Ich spreche Deutsch: Mit Anstand

Haben Sie anständig was auf der hohen Kante zu liegen? Wenn ja, dann könnten Sie doch Ihrem Enkel anstandslos etwas schenken, vorausgesetzt, der Bursche verhält sich immer mit Anstand Ihnen gegenüber.

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Sie erkennen, liebe Leserinnen und Leser, dass hier oben an drei Stellen Wörter mit dem Grundwort Anstand auftauchen: anständig, anstandslos, Anstand. Und dann gibt es noch anstandshalber und Anständigkeit. Wenn wir vom Grundwort Anstand sprechen, können wir uns ja auch fragen, ob es denn auch eine Grundbedeutung für Anstand gibt, und diese Grundbedeutung müsste sich ja auch in jedem damit zusammenhängenden Wort widerspiegeln. Wir sehen uns dazu einmal solche Wörter an, die das Gegenteil von anständig ausdrücken: unanständig, anstößig, unschicklich, verdorben, schamlos, schmutzig, flegelhaft, schlecht, lüstern, obszön, frivol, geil (letzteres nicht in der Bedeutung, die ihm jetzt in der Sprache von Jugendlichen zugemessen wird, sondern in dem bis vor ungefähr 20 Jahren üblichen Zusammenhang, nämlich der sexuellen Begierde), unordentlich, schlampig, liederlich, gemein, unfair, unsportlich, schlecht, wenig.

„Was heißt schon für uns Frauen, mit Anstand alt zu werden? Lieber unanständig jung bleiben.” Dieser Ausspruch wird der aus Russland stammenden Schauspielerin Olga Tschechowa zugeschrieben, die in zahlreichen deutschen Spielfilmen (z. B. „Die Drei von der Tankstelle“, mit Heinz Rühmann) auftrat. In diesem Ausspruch wird auf jeden Fall eine Bedeutung klar, die man eigentlich als Grundbedeutung auffassen könnte: das schickliche, sittsame, den üblichen gesellschaftlichen Normen entsprechende Benehmen. Dazu passen solche Sätze wie: „Er kennt einfach keinen Anstand.“ „Unser Abteilungsleiter hat stets Sinn für Anstand, und das nicht nur am Frauentag.“ „Lieber Freund, beherrsche dich, Du musst immer Anstand wahren“ „Ich empfehle, die Familie des Verstorbenen aus Anstand heute noch nicht zu besuchen.“

Eher aus der Fachsprache stammt der Anstand, auch als Ansitz bezeichnet, von dem aus der Jäger Wildschweine schießen möchte. Dieser Anstand wird uns hier nicht weiter interessieren, aber der Begriff sollte als Homonym (= gleichklingendes Wort) erwähnt werden.

Schicklich, den gesellschaftlichen Normen entsprechend, das drückt sich mit dem Adjektiv (Eigenschaftswort) oder Adverb (Umstandswort) anständig aus. „Das ist ein anständiger Mensch, er betrügt niemanden.“, „Du befindest dich hier in einer anständigen Gesellschaft!“ (also mache hier keine Mätzchen!), „Es wird Zeit, dass du dir mal einen anständigen Mantel zulegst.“ „Draußen ist Frost, ziehe dich anständig an.“ „Heute regnet es ganz anständig.“ (also ziemlich viel, ziemlich stark). „Von Warschau bis Paris, das ist mit dem Fahrrad wirklich eine anständige Entfernung.“ Wenn wir nun versuchen, zu diesem anständig die oben genannten Gegenwörter, in der Sprachlehre auch als Antonyme bezeichnet, einzusetzen, um wirklich das Gegenteil auszudrücken, werden wir nicht immer Erfolg haben. Es gibt keinen unanständigen Mantel, und wenn jemand, auch bei Frost oder nicht, unanständig gekleidet sein sollte, dann zeigt diese Person vielleicht in aufreizender Weise zu viel Haut, und Entfernungen sind eigentlich nicht unanständig weit.

Mit dieser Grundbedeutung der Anständigkeit verbunden ist auch anstandshalber: „Anstandshalber gibst du dem Kellner Trinkgeld.“ „Der Abgeordnete verzichtete anstandshalber auf eine Gegenrede.“ „Den Damen überließ er anstandshalber den ersten Zugriff auf das kalte Buffet.“ Die Bedeutung ist uns Deutschsprechenden klar: Auch wenn es vielleicht manchmal juckt, das Gegenteil von dem Gesagten zu tun, nämlich kein Trinkgeld zu geben, doch eine Gegenrede halten zu wollen oder als Erster zum kalten Buffet zu gehen, so gibt man doch des Anstands wegen nach, der Anstand soll der Form halber bewahrt bleiben. Man beugt sich, manchmal widerwillig, eben den gesellschaftlichen Normen.

