Mittwoch, Dezember 8, 2021
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Ich spreche Deutsch: Rechtschreibschwächen

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Ausgezeichnet!“, so mussten wir unsere Enkelin loben. Sie, Schülerin der 11. Klasse an einem Gymnasium in Leipzig, hatte uns den gesamten Text des Gedichts „Osterspaziergang“ von Goethe auswendig aufgesagt, angefangen mit „Vom Eise befreit …“ bis „Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!“ Und alles ohne irgendwelches Stocken und mit sehr guter Betonung. Ich war sehr angetan, weil ich selbst kein Freund von Auswendiglernen bin und eine solche Leistung niemals bringen könnte. Aber ich verkniff es mir nicht, unsere Enkelin zu fragen, ob in ihrer Klasse im Deutschunterricht auch noch über Deutsch-Grammatik gesprochen wird. Das jedoch tat sie mit einer Handbewegung ab, das wäre doch wohl nur Stoff für die ersten Klassen in der Grundschule. Offensichtlich brauchen sich die jungen Damen und Herren Schüler eines Gymnasiums mit solchem Kleinkinderkram nicht mehr zu beschäftigen.


Bei einer Fahrt in der Eisenbahn kann man doch auch Neues erfahren. Mir gegenüber saß ein junger Mann, schätzungsweise so um die 14 bis 15 Jahre alt. Ständig hielt er ein Schreibheft und einen Stift in seinen Händen, schrieb, strich durch, schrieb wieder, überlegte, dann notierte er wieder etwas. Neugierig knüpfte ich ein Gespräch mit ihm an, fragte ich ihn, was er denn da so angestrengt überlege und schreibe. Er sei Schüler der achten Klasse und reise vom Besuch bei seinem geschiedenen Vater zurück zu seiner Mutter und erledige hier im Zug einen Teil seiner schulischen Hausaufgaben. Er zeigte mir seinen handschriftlichen Text mit der Überschrift „Die Begrünung von Dächern“. Ob er Gärtner oder Architekt werden wolle? Nein, nein, aber das ist das Projekt, das ihm als Hausaufgabe aufgegeben war. Ich fand, das ist doch ein ziemlich spezielles Thema. Der Junge hatte mehrere Aspekte für das Anlegen von grünen Flächen auf Hausdächern angeführt, da gab es nichts zu meckern. Aber die Rechtschreibung! Fast in jedem Satz mindestens drei Abweichungen von dem, was in unserem Duden als richtig und normgerecht vorgeschrieben wird.

Solche Gedanken, wie ich sie eben beschrieben habe, gingen mir durch den Kopf, als ich in einer überregionalen deutschen Zeitung auf einen Artikel stieß, in dem beklagt wurde, dass wir uns in einer „Rechtschreibkatastrophe“ befinden würden. Selbst Anwärter auf das Lehramt Deutsche Sprache hätten keine ausreichenden Kenntnisse in Sachen Rechtschreibung aufzuweisen. In Tests mit geschriebenen Texten zeigte sich, dass die Groß- und Kleinschreibung sowie die Getrennt- und Zusammenschreibung von Wörtern nicht von allen Studenten ordentlich be-herrscht wurden. Auch bei der Verwendung von ,das‘ und ‚dass‘ traten Fehler auf. Ein weiteres Problem stellte die sogenannte Interpunktion, also das Setzen des Kommas in Sätzen, dar. Auch die richtige Schreibung von Fremdwörtern, wie z. B. ‚Standard‘, scheint Schwierigkeiten zu bereiten, denn das von mehreren Studierenden geschriebene ‚Standart‘ wäre die Wiedergabe dieses Begriffs in lateinischen Buchstaben aus dem Russischen, mit dem jedoch die übergroße Mehrzahl der Studierenden heute nichts zu tun hat.

Tatsächlich sind die eben genannten Schwierigkeiten die „Klippen“, die neuralgischen Punkte, unserer Rechtschreibung. Wir sprechen hier nicht von Legasthenie, die als Krankheit mit solchen Symptomen wie Verdrehen, Verwechseln oder Auslassen von Buchstaben, langsames Lesen, Schwierigkeiten mit Groß- und Kleinschreibung bei Legasthenikern auftreten kann, sondern von normalen Schülern und Erwachsenen. Es wird beklagt, dass immer weniger Menschen diese Klippen der Rechtschreibung beherrschen und das allgemeine Niveau der Richtig-schreibung zurückgehe. Eigentlich wird heutzutage viel, sehr viel geschrieben, es gibt unzählige Zeitungen und Zeitschriften, sogar kostenlose, mit einer Vielzahl von Artikeln und Artikelchen, mit Annoncen und allen möglichen Formen von Werbeanzeigen, überhaupt Werbung auf Schritt und Tritt, mitunter mit absichtlich fehlerhaft gestalteten Einträgen, um irgendwie Aufmerksamkeit zu erregen („… – das König der Biere”“). Für einen jungen Schüler, der seine ersten Schreibschritte in den unteren Klassen der Grundschule macht, könnte es nach meiner Meinung schwierig sein, hier Orientierung zu finden. Die Eltern müssten ihrem Kind sicher oft Hilfestellung in Fragen Richtigschreibung leisten. Das „Gendern“ als besonderes Kapitel lassen wir vorerst beiseite!
Wenn nun ein Niedergang in den rechtschreiblichen Fähigkeiten allgemein beklagt wird, dann muss man sich natürlich fragen, was die Ursachen dafür sein könnten. Wir haben heute Computer mit allen möglichen Hilfen, sogar mit Rechtschreibe-Prüfprogrammen, die jedes falsch geschriebene Wort auf dem Bildschirm farbig kennzeichnen. Theoretisch dürfte es also gar nicht vorkommen, dass jemand eine auf dem PC verfasste schriftliche Arbeit, zum Beispiel eine Bachelor- oder Masterarbeit, egal welcher Fachrichtung, mit Orthografiefehlern abliefert. Aber der PC besitzt eben doch nicht (oder noch nicht?) die Künstliche Intelligenz, um den Sinn eines Satzes zu erfassen und ihn mit der richtigen Grammatik darzustellen.

