Dienstag, November 29, 2022

ICH SPRECHE DEUTSCH

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Kontext, Kontext und nochmals Kontext

Bernd und Dagmar haben ein Eigenheim. An der Terrasse wollen sie einige Veränderungen vornehmen, und dazu hat Bernd aus dem Baumarkt mehrere Säcke Zement geholt und sie auf die Terrasse gelegt. Morgen sollen die Arbeiten beginnen. Dagmar schaut zum Himmel. – Du, das könnte regnen, besser, wenn du den Zement abdeckst. Der Mann holt eine Plane und zieht sie über den Baustoff. 

Günther ist Fährmann im Spreewald. Er hat seinen eigenen Kahn. Für heute hat sich eine Hochzeitsgesellschaft angekündigt, er wird die Gäste durch die Fließe und Schleusen von Lübben befördern. Bis zur Abfahrt um 10.00 Uhr muss Günther noch Getränke und Knabbergebäck an Bord bringen, Kissen und Platzdeckchen auflegen und Blumen auf die kleinen Tische stellen. Schließlich sollen sich die Gäste wohlfühlen. Er schaut zum Himmel. Gerade war ein kleiner Regenschauer durchgezogen. Ein Glück, dass er den Kahn noch nicht abgedeckt hat. 

Haben Sie bemerkt, liebe Leserinnen und Leser, worum es hier geht? Es geht um ‚abdecken‘. Da werden Zementsäcke abgedeckt, um sie vor Regen zu schützen. Und dann wird ein Kahn abgedeckt. Das geht doch nicht, das ist doch nicht möglich! Dasselbe Wort, nämlich ‚abdecken‘, mit der einen Bedeutung, und dann nochmal, aber mit einer anderen, sogar gegensätzlichen Bedeutung! Denn Günther muss, um seinen Fahrgästen den Zugang zu seinem Kahn zu ermöglichen, ihn abdecken, das heißt, die für die Nacht gegen eventuellen Regen aufgelegte Schutzplane abnehmen, wegnehmen, herunterziehen. Bernd musste die Zementsäcke abdecken, um sie vor Regen zu schützen. ‚abdecken‘ hier in der Bedeutung, eine Schutzplane darüber zu ziehen.  

Aber ich bin überzeugt, dass Sie den Text der beiden kleinen Abschnitte mit den Zementsäcken und dem Spreewaldkahn sofort richtig, ohne Schwierigkeiten, verstanden haben. Wieso? Weil Sie den Kontext kennen und berücksichtigen. Vielleicht sogar ganz intuitiv, ohne großes Nachdenken oder Überlegen. Kontext, im Lateinischen ‚contextus‘, auf Deutsch ‚Zusammenhang‘. In dem geschilderten inhaltlichen Gedanken- und Sinnzusammenhang, in den beschriebenen Situationen sind Äußerungen so oder anders zu verstehen. Im Prinzip ist jegliche Äußerung, sei sie mündlich oder schriftlich, erst durch den Kontext, also die jeweilige Situation, den jeweiligen Zusammenhang, das jeweilige Umfeld, verständlich. „Ich habe keinen Bock!“, diesen Satz haben Sie vielleicht schon einmal gehört. Sprecher war wahrscheinlich ein junger Mann. ‚Bock‘ kann vieles sein: ein Gestell oder eine Aufnahmevorrichtung, der Sitz des Kutschers auf einem von Pferden gezogenen Wagen, das männliche Tier der Gattung Ziegen oder Rehe, und ähnliches. Das alles aber interessiert den jungen Mann nicht. Er will einfach sagen, dass er keine Lust hat, das von ihm Gewünschte zu machen. Der Kontext kann eine Frage sein (‚Kommst du heute mit ins Kino?‘), ein Wunsch seiner Mutter (‚Du müsstest eigentlich mal dein Zimmer aufräumen!‘), eine Forderung seines Arbeitgebers (‚Heute musst du noch zu einem Kunden nach Staßfurt fahren.‘) oder ähnliches. Schon der Gesichtsausdruck des jungen Mannes könnte seine Reaktion verdeutlichen und uns als Kontext dienen.

Häufig sind wir uns dessen gar nicht bewusst, dass wir vom Kontext abhängen. Es kann Ihnen passieren, dass der Gastgeber beim Grillabend mit Freunden sagt, wenn das Essen dann auf dem Tisch steht: „So, jetzt haut rein!“ Sie wissen, was gemeint ist: ordentlich zulangen, sich nicht genieren beim Essen. Keinesfalls ist das eine Aufforderung zur Prügelei. Jedoch könnte eine solche Äußerung – „Haut rein!“ – nach einem aufregenden Fußballspiel durch pöbelnde Fans völlig anders ausgelegt werden.  

