Ich spreche Deutsch: Unter Beschuss

Was würden Sie denken, wenn jemand zu Ihnen sagt: “Wir holen unser Brot immer beim Bäcker, nicht im Supermarkt.” Vielleicht denken Sie, dass die da ihre Gründe haben, vielleicht ist das Brot frischer, vielleicht riecht es besser, vielleicht schmeckt es besser, vielleicht gibt es noch andere leckere Sachen beim Bäcker, die so nicht im Supermarkt angeboten werden, oder vielleicht denken Sie auch nur, die können es sich leisten, der hat ja jeden Monat ein fettes Gehalt.

Es könnte vielfältig sein, was Sie so denken. Aber an eine Sache denken Sie garantiert nicht; so ein Gedanke läge Ihnen ganz fern. Sie kommen wahrscheinlich auf einen solchen Gedanken nur dann, wenn Sie den folgenden Satz lesen: „Unser Bäcker, der guckt immer nach jungen Frauen!“ Ja, tatsächlich, der hier erwähnte Bäcker ist ein Mann, eine – im Amtsdeutsch – Person männlichen Geschlechts. Einen solchen Gedanken hätten Sie auf keinen Fall mit dem Brotkaufen verbunden. Denn der Bäcker ist erstmal eine handwerkliche Einrichtung, eine Art Institution, deren Zweckbestimmung es ist, aus Mehl und Zutaten etwas Schmackhaftes und Nahrhaftes herzustellen. Und vielleicht ist es im konkreten Falle nicht einmal ein Mann, der den Teig zubereitet und am Ofen steht, sondern seine Frau oder seine Tochter, weil der alte Meister krank oder gar gestorben ist.

In unserer jahrhundertelangen Geschichte waren es immer wieder Männer, die – ganz früher, zu Urzeiten – auf die Jagd gingen, dann als Bauern die Felder bestellten, als Handwerker tätig waren, zu den Soldaten eingezogen wurden. Als Familienväter hatten sie ihre Familien zu versorgen, waren Gerber, Schuhmacher, Schmied, Kaufmann, wurden mit der Industrialisierung Schlosser, Maurer, Dreher, Tischler, Koch, Maschinenarbeiter. Manche, auf dem Lande, wurden Knecht, andere arbeiteten in Büros, wurden Angestellte, Beamte oder gar Direktoren. Den Frauen sollten bis in gar nicht allzu weit zurückliegender Zeit die drei ,K’ vorbehalten bleiben: Küche, Kinder, Kirche. Das waren die Bereiche, in denen sie sich zu bewegen hatten.

Doch es regte sich mit der zunehmenden Einbeziehung der Frauen in die Arbeitsprozesse der modernen Wirtschaft immer mehr Widerstand. Nach Erkämpfung des Achtstundentags in den USA, verbunden mit Streiks und einem blutigen Massaker am 1. Mai 1886 in Chicago (daher der 1. Mai als Kampftag der Arbeiterbewegung), erlebten die Frauenrechtler einen Aufschwung in ihrem Kampf, der sich auch auf Europa und Deutschland ausbreitete und Widerhall vor allem unter den Arbeiterinnen der Textilbranche, des Hauptbeschäftigungszweiges der weiblichen Beschäftigten, fand. In Deutschland waren es insbesondere Clara Zetkin und Rosa Luxemburg, die sich für die Frauenrechte und das aktive und passive Frauenwahlrecht einsetzten, das dann endlich auch im November 1918 in das Reichswahlgesetz aufgenommen wurde.

Dass es also immer Männer waren, die über Jahrhunderte lang die Arbeitswelt bestimmt haben, hatte auch zur Folge, dass die Bezeichnungen ihrer Berufe und Tätigkeiten auch männlich waren, zumindest aus der Sicht der Grammatik der deutschen Sprache. Angefangen bei den traditionellen Berufen: – den Bäcker haben wir schon genannt – der Bauer, der Hirte, der Fleischer, der Tischler, der Schneider, der Schmied, der Friseur, der Wagenbauer, weiter der Schlosser, der Elektriker, der Zerspaner, der Dreher, der Bergmann, auch der Bürgermeister, der Chirurg, der Reporter usw. usf., die Liste könnte ganze Zeitungsseiten füllen. Nach und nach sind aber auch immer mehr Frauen in die Arbeitswelt vorgestoßen oder wurden durch Krieg, Hunger und Not dazu gezwungen. Mit ihnen kamen auch die Bezeichnungen: die Schneiderin, die Friseuse, die Kindergärtnerin, die Ärztin, die Bäuerin usw. Von der Tradition her jedoch wird im allgemeinen Sprachgebrauch und in den Medien immer noch die grammatisch gesehen männliche Form der Bezeichnungen bevorzugt – siehe unser Beispiel ganz oben mit dem Brotkaufen beim Bäcker.