Eine Schule habe ich schon seit sehr langer Zeit nicht mehr von innen gesehen, ich kann mir nicht anmaßen, die Lehrpläne und deren Umsetzung in den Schulen zu bewerten. Es sei mir aber die Frage gestattet, ob in den Klassen ausreichend Wert auf die Vermittlung der Muttersprache und der damit verbundenen Rechtschreiberegeln gelegt wird? Es geht nicht um die Schreibweise von einzelnen Wörtern, ob hinten am Wort ein ‚d‘ oder ein ‚t‘ steht (lautlich meist kein Unterschied, siehe ‚bunt‘ und ‚Bund‘), sondern um Haupt- und Nebensatz, das Komma, das Zusammenschreiben von Wörtern, die Wahl des grammatischen Falls eines Substantivs nach einer Präposition u. a. Zwar ist die Sprache kein System wie die Mathematik, sie ist manchmal chaotisch und scheint mitunter unlogisch zu sein, aber gewisse Regelmäßigkeiten gibt es doch, sonst wäre ja auch die Verständigung nicht möglich. Meine Frage ist, ob Regelmäßigkeiten den Lernenden bewusst gemacht werden?
Auch will ich mir die Bemerkung erlauben, dass allein das Schreiben von Diktaten wenig hilft, das Richtigschreiben zu lernen. Das Diktat in der Schule kann nur eine Prüfung sein, in der der oder die Lernende zeigt, welche gegenwärtigen Kenntnisse der Orthografie die Person hat. Die Rechtschreibung lernen kann man durch Lesen, insbesondere durch das Lesen von Büchern, möglichst spannenden Büchern. Die Schreibweise der Wörter prägt sich dem Leser durch das Lesen ein. Und die Verbindung zur Grammatik – so sehe ich es jedenfalls – lässt sich gut her-stellen, indem vorgegebene Sätze grammatisch analysiert werden. Das angefangen mit der Vorgabe einfach konstruierter Sätze, dann mit einer Steigerung zu komplizierteren Sätzen. Das Feuilleton einer Zeitung bietet sich weniger an, hiermit ließen sich eher Grenzen der beschreibenden Grammatik feststellen, die vielleicht manchen Schüler oder Leser überforderten.

Wir wissen nicht, ob Goethe Fremdsprachen beherrscht hat. Von ihm ist aber der Spruch überliefert: „Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.“ Mir geht es hier um die Rolle des Fremdsprachenunterrichts an den Schulen. Vielleicht ist meine jetzt folgende Einschätzung falsch: Russisch als obligatorisches Schulfach in den allgemeinbildenden Schulen der DDR hätte sich zu zahlreichen Vergleichen und Gegenüberstellungen mit unserer Muttersprache angeboten. Was ist im Russischen anders als im Deutschen, was gibt es an sprachlichen Parallelen in beiden Sprachen? Nicht das sture Einpauken von Vokabeln oder von Redewendungen sollte das Ziel gewesen sein, sondern auch das Nebeneinanderstellen von grammatischen Erscheinungen beider Sprachen. Und das immer mit dem Hintergedanken, dass damit bei den Schülern das Bewusstmachen der Verhältnisse der eigenen Muttersprache gefestigt werden kann. Nehmen wir nur die Übersetzung von „Wie alt bist du?“ ins Russische. Wohl jeder, der die DDR-Schule absolviert hat, weiß es (hier vereinfacht die Übersetzung in lateinischen Buchstaben): „Skolko tebe let?“ Also eine völlig andere Konstruktion der Frage im Russischen: tebe – Dativ des Personalpronomens, let – Genitiv Plural von ‚god‘. Nur allein zu Übungszwecken könnten wir eine wörtliche Rückübersetzung ins Deutsche vornehmen.

Zwar sind die Verhältnisse zwischen dem Deutschen und den an den Schulen zur Zeit hauptsächlich gelehrten Fremdsprachen Englisch und Französisch etwas anders, aber wäre es nicht überlegenswert, Elemente des Vergleichs und der Gegenüberstellung in den Fremdsprachenunterricht und in den muttersprachlichen Unterricht mit aufzunehmen? War das nicht auch der Sinn des Zitats von Goethe?
Und sollte nicht etwas von der sogenannten Projektarbeit bei Schülern abgegangen werden? Von unseren anderen Enkelkindern haben wir öfter von Projektarbeiten gehört. So hatte der eine Enkel, damals 13-jährig, sich wegen Mithilfe an mich gewandt, weil er an dem Projekt „Ernährung in Russland“ arbeitete. Obwohl er nie richtige Soljanka gegessen hat. Liebe Freunde, das Wort „Projekt“ habe ich erst zu Beginn meines Berufslebens kennengelernt, also ziemlich spät in meinem Leben. Dafür konnte ich aber das deutsche Personalpronomen „ich“ deklinieren.
Wie wäre es denn, liebe Lehrerinnen und Lehrer der deutschen Sprache, wenn Sie Ihren Schülern als Projekt die Aufgabe vorgeben: „Gibt es einen Zusammenhang zwischen der deutschen Rechtschreibung und Kenntnissen in der Grammatik?“ Da sind zahlreiche Varianten der Aufgabenstellung möglich.

Dieter Mengwasser
Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer

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