Aber wie sieht es nun mit anstandslos aus? Hat das etwas mit Anstand, Anständigkeit oder anständig zu tun? Offensichtlich nicht. Wir schauen uns mehrere Sätze an: „Der Beamte stellte uns anstandslos die Bescheinigung aus.“ „Die Reparatur meines Computers wurde anstandslos durch den Hersteller vorgenommen.“ „Für mein Studium hat mir Onkel Paul anstandslos eine monatliche Zuwendung von 100 Euro zugesagt.“ -los ist eine Nachsilbe, und sie meint in der Regel, dass etwas fehlt: zweifellos (= es gibt keine Zweifel), achtlos (= ohne besondere Beachtung), furchtlos (= ohne Furcht, keine Angst habend), mittellos (= ohne finanzielle Mittel sein). Bedeutet nun also, dass anstandslos gebildet ist aus ohne Anstand? Aber mit einer solchen Interpretation passt das Wort überhaupt nicht in unsere Reihe. So ohne Anstand? Ohne Anstand wurde vom Beamten die Bescheinigung ausgestellt, der Hersteller des Computers hat ohne Anstand repariert, usw.? Vielleicht bedeutet der Begriff Anstand noch etwas, was wir nicht kennen oder was wir übersehen haben. Zum Glück gibt es Nachschlagewerke. Wir sehen in einem Du-den nach, der bereits 1954 ausgegeben wurde: „Anstand – keinen Anstand an dem Vorschlag nehmen, d. h. ihn nicht tadeln.“ In „Wörter und Wendungen“, Leipzig 1962, heißt es unter anderen Eintragungen zu dem Wort Anstand: „Zurückhaltung – keinen Anstand nehmen, nicht zögern, etwas zu sagen; Anstoß – keinen Anstoß an etwas nehmen, es nicht beanstanden; keine Anstände bei etwas haben.“ Und in unserem neuesten Duden von 2020: „Anstand – keinen Anstand an dem Vorhaben nehmen; gehobene Sprache für: keine Bedenken haben“. Ja, tatsächlich, so wird ein Schuh da-raus! Gerade diese Bedeutung von Anstand als Zweifel, Bedenken, Vorbehalte, Einwände führte zur Bildung von anstandslos. Nur scheint es, dass diese Bedeutung vergessen ist, auf jeden Fall ist sie sicherlich den meisten von uns nicht gegenwärtig. Zwar ist der Begriff Anstand mit der letzteren, abweichenden Bedeutung nicht als antiquiert oder veraltet, auch nicht im letzten Duden, gekennzeichnet, aber aus dem allgemeinen Sprachgebrauch ist er wohl verschwunden. Nicht jedoch verschwunden ist anstandslos, und wenn die Nebenbedeutung Zweifel, Bedenken, Vorbehalte, Einwände bei Anstand doch völlig verloren sein sollte, dann wird es irgendwann in der Zukunft schwer sein, die Herkunft von anstandslos zu rekonstruieren und zu begründen.

Der Vollständigkeit halber sollen auch noch einige mit Anstand zusammengesetzte Substantive erwähnt werden: Anstandsregeln, Anstandsbesuch, Anstandshappen (das letzte Stück Kuchen, das vielleicht auch noch sehr begehrt ist, aber eben aus Anstand auf dem großen Teller liegenbleiben sollte), Anstandsbissen (der eventuell widerwillig in den Mund gesteckte Bissen, um die Gastgeber nicht zu verärgern), Anstandsunterricht, Anstandswauwau (Begleiter oder Begleiterin, um nicht allein in der Öffentlichkeit zu erscheinen). Im Deutsch-Französischen Wörterbuch (Sachs-Villatte) aus dem Jahre 1909 finden wir: Anstandsbrief, Anstandsübungen (Erlernen von Haltung und Grazie beim Tanzlehrer), anstandsvoll (mit Grazie), Anstandsbesuch, Anstandsvisite, Anstandsdame (Begleiterin aus Gründen der Schicklichkeit), Anstandsgefühl (Takt, Schicklichkeit), Anstandsrock (bei Männern Oberbekleidung für Zeremonien, bei Frauen Unterrock – jupon de dessous, Rückübersetzung ins Deutsche: Unterrock; etwas seltsam für uns heute, aber beachten Sie bitte die Jahreszahl 1909), anstandswidrig (gegen die Schicklichkeit, unehrlich)

In eigener Sache: In der Ausgabe Nr. 182 haben wir einen Fehler in der Überschrift
produziert. Richtig hätte es heißen müssen: „Konfirmand und Musikant“. | Von Dipl.-Dolmetscher Dieter Mengwasser