Donnerstag, Januar 20, 2022
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Ich spreche Deutsch: Gedanken zur 200. Ausgabe

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Im Vorfeld zur 200. Ausgabe unserer KOMPAKT ZEITUNG wurden bisherige Verfasser von Beiträgen durch die Geschäftsführung aufgerufen, sich Gedanken zur Gestaltung des Jubiläumshefts zu machen. Dem Schreiber dieser Zeilen fiel nicht sofort ein, was er da thematisieren könnte. Aber mit diesem ‚thematisieren‘ kamen ein paar Gedanken. Nämlich gleich zum Gebrauch von Fremdwörtern, neumodischen Fremdwörtern. Und solch ein neumodisches Fremdwort ist ‚thematisieren‘. Was wird da heute doch alles thematisiert! In Magdeburg hat der Stadtrat sicherlich schon die Erhöhung der Kosten für den Tunnel am Bahnhof thematisiert. Dass die Coronapandemie ständig thematisiert wird, daran sind wir nun leider schon gewöhnt. Und Sie, liebe Leserinnen und Leser, könnten, wenn Sie schulpflichtige Kinder haben, bei der nächsten Zeugnisausgabe eventuell die schlechte Note Ihres Sprösslings in Mathematik thematisieren. Als die erste Ausgabe unserer Zeitung erschien, hieß es noch, dass der Magdeburger Stadtrat das und das diskutiert (der Tunnelbau war damals noch nicht begonnen), und im Bundestag wurden andere Probleme der Gesundheitsfürsorge behandelt. Und mancher Vater hat ernsthaft mit seinem Sohn über die Zensuren auf dem Zeugnis gesprochen. Oder wollen Sie lieber sagen, dass das Verb ‚thematisieren‘ positiv zu sehen ist? Sozusagen von der sprachökonomischen Seite. Ein einziges Wort, das mehrere Wörter ersetzen kann. Denn die Bedeutung von ‚thematisieren‘ ist ‚etwas zum Thema machen‘. Also Einsparung von Energie beim Sprechen, so könnte man es auch sehen. Und Sie sehen auch, welche vielfältigen Möglichkeiten es in unserer deutschen Sprache gibt, etwas auszudrücken, auch ohne Fremdwörter.

Leider thematisiert heutzutage niemand mehr den gehäuften Gebrauch von Fremdwörtern. Im Gegenteil, mit Fremdwörtern kann man so richtig zeigen, was man so drauf hat, wie hoch gebildet man ist. Die Pandemie mit dem Coronavirus ist doch ein richtiges Superevent, da können wir uns so richtig auslassen über Superspreaders, Homeoffice, Homeschooling, Click&Meet und natürlich Lockdowns. Niemand mehr macht sich die Mühe, dafür deutsche Wörter zu finden und zu gebrauchen. Sind Sie überhaupt schon geboostert? Wenn ja, dann können Sie ja happy sein. So wie die Diskussionen dazu in den Medien laufen oder gelaufen sind, müsste man annehmen, dass das Boostern die von der Zahl her dritte Impfung gegen das Virus ist. Unser freundliches Oxford-Wörterbuch der englischen Sprache erläutert den Booster als „a dose of an immunizing agent increasing or renewing the effect of an earlier one“. Das will heißen, dass bereits die zweite Impfung ein Booster war. Sollte sich „boostern“ in unserem Wortschatz mit dem Sinn der im dritten Termin gegebenen Auffrischungsimpfung festsetzen, hätten wir ein neues Fremdwort mit einer Abweichung oder Einschränkung gegenüber der ursprünglichen Bedeutung. Es wäre ein Beispiel dafür, wie Neues in der Sprache entstehen kann und dabei sich vom Original etwas unterscheidet.

Im ersten Jahr der KOMPAKT ZEITUNG gab es so manche Ausdrücke nicht, die heute offensichtlich zu Lieblingswörtern insbesondere solcher Menschen geworden sind, die in der Öffentlichkeit stehen oder gerne stehen möchten. Da fällt mir zuerst das „Narrativ“ ein (Entschuldigung, nicht unbedingt zuerst, aber ich habe dieses Wort, mit kyrillischen Buchstaben geschrieben, gerade vor ein paar Stunden in einer russischen Zeitschrift gelesen). Als kritische Leserin oder kritischer Leser (liebe Freunde, an dieser Ausdrucksweise sehen Sie meine Zugeständnisse an das Gendern!) können Sie mir vorwerfen, dass ‚Narrativ‘ natürlich zu den Fremdwörtern gehört und hier im vorliegenden Artikel weiter oben einzuordnen wäre. Aber in dem Absatz hier soll es um Lieblingsausdrücke gehen. Hier die Definition aus dem Duden: „Narrativ – verbindende sinnstiftende Erzählung“. Um ehrlich zu sein, so viel kann man mit einer solchen Definition auch nicht anfangen. Mein Vorschlag: Narrativ ist eine etwas längere erzählende Darstellung mit dem Ziel, auf den Hörer oder Leser einzuwirken, sich möglichst den Schlussfolgerungen des Darstellers des Narrativs anzuschließen. Mir scheint auch, dass die Nutzer des Worts ‚Narrativ‘ den Sinn ‚Einstellung, Meinung, Haltung, Standpunkt‘ im Blick haben.

