Ich spreche Deutsch: Komma nach Gefühl?

Russland ist ein großes Land. In der tausendjährigen Geschichte des großen Reiches gab es viele Auseinandersetzungen, Kriege, Aufstände, Revolutionen und Grausamkeiten.

Stellen wir uns vor, da wurde jemand zum Tode verurteilt. Derjenige bittet um Erbarmen und schreibt ein Gnadengesuch. Das Gnadengesuch wird im günstigen Fall an den jeweils zuständigen Herrscher, den Zar, den Diktator oder den Heerführer, eben an die Person, die darüber entscheiden kann, weitergeleitet.

Auf dem Blatt Papier des Gnadengesuchs gibt der Herrscher oben rechts seine Entscheidung mit drei Wörtern kund. Diese drei Wörter sind:

Казнить нельзя помиловать,

eventuell folgt noch ein Ausrufezeichen.

Wir klären die Vokabeln: 

Казнить = hinrichten, exekutieren, zu Tode bringen

нельзя = nein, nicht, es darf nicht sein

помиловать = begnadigen.

Also diese drei Wörter „Казнить нельзя помиловать“ sollen auch eine Anweisung für die Unterstellten des Herrschers sein. Aber so, einfach hintereinander gereiht, ergeben sie keinen Sinn. In dem Satz fehlt ein wesentliches Element, nämlich das Komma!

Wir fügen das Komma ein!

Und dafür gibt es zwei Varianten:

Variante 1: „Казнить, нельзя помиловать!“. Übersetzung: „Hinrichten, keinesfalls begnadigen!“

Variante 2: „Казнить нельзя, помиловать!“. Übersetzung: „Keinesfalls hinrichten, sondern begnadigen!“

Wie wir sehen, kann ein Komma über Leben und Tod entscheiden!

Doch kehren wir zu friedlicheren Themen zurück.

Stellen Sie sich vor, Sie haben einen schönen Urlaub in einem schönen Hotel verlebt und bekommen als lieber Gast einen Brief von dieser Herberge. Einer der Sätze lautet:

„Wir hoffen, dass es Ihnen in unserer Einrichtung gefallen hat und würden uns über einen weiteren Besuch von Ihnen freuen.“

Freundlich, höflich und nett, das Schreiben. Sätze dieser Konstruktion haben Sie, lieber Leser, unzählige Male schon gelesen. So oft wahrscheinlich, dass nicht auffällt, dass der Satz einen Schönheitsfehler enthält: Es fehlt nämlich ein Komma.

Wir setzen es: „Wir hoffen, dass es Ihnen in unserer Einrichtung gefallen hat, und würden uns über einen weiteren Besuch von Ihnen freuen.“

Dass wir da ein Komma setzen, das muss natürlich begründet werden.

„dass es Ihnen in unserer Einrichtung gefallen hat“ können wir als Nebensatz bezeichnen, als etwas Eingeschobenes, denn der Hauptsatz und die Hauptaussage lauten: 

„Wir hoffen … und würden uns … freuen.“ Diese beiden Verben („hoffen“ und „freuen“) beziehen sich auf „Wir“. „Wir“ ist das Subjekt des Hauptsatzes; „es“ ist das Subjekt des Nebensatzes. Kennzeichen des Nebensatzes ist, dass das Verb am Ende des Satzes, in unserem Fall dann vor dem Komma, steht. Der Einschub „dass es Ihnen in unserer Einrichtung gefallen hat“ muss durch Kommata abgetrennt werden.

Noch ein Beispielsatz derselben Konstruktion:

„Microsoft rät, sich schon jetzt auf einen Systemwechsel vorzubereiten und gibt Tipps für den Umstieg auf das aktuelle Windows 10.“

Wo muss hier das Komma stehen? Richtig, nach dem Wort „vorzubereiten“, denn es ist die Firma Microsoft (Subjekt), die rät und Tipps gibt.

„sich schon jetzt auf einen Systemwechsel vorzubereiten“ ist der Nebensatz, der zwischen Kommas einzuschließen ist.

Im vorausgehenden Abschnitt haben wir nur einen Aspekt der Kommasetzung in der deutschen Sprache angerissen. Wichtig erscheint uns, eine Übersicht über den Aufbau eines Satzes, einer Satzverbindung oder eines Satzgefüges zu haben, um an richtiger Stelle das Komma setzen zu können. Generell ist das Komma ein schwieriges Kapitel, und die sogenannte Rechtschreibreform vor 20 Jahren hat keine einfacheren Lösungen gebracht, höchs-tens in der Weise, dass manche Menschen glauben, das Komma sei doch nicht so wichtig und man könne es nach „Gefühl“ setzen. Wir werden in unserer Kolumne in unregelmäßigen Abständen noch öfter zu diesem Thema zurückkehren.

Aus aktuellen Medienberichten aufgespießt:

Der Fußabdruck – Robinson Crusoe war auf seiner einsamen Insel erstaunt und erschrocken, als er plötzlich die Fußspuren eines fremden Menschen entdeckte. Heutzutage haben Autos, Schiffe, ja ganze Industrieanlagen einen Fußabdruck, nämlich einen ökologischen. Und Sie, lieber Leser, denken Sie daran, wenn Sie in ein Flugzeug steigen, welch großen CO2-Fußabdruck Sie hinterlassen! Dieter Mengwasser – Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

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