkt und muss zwischen verschiedenen Waren auswählen . Der Schreibende möge also selbst entscheiden. Die Frage „Richtig oder falsch?“ kann tatsächlich nicht immer einfach beantwortet werden, und da sagt der Duden auch nicht einfach: „Das ist so, und damit basta!“. Nach Meinung der Dudenredaktion sollen der beobachtete allgemeine Schreibgebrauch, die optimale Erfassbarkeit eines Textes und aber auch die Bedürfnisse der Schreibenden nach einfacher Handhabbarkeit der Rechtschreibung berücksichtigt werden, wobei auch zugegeben wird, dass sich solche Forderungen widersprechen können. Empfehlungen von Varianten gibt der Duden zur Schreibung von Fremdwörtern, insbesondere zu denen mit den Buchstaben ,f/ph’, ,tiel/ziell’, von Getrennt- und Zusammenschreibung, von Wörtern mit Bindestrich sowie zur Groß- und Kleinschreibung.

Zu den Stichwörtern wird keine Wortart angegeben, d. h. es wird nicht angezeigt, ob es sich um ein Adjektiv (Eigenschaftswort), ein Verb (Tätigkeitswort), ein Substantiv (Dingwort, Hauptwort) oder etwas anderes handelt. Zu den Substantiven wird das Geschlechtswort ‘der’, ‘die’ oder ‘das’ gesetzt, aber nicht immer. Willkürlich greifen wir den folgenden Eintrag heraus: Blasenkatarrh; Blasenkatheter; Blasenleiden; Blasen-pflaster; Blasenschwäche; Blasenspiegelung; Blasenstein. Heißt es nun das Blasenkatheter oder der Blasenkatheter, und was ist Katarrh? Erst beim Nachschlagen unter Katheter finden wir die Lösung: der Katheter, und der Katarrh ist eine Schleimhautentzündung. Das heißt also, dass auch Fremdwörter kurz in ihrer Bedeutung erläu-tert werden. Der Genitiv (2. Fall der Deklination) und der Plural (Mehrzahl) werden für die Sub-stantive auch angezeigt. In einem gelb unterlegten Informationskasten werden Katheder und Katheter als häufig verwechselte Wörter gegenübergestellt. Ein anderes Beispiel: Die Katakombe, meist im Plural verwendet und aus dem Italienischen stammend, ist eine unterirdische Begräbnisstätte, und der Katalane ist Bewohner Kataloniens.

In Bezug auf die Getrennt- oder Zusammenschreibung wird unter den jeweiligen Stichwörtern sehr oft auf D58 verwiesen. Unter dieser Kennzahl im grammatischen Teil sind allgemeine Grundsätze für dieses schwierige Kapitel mit Beispielen angeführt. Nehmen wir das Stichwort Kraft: Kraft, die (Geschlechtswort), – (Genitiv; der waagerechter Strich bedeutet hier, dass sich das Stichwort selbst nicht ändert), Kräfte (Plural); kraftraubende oder Kraft raubende, kraftsparende oder Kraft sparende Methoden – siehe D58. Am Beispiel des Stichwortes ,Wollmilchsau’ (auch ein solches Wort ist enthalten!) wollen wir das Problem noch zusätzlich verdeutlichen: ,die eierlegende Wollmilchsau’ kann auch als ,die Eier legende Wollmilchsau’ geschrieben werden. Und wenn die Eier groß sind, dann geht nur ,die große Eier legende Wollmilchsau’. Und was ist, wenn die Sau groß ist? Dann muss es heißen: ,die große eierlegende Wollmilchsau’. Ich treibe es noch weiter: ,die große große Eier legende Wollmilchsau’. Das Letzte wäre dann wohl der Höhepunkt der Wünsche. Erklärt wird dieses Stichwort mit: ‘umgangssprachlich scherzhaft für Person oder Sache, die alle Bedürfnisse befriedigt, allen Ansprüchen genügt’.

In unserer kapitalistischen Welt gibt es – zum Glück für uns als Verbraucher – auf fast allen Gebieten, jedenfalls in der Wirtschaft, Wettbewerb. Zu meinen Nachschlagewerken gehört auch der Wahrig: Gerhard Wahrig, Deutsches Wörterbuch, Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh 1997. Im Prinzip ist dieses Werk dem Duden ähnlich. Es bietet sich nun an, die beiden Bände zu vergleichen. Der Wahrig ist mit 1.420 Seiten wesentlich umfangreicher (Duden 1.294 Seiten), das Format Höhe ca. 27 cm, Breite 23 cm, Dicke 7 cm, der Duden hat dagegen nur die Abmessungen 19 cm und 15 cm bei knappen 6 cm Dicke. Im Wahrig stehen 250.000 Stichwörter zur Verfügung. Auf den ersten Blick sind dies Äußerlichkeiten, aber man kann sich vorstellen, dass der Duden wegen seiner Handlichkeit tatsächlich eher in die Hände genommen wird als der große und dicke Wälzer vom Bertelsmann-Verlag. Der Ehrlichkeit wegen muss aber auch gesagt werden, dass der Wahrig viel mehr an Informationen zur deutschen Sprache bietet. Schon der Teil der grammatischen Erläuterungen ist umfangreicher, es gibt Tabellen zur Deklination der Nomen (oder: der Nomina), darunter auch der Personalpronomen, und zur Konjugation der Verben. Wenn ich also wissen möchte, wie der Genitiv (2. Fall) des persönlichen Fürworts ,ich’ ist, kann ich das im grammatischen Teil finden (hier wird genannt ,meiner’ – bitte nicht mit dem besitzanzeigenden Fürwort ,mein’ verwechseln). Im Duden finde ich dieses Wort ,meiner’ auch, auch mit der Erläuterung ,Gen. von ich’ – gedenke meiner’, aber ich muss es zuvor gelesen oder gehört haben. Ausländer, für die deutsche Sprache Fremdsprache ist, sind mit dem Wahrig besser bedient, auch Lehrkräfte der deutschen Sprache, Journalisten, Sprachwissenschaftler u. ä. Trotzdem kann es von Gewinn sein, beide Ratgeber zu besitzen.

Den Redaktionen beider Nachschlagewerke muss man bescheinigen, dass sie wirklich „das Ohr an der Masse“ haben, also auf Volkes Stimme hören. Die Betrachtungen zur Grammatik und die Einträge des Wörterteils sind die echte Widerspiegelung dessen, was tatsächlich in der Umgangssprache und in gehobenerer Sprache täglich gesprochen und geschrieben wird, und die kurzen, aber prägnanten Erläuterungen zu Fremdwörtern sind für viele Nutzer ein Gewinn.

Wenn Sie, liebe Leser, auf der Suche nach einem Weihnachtsgeschenk für Ihre Lieben oder für sich selbst sind, wie wäre es dann mit dem neuen Duden (ich bekomme keine Provision!)? 28. Auflage, 28 Euro. Das Buch im gelben Einband würde sich gut unter dem Tannenbaum machen. Und Möglichkeiten zur Nutzung finden sich viele! | Dieter Mengwasser

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