„Ich lasse mir jetzt einen Anzug vom Schneider fertigen.“, da spielt der Fakt des Anfertigens eines Maßanzuges die entscheidende Rolle, nicht, wer da wirklich zu Schere und Faden greift. Es sind also hauptsächlich männlich anmutende Bezeichnungen für die Benennung von Gattungen, und diese Erscheinung wird „generisches Maskulinum“ genannt. Das aus grammatischer Sicht männliche Geschlechtswort schließt eben auch die weiblichen Personen ein. Nehmen wir Sätze als Beispiele: „Nach dem brutalen Mord kam es in vielen Städten zu Protestdemonstrationen der Taxifahrer.“ – da waren natürlich auch Taxifahrerinnen dabei. „Zu sozialistischen Zeiten waren die Ärzte in Rumänien schlecht bezahlt.“ – auch die Ärztinnen. „In Afrika leben die Löwen, in Asien gibt es Tiger.“ – natürlich gibt es da auch die weiblichen Tiere, anders wäre die Fortpflanzung der Tiere nicht möglich.

Dieses generische Maskulinum ist gewissermaßen eine Verallgemeinerung, die lebende Wesen beiderlei Geschlechts umfasst. Auch bei den Meldungen über Geisterfahrer auf Autobahnen wird das generische Maskulinum verwendet, wie wir es einer jungen Frau erklärt hatten, die in einem Leserbrief an unsere Kompakt-Zeitung mal angefragt hatte, warum nicht gesagt wird, dass es sich doch auch um eine Geisterfahrerin handeln könnte. In manchen Fällen unserer deutschen Sprache können wir sogar auch von einem generischen Femininum sprechen: “In unserem Keller haben wir Mäuse.” – abgeleitet von ‘die Maus’, wobei wir natürlich wissen, dass auch männliche Tiere (Mäuseriche genannt?) darunter sind. Oder nehmen wir die Katzen: “Da war mir doch neulich eine Katze vors Auto gelaufen.” – könnte es nicht auch ein Kater gewesen sein? Selbst ein generisches Neutrum, also das verallgemeinernde sächliche Geschlechtswort, ist in der Betrachtung gerechtfertigt: das Kind, das Tier, das Pferd, das Eichhörnchen, das Kamel, das Rind, das Vieh.

Es stellt sich auch die Frage, ob es überhaupt eine Logik für die Verwendung der sogenannten Geschlechtswörter in unserer Sprache gibt. Als Wladimir Kaminer, jetzt erfolgreicher Schriftsteller, Anfang der 1990er Jahre nach Deutschland kam, begann er, Deutsch zu lernen. Dabei stellte er mit Erstaunen fest: „Im Deutschen ist der Busen männlich, die Kartoffel ist weiblich, und das Weib ist eine Sache.“ Diese Bezeichnungen haben tatsächlich nichts mit dem natürlichen, biologischen Geschlecht zu tun. Man müsste sich auch fragen, ob die Bezeichnung „Geschlechtswort“ als grammatische Kategorie überhaupt gerechtfertigt ist. Ob ein Gegenstand mit dem Geschlechtswort „der“, „die“ oder „das“ bezeichnet wird, scheint doch ziemlich willkürlich zu sein. Nehmen wir ganz einfach Gegenstände unserer Wohnung: der Teppich, der Schrank, der Fernseher, der Sessel, der Stuhl, der Vorhang usw. Gibt es an diesen Gegenständen etwas Männliches?