Ein weiterer Lieblingsausdruck ist „was mich so umtreibt“. Ein Problem, eine Frage, ein unklares Verhältnis kann einen so umtreiben. Die Verfasser des Dudens hat das noch nicht so umgetrieben, denn für sie ist „umtreiben“ das planlose Herumtreiben. Und was haben wir doch alles für Zauberer unter uns! Ein Schnips mit dem Finger, da ist uns doch gleich ein Lächeln auf das Gesicht gezaubert. Wenn Sie in ein Restaurant gehen, dann studieren Sie zuerst die Speisenkarte, was die Köche liebevoll so alles gezaubert haben. Wenn es doch nicht so geschmeckt haben sollte, können Sie ja zur Beschwerde auf die Hotline zurückgreifen. Früher war das einfach nur eine Telefonnummer, aber jetzt … – siehe oben bei Fremdwörtern.

Ob Corona nun schon Vergangenheit ist, das weiß niemand. Aber so mancher Chef einer Firma oder eines Sportvereins überlegt, welche Maßnahmen wieder Geld in die Kasse spülen könnten. „Geld in die Kasse spülen“, das ist doch schwieriger als das Geschirr mit Wasser zu spülen. Ums Geld geht es immer. Da gibt es findige Leute, die wissen, wie man da herankommt. „BILD untersucht die Wahrheit über das geheime System zum Geld verdienen.“ Das wollen wir jetzt untersuchen, aber nur sprachlich, grammatisch, gesehen. Dieser Satz enthält eine Grammatik, die einem Studienrat der alten Schule vor etlichen Jahren sicherlich noch die Haare zu Berge stehen ließ. „zum Geld verdienen“, darum geht es. In unsere Dorfkneipe gingen früher die Männer zum Biertrinken oder zum Skatspielen. Die Jungens auf den Sportplatz zum Fußballspielen. Merken Sie den Unterschied „zum Geld verdienen“, grammatisch, von der Rechtschreibung her? Diese neue Form des Schreibens, also Präposition + Substantiv + klein geschriebenes Verb, greift immer mehr um sich. Ältere Mitbürger können sich vielleicht noch erinnern, dass zu ihrer Schulzeit im Deutschunterricht einmal von der Substantivierung von Verben gesprochen wurde. Und dann gab es auch mal Getrennt- und Zusammenschreibung von Wörtern. So um das Jahr 2000 herum fand aber eine sogenannte Rechtschreibreform in den deutschsprachigen Ländern statt. Eines der Kapitel darin wird offensichtlich so interpretiert, dass alles getrennt geschrieben werden muss. Auf einen solchen Zug springt auch die ARD-Tagesschau auf. Der folgende Text wird am 25. August 2020 nicht nur vorgelesen, sondern auch noch im größtmöglichen Format in Schriftform auf dem Bildschirm angezeigt: Markus Söder: „Ich habe aber das Gefühl, dass einige SPD-Strategen denken, ein größeres Parlament könnte für ein rot-rot-grünes Bündnis Erfolg versprechender sein…“. Wie, liebe Leserinnen und Leser, soll nun jemand darüber aufgeklärt werden, was „Erfolg versprechender“ für eine Wortart und was für ein Satzglied ist? Wie war das früher doch einfach, als es noch „erfolgversprechend“ hieß. Da war auch die sogenannte Steigerung als Adjektiv kein Problem.

Neben diesen ständig bestehenden Problemen der Rechtschreibung wie ‚klein oder groß‘ und ‚getrennt oder zusammen‘ besteht auch noch die Klippe der Kommasetzung. Auch hier scheint, als seien mit der genannten Rechtschreibreform der Willkür Tür und Tor geöffnet. Endlich Freiheit beim Komma! Man kann den Eindruck haben, dass mit fortschreitender Entfernung von den Jahren der Verkündung der Rechtschreibreform diese Freiheit immer mehr zunimmt.

Woran in den ersten Jahren unserer KOMPAKT ZEITUNG noch niemand dachte, das war das Gendern. Dieses Thema wird wohl noch weiterhin die Gemüter erregen, denn viele Menschen empfinden das, was uns in manchen Medien als Gendern geboten wird, häufig als Eingriff in ihr persönliches Sprachempfinden. Das bisher vorherrschende sogenannte generische Maskulinum, also die Anrede und Bezeichnung von Personen mit grammatisch gesehen männlichen Versionen, die dann auch die Personen weiblichen Geschlechts (z. B. ‚Lieber Sparkassenkunde‘, ‚Sehr geehrter Leser‘) einschließen, soll geächtet werden. Das ruft Diskussionen hervor, ob jetzt eine Sprachpolizei tätig wird. Dabei hat niemand, auch bei Anerkennung der Rolle der Frauen in unserer Gesellschaft, eine wirklich alle Seiten befriedigende sprachliche Lösung. Die deutsche Sprache gibt es nun seit fast rund 1.000 Jahren auch in schriftlich festgehaltener Form, zwar nicht so „durchreguliert“ wie heute, sie ist gewachsen, hat sich verändert, aber die Entwicklung einer Sprache vollzieht sich immer in sehr kleinen Schritten, und ein Hauruck-Verfahren für plötzliche Veränderungen, vielleicht noch „von ganz oben“ verordnet, wird da nicht funktionieren.

Sprache ist eine gesellschaftliche Erscheinung. Und die Gesellschaft, da werden Sie sicherlich zustimmen, ist kompliziert und wird immer komplizierter. Da macht unsere Sprache keine Ausnahme. Und es bleibt spannend, sich mit ihr zu beschäftigen. Gedanken dazu wollen wir Ihnen auch weiterhin in unserer KOMPAKT ZEITUNG bringen.

Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

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