Durch den Kontext werden Wörter, die mehrere Bedeutungen haben können, eindeutig gemacht. Dieses ‚abdecken‘ ist nur ein Beispiel, es steht ganz und gar nicht allein. Unser Leser Herr Gliwa hat uns dazu weitere Beispiele genannt: ‚Mutter‘, einmal als weibliches Wesen in der Familie und im Maschinenbau zusammen mit der Schraube als technisches Verbindungselement. Dabei treten hier noch zwei unterschiedliche Pluralformen auf: ‚Russische Mütter protestieren gegen den Einsatz ihrer Söhne als Kanonenfutter im Krieg.‘, ‚Für das Anziehen der Muttern wird ein Drehmoment von 120 Nm empfohlen.‘, ‚das Schloss des Multimilliardärs‘, ‚das Schloss am Fahrrad ist durchtrennt worden.‘, ‚Sitzt du gut auf dem Stuhl?‘, ‚Der Arzt bat ihn, eine Probe des Stuhls vom gestrigen Tag zur Laboruntersuchung zu bringen.‘ Dass nicht nur Substantive mehrdeutig sein können, sondern auch Verben, zeigt auch das Beispiel: ‚Was habt ihr an?‘ (Wahrscheinlich ist gemeint, was für Kleidung tragt ihr im Moment.) Mögliche, lustig gemeinte Antwort: ‚Wir haben nichts weiter an als das Radio.‘ ‚Weg da!‘ – ‚Der Weg da führt zum Wasserfall.‘ Hier, im konkreten Fall, haben wir es mit der gleichen Schreibweise zu tun, weil bei ‚Weg da!‘ die Großschreibung wegen Beginn des Satzes gilt. Aber diese Wörter werden unterschiedlich ausgesprochen: ‚weg‘ mit offenem ‚e‘, ‚Weg‘ als Substantiv mit geschlossenem ‚e‘. Begegnen wir beim Lesen diesen Wörtern, erkennen wir aufgrund des Kontexts, also der Situation, welche Bedeutung zutreffend ist.  ‚arm‘ und ‚Arm‘ lässt sich von der Bedeutung her ebenfalls nur anhand des Kontexts unterscheiden. 

Am Verb ‚übersetzen‘ können wir je nach Bedeutung eine unterschiedliche Betonung der Silben des Wortes feststellen. Sprechen Sie vor sich hin: ‚Die Truppen wollten mit den Booten auf das gegenüberliegende Flussufer übersetzen.‘, ‚Der Dolmetscher muss die Rede des Präsidenten übersetzen.‘ Im ersten Fall – mit Booten übersetzen – liegt die Betonung auf ‚über‘, im zweiten – fremdsprachigen Text übersetzen – auf ‚setzen‘. 

Bei unseren Computern und Smartphones haben wir es hauptsächlich nur noch mit Apps zu tun, abgekürzt von ‚application software‘. Dies sind kleine Programme, die nicht zum Laufen der Systemsoftware erforderlich sind. Bis vor einigen Jahren wurden sie in den Computerbeschreibungen als ‚Anwendungen‘ bezeichnet. Nur aus dem Kontext wurden die Anwendungen eindeutig, und keinesfalls ging es um die Anwendungen von warmen Wassergüssen zur Behandlung kranker Patienten.

Hören oder lesen wir nur isolierte Wörter, also ohne Kontext, dann können wir in Schwierigkeiten kommen. ‚Fuchs‘ – ist das das kleine Raubtier oder ein Pferd mit rötlichem Fell? ‚die Blume‘ – ist die blühende Pflanze gemeint, oder der Duft des Weins, oder der Schaum oben im Bierglas? Manchmal wird auch etwas durch die Blume gesagt, also etwas versteckt, verblümt, nicht ganz direkt. Missverständnisse könnten entstehen, wenn Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen zusammentreffen und eine Situation anders als der Gesprächspartner auffassen. Wenn von Nonnen und Mönchen gesprochen wird, dann geht es nicht unbedingt um Klöster, sondern bei entsprechenden Fachleuten um Ziegel für Dächer. 

Zum Schluss noch ‚Aufgabe‘. Ein Musterbeispiel dafür, dass dieses Wort ohne Kontext nicht verständlich ist! ‚Die Regierung hat jetzt diese Aufgabe zu erfüllen.‘ ‚Die Aufgabe der Stadt Mariupol war angesichts der russischen Übermacht nur noch eine Frage der Zeit.‘ ‚Der Generalsekretär der Partei hat sich endlich zur Aufgabe seines Amtes entschlossen.‘ ‚Für die Aufgabe der Heiratsannonce musste ich 120 Euro bezahlen.‘    

Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, werden viele weitere Beispiele einfallen, in denen der Kontext, also die Situation, das Umfeld, entscheidend für die Bedeutung von Wörtern ist.

Text: Dieter Mengwasser, Dipl.-Dolmetscher & -Übersetzer, Seite 31, Kompakt Zeitung Nr. 219

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