Nun gut, kommen wir wieder zurück zur Frauenbewegung. Frauen bilden mindestens die Hälfte der Bevölkerung, und ihr gewichtiger Anteil am gesellschaftlichen Leben und in der Ar-beitswelt ist nicht zu leugnen. Frauenrechtler sind sich dessen bewusst und kritisieren, dass sich die wichtige Rolle des weiblichen Geschlechts nicht auch in der Sprache widerspiegelt. Sie fordern eine „geschlechtergerechtere“ Sprache, und im Rahmen des Gender-Mainstreaming soll die Gleichstellung von Mann und Frau auch in der Sprache verwirklicht werden. Unter Beschuss gerät das oben genannte generische Maskulinum. Von der Politik wird dieses Thema gerne aufgegriffen, geht es doch auch darum, sich die Stimmen von Wählerinnen zu verschaffen, und, nicht zu unterschätzen, so ein bisschen an der Sprache zu manipulieren, das kostet ja auch kein großes Geld. Wie aber könnte eine praktische Umsetzung solcher Forderungen aussehen? Sehen wir uns doch mal das StGB, das Strafgesetzbuch, an. Im Paragraph 211 heißt es: „Der Mörder wird mit lebenslanger Freiheitsstrafe bestraft.“ Wenn wir gegen das generische Maskulinum sind, nach welchem verallgemeinernd auch die Mörderin bestraft wird, müsste der Paragraph neu formuliert werden und die Mörderin extra angeführt werden. Insgesamt wurden im StGB mehr als 500 Textstellen gefunden, die bei konsequentem Verzicht auf das generische Maskulinum geändert werden müssten.

Wenn wir alle auch einverstanden sind mit der besseren Widerspiegelung des Weiblichen in unserer Sprache, so erhebt sich dennoch die Frage, in welcher Art und Weise dies geschehen soll. Gegenwärtig befinden wir uns so in einer Art Erprobungsphase. Das äußert sich darin, dass Sie Konstruktionen lesen wie „Wir wenden uns an unsere Wählerinnen und Wähler …“, „Liebe Bürgerinnen und Bürger …“, also Konstruktionen, bei denen lange gesprochen oder geschrieben wird, ohne dass aber viel Wesentliches gesagt wird. Das ist schon erkannt worden, deshalb wurden Hilfskonstruktionen wie Gender-Gap und Gender-Sternchen erfunden: Bürger-innen, Wähler-innen, Bürgerinnen, Wählerinnen. In manchen Quellen können Sie auch einen Schrägstrich lesen: Wähler/innen, Bürger/innen. Im Radio klingt es dann so: „Wähler“ – kleine Kunstpause – „innen“.

Ich muss gestehen, dass ich einen solchen Text im Radio das erste Mal nicht gleich auf Anhieb verstanden habe. Auf jeden Fall, so sehe ich es, klingt es künstlich und gestelzt. Sowohl für den mündlichen als auch für den schriftlichen Gebrauch unserer Sprache können solche Konstruktionen von Wortgebilden doch keine dauerhafte Lösung sein. Es ist daher auch kein Wunder, dass Anwender solcher und ähnlicher Konstruktionen mitunter lächerlich gemacht werden, wie z. B. eine Berliner Professorin, die vorschlug, mit dem Wort “Profx” den Plural von Professor und Professorin zu bezeichnen.

Ach ja, noch eine Frage: Waren Sie schon mal auf dem Bürgerbüro? Zur Überwindung des generischen Maskulinums müsste es vielleicht heißen: “Bürger*innenbüro”. Oder als Lehrer können Sie demnächst dann im Lehrer/innenzimmer die Schulhefte Ihrer Schüler und Schülerinnen korrigieren, oder vielleicht doch lieber im Lehrendenzimmer (ähnlich dazu, dass es ja Studenten nicht mehr gibt, sondern Studierende). Kurz, diese zusammengesetzten Substantive haben es in sich, wenn wir die Umstellung auf geschlechtergerechtere Sprache weiter vorantreiben. Übrigens: Synonyme sind sinnverwandte Wörter. Zum Wort “verhunzen” gibt es mindestens folgende Synonyme: entstellen, verstümmeln, verunstalten, verzerren, verkorksen, vermurksen, verpfuschen, versauen, verschandeln.

Es bleibt also spannend in der Erwartung, liebe Leserinnen und Leser (Lesende?), wie Sie in fünf oder zehn Jahren angeredet werden.

Dieter Mengwasser Dipl.-Dolmetscher u. -Übersetzer